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Heiratsantrag im Stadion
Hat Schiedsrichter Drohmails fingiert und sich selbst verletzt?

5 min
1. FC Köln vs. VFL Wolfsburg, 20. Spieltag, 30.01.2026, 20.30 Uhr: Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff griff Pascal Kaiser zum Mikrofon und machte seinem Freund Moritz einen Heiratsantrag.

Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff der Partie zwischen dem 1. FC Köln und dem VfL Wolfsburg griff Pascal Kaiser zum Mikrofon und machte seinem Freund Moritz einen Heiratsantrag.

Hausdurchsuchung veranlasst und rechtsmedizinische Untersuchung angeordnet: Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen den Amateurschiedsrichter Pascal Kaiser.

Die Szene rührte das vollbesetzte Rhein-Energiestadion zutiefst. Am 30. Januar griff der Amateurschiedsrichter Pascal Kaiser kurz vor der Partie des 1. FC Köln gegen den VfL Wolfsburg zum Mikrofon und machte seinem Freund Moritz auf dem Feld vor 50.000 Fans einen Heiratsantrag. Der 27-Jährige wurde bekannt als Schiedsrichter, der zunächst unfreiwillig geoutet worden ist, dann aber offen mit seiner Sexualität umging.

„Normalerweise treffe ich Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Heute ist das anders“, sagte Kaiser im Stadion. „Heute geht es um eine Entscheidung, die ich mir sehr, sehr gut überlegt habe.“ Auch ohne Videoschiedsrichter wisse er: „Das hier ist richtig.“ Als der Gefragte dann auch noch Ja sagte, schien das Glück vollkommen – zumal die mediale Resonanz bundesweit enorme Ausmaße annahm. 

Betrugsvorwürfe eines Kölner Barbesitzers

Daran konnten auch Betrugsvorwürfe gegen Kaiser durch einen Barbesitzer nichts ändern. Der hatte den Ex-Mitarbeiter 2024 bei der Staatsanwaltschaft angezeigt, weil dieser 5000 bis 6000 Euro aus der Kasse unterschlagen haben soll. Kaisers bisheriger Anwalt Moritz Lange widersprach dieser Darstellung. An den Vorwürfen sei nichts dran.

Vielmehr soll sein Mandant in der Folgezeit zahlreiche Drohmails erhalten haben. „Mir wurden Screenshots zugeschickt, aus denen sich verlässliche Anhaltspunkte dafür ergeben“, dass die Wohnadresse seines Klienten öffentlich verbreitet  und dazu aufgerufen wurden, ihm „einen Besuch abzustatten“. 

Angeblich angegriffen und geschlagen worden

Weil Kaiser selbst dies sowie weitere Beobachtungen auch den Behörden an seinem Wohnort mitgeteilt haben soll, ist die Polizei dem Vernehmen nach dort mehrfach Streife gefahren. Dennoch sollen ihn Unbekannte in der Folgezeit zweimal angegriffen und geschlagen haben. Zum Beweis veröffentlichte das Opfer ein Foto mit einem geschwollenen blauen Auge. Zugleich erstattete der junge Schiedsrichter eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung. Seine Schilderungen des Vorfalls verbreiteten sich schnell in den sozialen Medien – unter anderem auch durch einen Beitrag eines reichweitenstarken Influencers.

Spekulationen über die Hintergründe setzten in den Medien ein. Möglicherweise ging es bei den Attacken um die Unterschlagungsvorwürfe oder um ein homophobes Motiv. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ aus Ermittlerkreisen erfuhr, hat der Fall inzwischen jedoch eine überraschende Wende genommen. Ende vergangener Woche durchsuchten Staatsanwaltschaft und Polizei das Haus Kaisers.

IT-Forensiker haben bei den Ermittlungen Erkenntnisse gewonnen, dass die angeblichen Droh-Mails vor den Angriffen womöglich durch Kaiser oder seinen Partner fingiert worden sein könnten. Etliche Datenträger wurden sichergestellt, darunter die Handys der Tatverdächtigen.

