Die erste Ausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ erschien am 14. November 1876. Der Start fiel in eine aufregende Zeit. Eine Zeitreise.
150 Jahre Kölner Stadt-Anzeiger1876: Was für ein Jahr für Köln!

Historisches Foto vom Weiterbau des Kölner Doms
Copyright: Hohe Domkirche Köln Dombauhütte
Die erste Ausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ erschien am 14. November 1876. Der Start fiel in eine aufregende Zeit, die auch von Widersprüchen geprägt war. Die Stadt fremdelte ein wenig mit den Preußen, Konrad Adenauer und Willi Ostermann, der wohl erste Popstar der Stadt, wurden geboren und der Otto-Verbrenner erfunden. Eine Zeitreise.
Die Themenauswahl der ersten Ausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ am 14. November 1876 war sehr speziell: Man widmete sich den „Ursachen des Witterungswechsels und den Gesetzen der Stürme“ und dem Bau neuer Verbindungen der Pferdebahnen zwischen Köln und den Vororten Nippes, Ehrenfeld und Lindenthal. Unter „Vermischte Nachrichten“ finden sich Meldungen über einen erschossenen Wilddieb im niedersächsischen Bückeburg und einen verurteilten Tischlergesellen. Der hatte in einer ungarischen Stadt die Witwe seines ehemaligen Meisters getötet. Es gab sicher Wichtigeres und Interessanteres an jenem Dienstag aus Köln und Umgebung zu berichten.
In Deutschland tobte der so genannte Kulturkampf, in dem Reichskanzler Otto von Bismarck den Einfluss der katholischen Kirche zurückdrängen wollte. Das hatte Folgen für das katholische Köln, im dem mit viel bürgerschaftlichem Engagement und modernster Bautechnik der Dom vollendet wurde. Die Menschen diskutierten wahrscheinlich über den Ausbau der Trinkwasserversorgung, die Wohnungsnot und eine schlechte Kartoffelernte. Und im Stadttheater wurde Beethovens Fidelio gespielt, im Hänneschen-Theater das Stück „Die Weckschnapp“, auf dem Neumarkt gastierte der Circus Renz.
Doch die wichtigste Nachricht in der Erstausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ war eine andere: „Preis der Anzeigen: 10 Pfennig die Zeile“ lautete die Überschrift auf der Titelseite. Die „Kölnische Zeitung“ brachte eine neue Beilage heraus, die „hauptsächlich communalen Interessen gewidmet sein soll“. Das bedeutete aber nicht, dass man die Leserinnen und Leser mit städtischen Nachrichten aus Politik, Wirtschaft oder Kultur versorgen wollte. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ sollte vielmehr vor allem ein Platz für preiswerte Anzeigen sein, „ein wirksames Organ für den geschäftlichen Verkehr und für den kleinen Arbeitsmarkt“.
Auch Menschen, die die „Kölnische Zeitung“ nicht abonniert hatten, sollten den Stadt-Anzeiger kostenlos bekommen können – „auch da, wo man unsere Zeitung nicht erhält; ebenso in den Vororten Kölns: Deutz, Nippes, Ehrenfeld, Bayenthal und so fort“. Die „Kölnische Zeitung“ hatte sich im 19. Jahrhundert zu einer überregional erfolgreichen Publikation entwickelt. Bereits 1805 kaufte der Verleger Marcus DuMont die Druckerei der Familie seiner Ehefrau Maria Katharina Jacobina Schauberg, in der die „Kölnische Zeitung“ gedruckt wurde. Als er auch die Rechte an der Zeitung übernahm, hatte diese nicht mehr als eine spärliche Auflage von wenigen hundert Exemplaren vorzuweisen. Seine Nachfahren führten die Geschäfte weiter. Aus dem kleinen Blatt wurde eine bedeutende deutsche Tageszeitung. Mit der wachsenden Auflage stiegen auch die Anzeigenpreise. Das neue Angebot, das der Verlag mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ machte, sollte kleine Betriebe und Geschäfte locken, denen die Werbung innerhalb der Grenzen der Stadt völlig ausreichte. Die redaktionelle und journalistische Arbeit war zunächst nur Nebensache.
