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Autorin Daniela Dröscher über Lesungen„Das können magische Momente sein“

9 min
Daniela Dröscher

Daniela Dröscher

Beim Festival „kindly invited“ geht es vom 25. Februar bis zum 1. März im Kölner Comedia Theater um die Zukunft der Literatur auf der Bühne.

Frau Dröscher, Lesungen – so hört man – sind für viele Autoren wichtiger als die Einnahmen aus den Buchverkäufen. Sind Lesereisen für Sie mehr als ein notwendiges Übel zum Geldverdienen?

Bis zu dem Erfolg von „Lügen über meine Mutter“ habe ich mit den Büchern weniger verdient als mit den Lesungen. Inzwischen ist es anders, aber Lesungen bleiben trotzdem noch ein wesentlicher Faktor. Deshalb war Corona ja auch so hart – weil viele von uns  kaum noch etwas verdient haben. Für mich waren Lesungen viele Jahre tatsächlich so eine Art Stiefkind, das eben notgedrungen zu meinem Beruf dazugehörte. Als ich angefangen habe zu schreiben, war mir gar nicht klar, wie wesentlich das einmal sein wird. Überhaupt das Mündliche - auch Interviews, Podcasts und all das. Aber inzwischen liebe ich Lesungen sehr. Ich glaube, dass man das auch merkt. Denn wenn jemand gerne auf der Bühne liest, hört das Publikum  anders zu.

Wie hat sich das verändert?

Meinen Weg in diese Liebe zum gesprochenen Wort und zum öffentlichen Auftreten – den kann man bald nachlesen in dem Essay „Sprechen“. Darin geht es um meine Reise in die Sprache beziehungsweise ins Sprechen. Denn ich war früher sehr, sehr schüchtern. Es ist kein Zufall, dass ich Schriftstellerin geworden bin. Das Schreiben ist ja schon etwas Stilles, Leises. Man ist für sich. Und gleichzeitig war ich eigentlich im Privaten immer sehr gesellig, ich liebe Menschen und den Austausch. Aber die Öffentlichkeit, insbesondere die Hochkultur und literarische Öffentlichkeit, auch das Akademische, die Universität - das hat mich total eingeschüchtert, viele Jahre. Weil ich dachte, es muss perfekt, es muss druckreif sein.

Und jetzt sind Sie nicht mehr so streng mit sich?

Irgendwann habe ich angefangen, mir Fehler zu erlauben. Und auf einmal ging es besser. Auch durch Menschen, die mich ermutigt haben. Und durch Routine. Wenn man dreimal pro Woche irgendwo auftritt, wie bei meiner großen Lesereise mit „Lügen über meine Mutter“. Spätestens da war klar: Okay, ich habe gar keine Energie und Zeit mehr, aufgeregt zu sein. Bis auf diese schöne Form von Lampenfieber, das einen auch durch solche Abende trägt.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Lesung? Und an Ihre Ängste dabei?

Meinen allerersten Text habe ich von einer Schauspielerin lesen lassen, weil ich so schüchtern war, dass ich mich nicht getraut habe. Die erste Lesung, die ich selbst jemals hatte, war dann gleich auf der Leipziger Buchmesse. Sie wurde von der Autorenwerkstatt des Literarischen Kolloquiums Berlin (LCB) organisiert. Und da hat mich vor allem die Gruppe getragen: Wir waren alle neu, wir kannten uns alle nicht aus und hatten unsere unpublizierten Texte dabei. Meine größte Angst? Da gab es viele: Die Stimme versagt, ich betone etwas falsch, ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, ob es den Leuten gefällt oder nicht. Also eigentlich so eine Reihe von Ablenkungsmomenten, die mich als Lesende rausziehen. Man muss sehr konzentriert im Text und in der Präsenz sein, damit eine Lesung gut wird.

Ist es auf einer langen Lesereise nervig, wenn man bestimmte Fragen zum hundertsten Mal gestellt bekommt? Oder dieselbe Passage zum hundersten Mal liest?

Ich bin immer sehr wachsam, mich selbst nicht zu wiederholen - weil ich es mag, frisch zu denken. Deswegen achte ich ich darauf, nicht mit Konserven-Sätzen zu antworten. Ich versuche auch, mit den Fragen immer wieder neu zu lernen. Noch einmal was Neues darin zu entdecken, selbst wenn sie mir in der einen oder anderen Form schon mal gestellt wurden. Aber tatsächlich ist die Routine nicht zu unterschätzen. Ab einem bestimmten Punkt, nach der hundertsten, hundertfünfzigsten Lesung gibt es bei mir dann auch Standbein und Spielbein. Und dadurch entsteht eine neue Sicherheit, die Spaß macht. Also nicht so, dass man seinen eigenen Text und seine eigene Stimme nicht mehr hören kann. An dem Punkt war ich zum Glück noch nie. Mit dem letzten Roman war für mich von Anfang an klar, dass ich nur ein Jahr daraus lesen will. Ich wollte nicht diese ganz große Tour machen.

