Das Bild des geschockten Andrew auf dem Rücksitz eines Wagens zeigt einen Nichtsnutz am Tiefpunkt seines Lebens.
Andrew-FestnahmeDas Bild, das vom Ex-Prinzen bleiben wird

Eine Medienvertreterin hält ein Exemplar der Zeitung „The Sun“ auf dem Landgut Sandringham in Norfolk in der Hand, wohin Andrew Mounbatten-Windsor nach seinem Auszug aus der Royal Lodge in Windsor umgezogen ist.
Copyright: Jordan Pettitt/PA Wire/dpa
„Dort liegt der Wahnsinn“, spricht König Lear, als er sich – von den eigenen Töchtern aus seinen Burgen verbannt – obdachlos auf sturmumtoster Heide wiederfindet. Vor wenigen Monaten noch war Andrew Mountbatten-Windsor ein Prinz gewesen, und Herzog von York. Dann hatte ihn sein Bruder, König Charles III., aller Titel und Ehren enthoben. Hatte ihn aus seinem Wohnsitz, der Royal Lodge im königlichen Park von Windsor, geworfen und in die tiefste ostenglische Provinz, nach Sandringham in der Grafschaft Norfolk, verbannt.
Hier fuhr die Thames Valley Polizei am Donnerstagmorgen mit sechs grauen Landrovern vor, um den ehemaligen Prinzen zu verhaften. Weil es außerdem sein 66. Geburtstag war, standen bereits etliche Fotografen und Kamerateams vor dem Landsitz zur Stelle, um den historischen Vorgang für die Nachwelt zu dokumentieren.
Ein unerhörter Vorgang, die Erniedrigung war vollkommen: Andrew Mountbatten-Windsor ist der erste Royal, der festgenommen wurde, seit das Londoner Parlament Charles I. vor knapp 400 Jahren unter Hausarrest stellte. Für den unbelehrbaren Vertreter des Gottesgnadentums endete das damals mit seiner Hinrichtung. Andrew droht immerhin lebenslange Haft. Ihm wird vorgeworfen, in seiner früheren Rolle als Handelsbeauftragter des Vereinigten Königreichs vertrauliche Dokumente an den 2019 gestorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergeleitet zu haben.
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Ein Fall, so tief wie der eines tragischen Helden
Ein Fall, so tief wie der eines tragischen Helden. Auch wenn es schon lange her ist: Als solcher ließ sich der Lieblingssohn von Königin Elisabeth II. einst feiern, nachdem er in der Rolle des siegreichen Prinzen – er war als Helikopterpilot auf dem Flugzeugträger „Invincible“ stationiert – aus dem Falkland-Krieg zurückgekehrt war.
Ein Bild für die Ewigkeit schoss keiner der vor dem Sandringham Estate wartenden Paparazzi. Das gelang erst dem Reuters-Fotografen Phil Noble, der geduldig vor der Polizeiwache in Aylsham gewartet hatte, wo Andrew fast zwölf Stunden lang verhört oder zumindest festgehalten worden war.
Wir sehen einen Menschen am Tiefpunkt seines Lebens. Der aus dem Polizeigewahrsam Entlassene scheint in der Rückbank des Wagens, der ihn von der Wache abgeholt hat, regelrecht versinken zu wollen. Wegen der getönten Scheiben des Wagens hat der Fotograf einen starken Blitz verwendet, zu erkennen am Rote-Augen-Effekt, der entsteht, wenn das Licht von der stark durchbluteten Netzhaut in der Camera obscura der Pupille reflektiert wird. Das auf diese Weise dem Lauf der Dinge entrissene Subjekt hat dann oft etwas von einem Tier in der Fotofalle, überrascht von etwas, das es nicht wirklich begreifen kann.