Briefe von Leserinnen und Lesern wurden in der Rubrik „Sprechsaal“ veröffentlicht
Artikel über Kölner Ereignisse sollten nur erscheinen, wenn die Seiten nicht ausreichend mit Anzeigen belegt waren. Für wichtige Kölner Themen wie Besuche des Kaisers, den Dombau oder besondere Kulturereignisse blieb die Redaktion des Mutterblatts zuständig. Man verstand sich als eine „Zeitung für Unterhäuser“. Damit waren Geschäfte und Lokale im Erdgeschoss der Häuser gemeint, aber auch Hausfrauen und Dienstboten. Hier sollten sie erfahren, wo man für den alltäglichen Bedarf einkaufen konnte oder welche Freizeitaktivitäten nach Feierabend interessant sein könnten.
Es dauerte indes nicht lange, bis sich auch die Etagen über den Unterhäusern für die Angebote und Kaufinformationen im „Kölner Stadt-Anzeiger“ interessierten. Briefe von Leserinnen und Lesern wurden in der Rubrik „Sprechsaal“ veröffentlicht, die von Anfang an zum Konzept des neuen Blatts gehörte. Da ging es um ähnliche Themen wie heute: Klagen über zu viel Lärm, Verspätungen im – damals noch von Pferden gezogenen – öffentlichen Nahverkehr oder Versäumnisse der Stadtverwaltung, dazu Beschwerden über aufsässige Jugendliche oder gleichgültige Hundehalter, die sich nicht an Vorschriften hielten. Manchmal kommentierte ein Mitarbeiter der Redaktion die Einsendungen.
Der Start des „Kölner Stadt-Anzeiger“ fiel in eine aufregende Zeit. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatte sich das deutsche Kaiserreich gegründet. Das katholische Köln war in der protestantisch geprägten Monarchie. Zunächst fremdelte man ein wenig mit den Preußen. Paris als Hauptstadt des preußischen „Erbfeinds“ Frankreich lag vielen Rheinländern kulturell näher als Berlin. Andererseits verstanden es die Kölner immer schon, sich mit den politischen Gegebenheiten zu arrangieren und die Anpassung zum Vorteil der Stadt zu nutzen.

Der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer als 7-jähriger, 1883.
Copyright: StBKAH (Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus)
Die Vollendung des Dombaus ist dafür ein gutes Beispiel: Sie wurde nur durch die interkonfessionelle Kooperation der Kölner Bürgerschaft mit den preußischen Herrschern möglich, denen man eine fertiggebaute, imposante Kölner Kathedrale als nationales Symbol preußischer und deutscher Stärke im Westen schmackhaft machen konnte. Nur gemeinsam ließ sich dieser finanzielle Kraftakt stemmen. Köln war im Jahr 1876 von vielen Widersprüchen geprägt, die ausbalanciert werden mussten. Im Rückblick kann man staunen über die vielen Herausforderungen, die es zu meistern galt.
Köln war eine traditionsbewusste Stadt, die auch schon damals mächtig stolz auf ihre Geschichte und ihre Eigenarten war. Gleichzeitig wollte man sich der Moderne nicht verschließen. Es galt, in einer rasant voranschreitenden Industrialisierung die Kontrolle zu behalten und gleichzeitig von dieser Entwicklung zu profitieren, wie Friedrich Kießling in seiner aktuell erschienen Biografie über Konrad Adenauer schreibt. Der spätere Kölner Oberbürgermeister wurde – genau wie der wohl erste Popstar der Stadt, Willi Ostermann – im Gründungsjahr des Stadt-Anzeigers geboren. Köln hätte die Stellung als führendes urbanes Zentrum verlieren können, wenn man sich der neuen Zeit verweigert hätte, so Kießling. Die Stadt habe in dieser Zeit „ein doppeltes Gesicht“ gehabt. „Zum einen lebte es – und gerade seine Eliten – immer noch aus dem Bewusstsein heraus, die traditionsreiche Metropole im Westen Deutschlands zu sein. Auf der anderen Seite war die Geschichte aber auch Belastung.“
Köln sollte als Industriestandort Geschichte schreiben
Die Verantwortlichen schafften die Voraussetzungen für einen rasanten Wandel. Köln sollte als Industriestandort Geschichte schreiben. Im Mai 1876 gelang es dem Erfinder und Unternehmer Nikolaus August Otto erstmals, seinen Viertakt-Verbrennungsmotor in Gang zu bringen. Nach der Patentanmeldung wurde der Ottomotor weltberühmt. Die Weiche zur Motorisierung des Verkehrs auf der ganzen Welt wurde in der Kölner Firma „Motorenfabrik Deutz“ gestellt. 1876 befanden sich die meisten Industriebetriebe noch außerhalb der eigentlichen Stadtgrenze, die nach wie vor dem Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer entsprach. Das sollte sich ändern. Köln bereitete sich auf Wachstum und Eingemeindungen vor.