Warum?

Weil solche Lesereisen auch anstrengend ist. Wir sind viel in Zügen unterwegs, die Deutsche Bahn ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Und natürlich muss man sich jeden Abend neu einstellen: Ein neuer Raum, neue Moderation, neues Publikum. Das ist superschön, aber tatsächlich auch bisweilen ein Kraftakt. Und irgendwann muss ich ja auch mal schreiben.

Haben Sie denn auf so einer Lesetour mit dem fertigen Buch überhaupt den Kopf frei für Neues?

Ja, ich brauche das sogar. Als neue Welt, die sich parallel schon öffnet. Ich kann zum Glück sehr gut im Zug schreiben. Wenn man mir einen Tisch und einen Sitzplatz gibt, kann ich mich sehr gut wegtunneln, da bin ich gesegnet. Ich behaupte, bei mir liegt das an der Ökonomie der Mutterschaft. Als meine  Kinder klein waren, war die Zeit knapp und jede Stunde musste genutzt werden. Aber das ist nicht jedem gegeben und für viele ist es total schwer, diese Entscheidung zu treffen: Wie viele Lesungen sage ich zu? Weil dann eben die Zeit zum Schreiben für das neue Buch fehlt.

Wenn jemand gerne auf der Bühne liest, hört das Publikum  anders zu
Daniela Dröscher

Wann ist für Sie eine Lesung gelungen?

Wenn ich das Gefühl habe, das Publikum resoniert auf vielfältige Art und Weise. Es ist eine Präsenz im Raum, eine gebannte Aufmerksamkeit. Eine Spannung, vergleichbar mit der Spannung, die man bei einem guten Theaterabend erlebt. So eine Lesung ist ja auch etwas sehr Theatrales. Auch wenn es nur eine klassische Wasserglas-Lesung ist: Wir sind alle gemeinsam in einem Raum und erleben das Gleiche jeweils individuell. Und das ist toll, wenn diese Vielfalt von Erfahrungen zusammenkommt und sich an einem Text konzentriert. Dadurch entsteht ein Flow, auch in den Nachfragen aus dem Publikum. Und man merkt es an der Atmosphäre. Das können magische Momente sein, die man nicht planen oder vorhersehen kann.

Was macht eine gute Moderation aus?

Eine gute Moderation hat das Buch wirklich gelesen. Und zwar präzise gelesen. Es ist zum Glück seltener geworden, aber tatsächlich  passiert es trotzdem immer mal wieder, dass ein Buch nur flüchtig oder quer gelesen wurde. Und eine gute Moderation stellt offene Fragen. Sie beschreibt oder erklärt nicht, sondern versucht, das Thema in den Raum hinein zu öffnen. Und das nicht abstrakt, sondern ganz konkret am Text. Um dann auch größere Bögen zu spannen, bin ich ja eingeladen. In dieser Zweierkonstellation vorne ist weniger auf jeden Fall mehr.

Ist schon mal irgendetwas schiefgegangen?

Wenn technisch irgendetwas nicht funktioniert – der Ton zu leise ist oder die Anlage ganz ausfällt - sowas ist natürlich blöd. Und dann gibt es zum Glück sehr selten den Fall, dass ein Moderator – bisher ist mir das nur mit Männern passiert – seine Rolle als Gastgeber verlässt und nicht nur kritisch, sondern fast aggressiv versucht, irgendeine Agenda durchzuziehen.  Ich halte sowas aus, obwohl es natürlich unangenehm ist. Aber was ist mit dem Publikum, das 20 oder 30 Euro für den Abend bezahlt hat? Ganz sicher nicht dafür.

Verändert sich Ihre eigene Wahrnehmung von Ihrem Text nochmal, wenn Sie ihn sehr oft lesen?

Ja, der Blick auf den Text ändert sich fortwährend. Und das ist das Schöne, weil ich bei jeder Lesung irgendetwas neu sehe und neu lerne. Solange ich diese Offenheit habe, kann das gar nichts von Retorte haben. Weil das Gesprochene eine andere Ökonomie mit sich bringt, kürze ich meine Texte meist – und dann fallen mir natürlich auch gelegentlich Längen auf. Übrigens ist Humor auch etwas total Interessantes: An welchen Stellen lacht welches Publikum? Und an welchen Stellen radikal nicht? Das kann man überhaupt nicht voraussehen und das ist für mich super spannend.

Was glauben Sie, was Lesungen für das Publikum so attraktiv macht?