Vielleicht bleibt Andrew nur noch die Flucht in den Wahnsinn
Die halb verschränkten Hände, der offene Mund, sowie der augenfällige Kontrast zum grimmig-entschlossen dreinblickenden Fahrer verstärken noch den Eindruck von jemandem, der nicht mehr versteht, was da gerade mit ihm passiert, der gerade unbehaust auf die Heide gestellt wurde, in eine Nacht „zu rau für menschliche Natur, sie auszuhalten“, um noch einmal „König Lear“ zu bemühen. Einem, dem vielleicht nur noch die Flucht in den Wahnsinn bleibt.
Phil Nobles Blitz-Bild prangt am nächsten Morgen riesengroß auf der Titelseite fast aller britischen Zeitungen. Als „verstört, beschämt und gequält“ beschreibt die „Daily Mail“ den Gesichtsausdruck des Gefallenen unter der Ein-Wort-Überschrift „Untergang“. Er habe die moderne Monarchie in ihre größte Gefahr gestürzt. Und die Kollegen von der „Sun“ titeln hämisch „Jetzt schwitzt er“, in Anspielung auf die Schutzbehauptung, er schwitze nie, in die sich Andrew in einem für ihn desaströsen Interview geflüchtet hatte.
Ein Königsdrama oder doch eher eine königliche Farce?
Es ist ein Königsdrama oder doch eher eine königliche Farce, der wir live und in Farbe beiwohnen können. Ein dem Fußvolk Enthobener, der in Privatflugzeugen um die Welt jettete, seine Nichtsnutzigkeit aus den Steuern eines Gemeinwesens finanziert, dessen Gesetze ihm nichts anhaben konnten – ein solcher Kostgänger landet plötzlich unter den Füßen dieses Volkes. Andrew Mountbatten-Windsor wurde als Nummer Zwei der britischen Thronfolge geboren, als ein weiterer Hoffnungsträger der „Royal Family“. So lautete der Titel einer BBC-Dokumentation, die die Königin 1969 in Auftrag gegeben hatte, in der Hoffnung, den Bund zwischen der Monarchie und dem modernen Fernsehpublikum aufzufrischen – stattdessen verwandelte sie ihre wenig öffentlichkeitstaugliche Familie in die erste Reality-Sitcom der TV-Geschichte.
Die Verhaftung „eines Mannes in den Sechzigern aus Norfolk“, wie die örtliche Polizei den Ex-Prinz gegenüber den Medien beschrieb, markiert nun den absoluten Nullpunkt dieser fortschreitenden Entzauberung. „Nicht alles Wasser in der rauen, wilden See/Kann den Balsam von einem gesalbten König waschen“, behauptet König Richard II. im shakespeareschen Historiendrama. Bald darauf muss der dem Volk verhasste Monarch seine Krone abgeben. Ein Herrscher ohne Rückhalt kann keiner mehr sein. Selbst der treue Duke of York hatte sich auf die Seite der Rebellen geschlagen. Dessen historisches Vorbild war übrigens der erste Träger dieses Titels. Andrew Windsor-Mountbatten ist sein vorerst letzter.
Dieser Herzog hat sich selbst verraten. „Begriffsstutzig, rücksichtslos eigennützig und mit der moralischen Haut eines Nashorns“, so beschreibt ihn der britische Intellektuelle Terry Eagleton. Ein adeliger Trottel, für den eher ein Monty-Python-Sketch als ein Shakespeare-Drama angemessen wäre.
Wären da nicht die jungen Opfer der Epstein-Clique, allen voran die tapfere Virginia Roberts Giuffre, mit deren Vorwürfen Andrews Untergang begann: Im Alter von 17, erklärte Giuffre 2019 im Rahmen einer BBC-Sondersendung, sei sie von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell nach London gebracht und dort gezwungen worden, mit Prinz Andrew Geschlechtsverkehr zu haben. Keine Sexgeschichte sei das, sondern eine Geschichte über Menschenhandel und Missbrauch: „Und es ist eine Geschichte über ein Mitglied eures Königshauses.“

