Kann man in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft noch Weihnachten feiern?, fragt unser Kolumnist, der Astrophysiker Heino Falcke.
KolumneWeihnachten ist die Party, bei der keiner zu spät dran ist

Vorweihnachtliche Dekoration am Eigelstein in Köln
Copyright: Michael Bause
Ich hasse es, irgendwo zu früh zu sein. Deshalb bin ich meistens zu spät. Manchmal übertreibe ich es allerdings. Ich erinnere mich, dass ich mal wieder etwas verspätet und völlig abgehetzt mit einer dicken Schüssel Wackelpudding zu einem Klassentreffen kam. Ich liebe Nachtisch, und Wackelpudding kann sogar ich machen. Als ich an der Haustüre klingelte, öffnete mir ein völlig erstaunter Gastgeber in Schlabberklamotten die Tür. Das Fest war schon vor einer Woche gewesen! Diesmal war echt nichts mehr zu retten, ich war wirklich zu spät und durfte den Nachtisch allein essen.
An diese Szene musste ich denken, als ich im Advent die kleine Krippe in unserer Kirche betrachtete. Tatsächlich hatte Frauen aus der Gemeinde schon vor Jahren in einem ökumenischen Akt des Ungehorsams diese katholische Tradition in unsere nüchterne evangelische Kirche gebracht. Zu Weihnachten steht also auch bei uns die Krippe mit Maria und Josef, Jesusbaby, Hirten und Engeln am Fuße des Altarraums.
Nur die Astronomen fehlen. Jedes Jahr kommen die Weisen aus dem Morgenland zu spät zur Party – es ist wirklich ein Kreuz mit ihnen. Immerhin sind sie entschuldigt. Die Männertruppe musste ja erst noch in Jerusalem nach dem Weg fragen, und das fällt Männern bekanntlich schwer, vor allem, wenn sie Akademiker sind.
Alles zum Thema Eigelstein
- Satirischer Wochenrückblick Die Wichtigtuer der Karnevalskiste
- „Layers“ am Eigelstein Warum dieses Kölner Keramikstudio mehr ist als ein Trend
- 💶Wie Kölner Banken verdächtige Überweisungen mit KI stoppen
- „Gangsterbraut vom Eigelstein“ Wie Trude Herr die Kölner Karnevalsszene herausforderte
- Architektur Was sich Köln von Paris abschauen kann
- „Unerträgliche Ignoranz“ Grüne-Politikerin Aymaz attackiert CSU wegen Syrien-Haltung
- Kölner Geheimnisse Was Sie bestimmt noch nicht über den Neumarkt wussten
Weihnachten hat die große Kraft, Menschen zusammenzubringen.
Zum Glück ist bei der Weihnachtsgeschichte keiner wirklich zu spät dran. Am Ende dürfen alle kommen: Junge und Alte, Hirten und Weise, Arme und Reiche, praktisch und unpraktisch Begabte – sowie Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Genau dafür stehen die drei Weisen. Weihnachten hat die große Kraft, Menschen zusammenzubringen. Damit ist das Fest es vielleicht eines der wichtigsten Kulturgüter, die wir haben. In einer Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet, brauchen wir Feiertage, die Menschen zusammenbringen.
Aber kann man in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft noch Weihnachten feiern?, fragt man sich da unwillkürlich. Ich denke, man kann, und man sollte sogar.
Liegt manchmal der wahre Himmel nicht in einem einfachen Stall?
Dies wurde mir in der Adventszeit besonders bewusst, als ich gebeten wurde, auf einem Weihnachtsempfang für Botschafter in Bern eine Predigt zu halten. Als ich auf die Liste der vertretenen Länder schaute, wurde mir etwas mulmig: Iran neben Israel, Jordanien auch, um nur ein paar zu nennen. Länder mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen und vielen Konflikten untereinander. In einem Land ist Weihnachten sogar ausdrücklich verboten. Kann das gut gehen? Kann ich da etwas über Weihnachten sagen, wenn schon mancher Kindergarten in Deutschland lieber vom Lichter- oder Winterfest redet?
Ich erzählte also etwas mulmig von dem großen Himmel, der uns alle umgibt, und von der kleinen Krippe, in der Gott uns in einem Kind ganz nahe kommt. Liegt manchmal der wahre Himmel nicht in einem einfachen Stall?
Vielleicht ist es ja gerade ein Zeichen von Respekt, wenn man andere einlädt, das Gute der eigenen Kultur mitzuerleben.
Ich war überrascht, wie fröhlich und dankbar die Reaktionen waren. Der Jordanier erzählte ganz stolz, dass Jesus ja in seinem Land getauft worden sei, und mit dem Iraner unterhielt ich mich über den großen Schöpfer, vor dem wir eigentlich eine kleine Nummer sind. Selbst vom Diplomaten aus dem Land mit dem Weihnachtsverbot kamen lobende Worte. Auch wenn der Schmerz über die Zerrissenheit der Welt und die Konflikte zwischen den Ländern nicht wegging und in den Gesprächen spürbar war, konnten wir doch für zwei Stunden gemeinsam Mensch sein.
Ich habe gelernt, dass wir Weihnachtsbaum, Stern, Krippe und Christkind nicht verstecken müssen, wenn wir mit anderen Kulturen im Gespräch sind. Vielleicht ist es ja gerade ein Zeichen von Respekt, wenn man andere einlädt, das Gute der eigenen Kultur mitzuerleben.
Vielleicht kann die Advents- und Weihnachtszeit Anlass sein, nochmal auf andere zuzugehen: selbstbewusst, aber mit offenen Armen und vielleicht auch mit einem kleinen Geschenk. So wie die Weisen. „Jeder soll von da, wo er steht, einen Schritt näher kommen“, so hat der Schriftsteller und moderne Weise Navid Kermani eines seiner Bücher genannt. Das ist immer ein guter Rat.
Nur ist es wichtig, irgendwann auch wirklich loszugehen, statt zu lange auf dem Sofa hocken zu bleiben und den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Sonst steht man mit seinem Wackelpudding irgendwann vor einer verschlossenen Tür, weil die Party schon vorbei ist und alle anderen weggelaufen sind.