Kaiser und sein Freund wurden rechtsmedizinisch untersucht

Zudem ließen die Behörden die beiden Beschuldigten rechtsmedizinisch untersuchen. Dabei geht es um die Frage, ob auch die Attacken erfunden worden sein könnten. Das Gutachten der Rechtsmediziner soll klären, ob der Schiedsrichter sich selbst verletzt oder sein Partner ihn geschlagen haben könnte, um die Angriffe vorzutäuschen. Das Ergebnis wird für kommende Woche erwartet, heißt es.

Während sein Partner bereits eine Aussage gemacht hat, schweigt Kaiser dem Vernehmen nach bisher zu den Vorwürfen. Bis zu einer Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ bestätigte die Staatsanwaltschaft Köln, „gegen einen in Wermelskirchen wohnhaften Mann Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts des Vortäuschens von Straftaten aufgenommen“ zu haben.

Staatsanwaltschaft: „Ermittlungen gegen einen in Wermelskirchen wohnhaften Mann“

„Er ist verdächtig, Körperverletzungsdelikte zu seinem Nachteil vorgetäuscht und zuvor vermeintlich an ihn gerichtete Drohnachrichten selbst verfasst und abgesandt zu haben“, so der Sprecher der Behörde.  Deshalb habe eine „Durchsuchung der Wohnräume des Beschuldigten stattgefunden, anlässlich derer Beweismittel sichergestellt worden sind“. Ob es sich bei dem Beschuldigten um den Amateur-Schiedsrichter handelt, dazu äußerte sich der Sprecher „mit Blick auf die im Ermittlungsverfahren geltende Unschuldsvermutung und von mir zu wahrende Persönlichkeitsrechte Verfahrensbeteiligter ausdrücklich nicht“.  

Zum jetzigen Zeitpunkt würden „keine Fragen zu dem mutmaßlichen Sachverhalt, zu etwaigen Erklärungen gegenüber Ermittlungsbehörden oder zu sonstigen Details beantwortet“, teilte Ramon Thal, der neue Anwalt von Pascal Kaiser, auf Anfrage mit. „Aus einer Nichtäußerung“ könnten jedoch „keinerlei Rückschlüsse gezogen werden“. Er bitte darum, bei der „Berichterstattung die Privatsphäre meines Mandanten zu respektieren und von spekulativen Zuschreibungen abzusehen“.

Nach Bekanntwerden der angeblichen Überfälle hatte der 1. FC Köln die Gewaltaktionen gegen Kaiser scharf verurteilt: „Der blanke Hass, der hinter dieser feigen Attacke steckt, bestätigt auf abscheuliche Art und Weise, wie wichtig unser Engagement als FC‑Familie gegen jegliche Form von Gewalt ist“, schrieb der Verein auf „Instagram“.

Nach Coming-Out Benachteiligung durch den DFB beklagt

Nach seinem Coming-Out im Sommer 2022 hat Kaiser im Oktober 2025 in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ den Deutschen Fußball-Bund (DFB) scharf kritisiert. So spreche der nationale Verband von „zahlreichen Maßnahmen des DFB für mehr Vielfalt“, aber: „Es ist komplettes Pinkwashing, was dort betrieben wird. Der DFB marschiert beim CSD in Frankfurt mit, stimmt aber für eine WM in Saudi-Arabien“, so Kaiser. In dem vorderasiatischen Land steht auf Homosexualität die Todesstrafe.

Dass er seine Homosexualität öffentlich gemacht hat, habe ihm in seiner Karriere geschadet, so Kaiser weiter im Tagesspiegel-Interview: „Ich kriege Spiele in der Regionalliga, die mir zugesagt werden, doch nicht – obwohl ich ein sehr guter Schiedsrichter bin. Mir werden auch mal Beobachtungen zugesprochen, um in die nächsthöhere Liga aufzusteigen, aber es bleiben alles leere Versprechen.“ Dabei sei er etwa einem Sprinttest zufolge der schnellste Schiedsrichter im Landesverband: „Es ist daher offensichtlich, dass ich aufgrund meines Auftretens in der Öffentlichkeit benachteiligt werde.“

Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ werden diese Vorwürfe im Schiedsrichterwesen vehement bestritten. Unter anderem soll Kaiser an vorgeschriebenen Fortbildungen nicht teilgenommen haben.