Dass überhaupt so viel gelesen wird, ist übrigens ein genuin deutsches Phänomen. Zwar gibt es in anderen Ländern oft Diskussionen bei Festivals. Aber diese langen Lesepassagen - zweimal 20 Minuten - das ist etwas ziemlich Deutsches. Vermutlich ist es  so eine Mischung aus Faszination und Neugier. Und hat auf jeden Fall auch damit zu tun, den Menschen hinter dem Buch kennenlernen zu wollen.  Und dann kommt man natürlich zusammen. Dieses Gemeinschaftserlebnis ist ähnlich wie Theater oder Kino. Ganz oft höre ich Feedback wie: „Ach - so kann man den Text auch lesen! Diese Dimension habe ich gar nicht gesehen, als ich das Buch alleine gelesen habe.“ Gerade Humor wird manchmal erst beim Hören verstanden, wenn man Teil eines Publikums ist. Und was viele dann auch noch mitnehmen aus diesen Abenden, ist die Stimme. Wann immer sie dann später ein Buch von dem Autor oder der Autorin lesen, haben sie die Stimme im Ohr.

Sie schreiben autofiktionale Texte - ist das noch mal ein anderer Schritt, mit etwas so Persönlichem in die Öffentlichkeit zu gehen?

Inzwischen kostet es mich keine wirkliche Überwindung mehr. Nur der erste Moment in der Öffentlichkeit - der ist wirklich interessant. Autofiktion zu schreiben ist tatsächlich etwas ganz anderes, als mit  Autofiktion im Radio-Studio zu sitzen oder erstmals bei der Premiere laut zu lesen. Da denke ich immer: Oje, was habe ich getan?! Es sind ja schon intime Momente, die man da teilt. Aber sie sind ja Literatur,und die Figuren Kunstfiguren geworden. Dieser minimale Abstand macht es leichter und dadurch wird es auch spielerischer und auch flexibler.

Es geht bei dem Festival auch um neue Formen der Literaturvermittlung – warum brauchen wir die überhaupt? Was spricht gegen zwei Leute auf der Bühne mit einem Buch und zwei Wassergläsern?

Das kann vollkommen ausreichend sein. Es ist aber immer wieder sehr produktiv, wenn die Literatur sich öffnet für andere Künste. Für den Austausch mit Musik, Performance, Theater, auch Bildender Kunst, Grafik... Das kann sich viel geben. Leider sind die Künste sind ja doch oft sehr separiert: Die Musiker sind unter sich, die Bildenden Künste sind unter sich und die Literatur ist unter sich. Ein Festival wie „Kindly Invited“ kann das öffnen. Wenn es stimmig ist, können das ganz großartige Abende sein. Und daraus erwachsen dann vielleicht wieder Formate, die wir später als klassisch wahrnehmen werden. Die Wasserglas-Lesung hat ja auch mal irgendjemand erfunden. Angeblich war es Walter Höllerer, im Rahmen der Gruppe 47.

Das Festival schreibt sich auf die Fahnen, dass Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche Räume der Begegnung eröffnen kann. Begegnen sich da nicht möglicherweise ohnehin nur Leute, die sich sonst auch schon begegnen? Und wenn ja: Wie könnte man das ändern?

Bei meinen Lesungen sind sehr häufig Menschen, die noch nie bei einer Lesung waren. Zum Beispiel ganz junge Frauen. Und sowas freut mich total. Das ist natürlich immer großartig, wenn dieser erste Schritt gemacht ist - dann kommen die Leute auch wieder. Also man kann schon so ein Impulsgeber sein. Und das hat auch damit zu tun, wofür man steht: Was sind das für Texte? In was für einer Sprache sind die geschrieben? Halten die Bücher Menschen eher auf Abstand oder sind sie wie eine ausgestreckte Hand? Die Literatur, die ich schreibe, hat vorsätzlich eine sehr klare Sprache. Und ganz oft entsteht so ein Lesungs-Besuch ja durch Freunde, Nachbarn oder Kollegen - man wird mitgenommen. Und dass das passiert, hat schon mit den Stoffen der Bücher zu tun. In meinem Buch „Lügen über meine Mutter“ habe ich von einer  Hausfrau erzählt. Mit dem Thema Hausfrau und Mutterschaft können viele etwas anfangen. Das hat ein breites Publikum angesprochen. Ein Publikum, das sich eingeladen fühlt und hoffentlich bei anderen Themen wiederkommt.

Das Gespräch führte Kerstin Meier


Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, hat im Fach Medienwissenschaft promoviert und "Szenisches Schreiben" an der Universität Graz studiert. Sie schreibt Prosa, Essays und Theatertexte und lebt in Berlin. Ihr autofiktionaler Roman „Lügen über meine Mutter“ (Kiepenheuer & Witsch) stand 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ihr Essay „Sprechen“ erscheint im April bei Hanser Berlin.

Beim Festival kindly invited geht es vom 25. Februar bis zum 1. März im Kölner Comedia Theater um die Zukunft der Literatur auf der Bühne. In Performances, Shows, Lesungen, Gesprächen und vielen weiteren Veranstaltungen will das Festival zeigen, wie Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche lebendig bleiben und neue Räume der Begegnung eröffnen kann. Daniela Dröscher ist am Donnerstag, 26. Februar, um 20.15 Uhr bei einer Veranstaltung zum Thema "Klatsch, Tratsch, Redefreiheit" dabei. Das Programm gibt es hier: comedia-koeln.de