Die Stadtentwicklung sollte in den kommenden Jahrzehnten ein aus heutiger Sicht kaum vorstellbares Ausmaß annehmen: Durch die Eingemeindung der umliegenden Ortschaften wie Ehrenfeld, Nippes oder Lindenthal verfünffachte sich die Bevölkerung. Im Jahr der Reichsgründung 1871 hatte Köln knapp 130.000 Einwohner. 1914, nachdem auch die Industriestandorte Kalk und Mülheim dazu gekommen waren, zählte man fast 650.000. Mit der Zahl verband sich nicht nur der Aufstieg zur Industriemetropole, sondern auch eine unglaubliche Integrationsleistung.

Porträt Dr. Hermann Becker, Oberbürgermeister von Köln
Copyright: © Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv
Der Historiker Thomas Mergel beschreibt das eindrucksvoll in seinem Buch „Köln im Kaiserreich“, dem herausragenden Band 10 der Reihe „Die Geschichte der Stadt Köln“. Von der Art und Weise, wie Politik und Verwaltung diesen Prozess mit sozialen Maßnahmen, verstärktem Wohnungsbau, aber auch mit einer volksnahen, identitätsstiftenden Kulturpolitik bis 1914 gemanagt haben, kann man bis heute lernen. Die Stadt lockte Experten für besondere stadtplanerische Aufgaben und schuf steuernde Gremien. Im Februar 1876 gründete der Stadtrat „eine besondere Kommission zum Zwecke der energischen Wahrnehmung der städtischen Interessen bei der Lösung der Frage der Stadterweiterung“. Den Vorsitz übernahm Oberbürgermeister Hermann Becker.
Nachdem die Preußen den deutschen Revolutionsversuch von 1848/49 niedergeschlagen hatten, war der „rote Becker“ als ein wichtiger Akteur der Demokratiebewegung zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden. Dass er als vorbestrafter Linksliberaler im eher bürgerlich-konservativen Köln zum Oberbürgermeister gewählt wurde, war nicht nur für ihn eine Überraschung. Sichtbarstes Zeichen für Kölns Wachstum war die Schleifung der alten Stadtmauer. 1876 war die Entscheidung noch nicht reif, aber den Verantwortlichen war dennoch klar, dass Modernisierung und Weitentwicklung auch Opfer forderten. Der Mauerabriss musste vorbereitet werden. Man feilschte mit der Militärverwaltung über den Preis der Mauer, die man kaufen musste, um sie abreißen zu können. Gleichzeitig sollte das Großprojekt durch die Entwicklung neuen Baulands nach dem Abriss gegenfinanziert werden.
Was unsere Altvorderen bauen mussten, damit Köln groß wurde, das müssen wir sprengen, damit Köln nicht klein werde!
Während diese stadtprägende Veränderung hinter den Kulissen geplant wurde, diskutierten Politik und Bürgerschaft noch bis 1880 heftig über die Zukunft des über 700 Jahre alten Befestigungsrings mit seinen zwölf prachtvollen Torburgen. Dann hatten sich die Abrissbefürworter endgültig durchgesetzt. Als am Gereonshof die erste Bresche in die Mauer gesprengt wurde, soll Hermann Becker nach Angaben der „Chronik zur Geschichte der Stadt Köln“ von Peter Fuchs auf dem Trümmerberg gerufen haben: „Was unsere Altvorderen bauen mussten, damit Köln groß wurde, das müssen wir sprengen, damit Köln nicht klein werde!“ Die „Kölnische Zeitung“ vermeldete am nächsten Tag, dass der Reichskanzler per Telegramm gratuliert habe: Otto von Bismarck wünschte der „altberühmten Stadt neues Glück und Gedeihen im erweiterten Spielraum“.
