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„Javid Shah“-Rufe1500 Menschen bei Iran-Demo am Neumarkt – Das sagen in Köln lebende Iraner

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Demo gegen das Mullah-Regime

Mit der Kundgebung und im Gespräch mit der Redaktion äußern sich in Köln lebende Iraner zu den Luftangriffen und dem Tod Chameneis. 

Eine ausgelassene Feierstimmung mit lauter Musik – das war in den vergangenen Jahrzehnten bei einer Kundgebung der in Köln lebenden Exil-Iraner angesichts der Schrecken des Mullah-Regimes undenkbar. Doch am Sonntag (1. März) geschah bei einer Demonstration auf dem Neumarkt in der Innenstadt genau das. Rund 1500 Menschen protestierten am Nachmittag gegen das totalitäre Herrschaftssystem in Teheran und feierten den Tod von Ayatollah Ali Chamenei. „Wir warten seit 47 Jahren auf diese Nachricht. Das ist ein riesiger Schritt, aber der Kampf ist noch nicht zu Ende“, sagte der Musiker und Aktivist Farzad Beni, der die Kundgebung angemeldet hatte. Es müsse nun alles dafür getan werden, das gesamte Regime zu stürzen.

Zahlreiche Menschen mit Flaggen.

Am Neumarkt in Köln findet eine Iran-Demo mit 1500 angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt.

Viele von den Anwesenden schwenkten die historische Löwen-und-Sonne-Flagge, die vor der Islamischen Revolution 1979 Verwendung fand. Zu sehen waren aber auch vereinzelt die Flaggen der USA und Israels, der beiden Staaten, die am Samstagmorgen Luft- und Raketenangriffe gegen Ziele im Iran starteten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer skandierten immer wieder „Javid Shah“, „Es lebe der Schah“. Damit verbindet sich zum einen die Hoffnung auf ein Ende der Islamischen Republik und zum anderen auf einen politischen Neuanfang. Sie hielten auch Fotos von Reza Pahlavi hoch, dem Sohn des letzten Schah von Persien, Mohammad Reza Pahlavi. Er war der Thronfolger seines Vaters und hat aktuell die Sicherheitskräfte im Iran zum Umsturz aufgerufen.

Viele von denen, die am Sonntag den Weg auf den Neumarkt fanden, hoffen darauf, dass Reza Pahlavi aus dem Exil zurückkehren und bei der politischen Wende im Iran eine führende Rolle einnehmen kann. „Ich wünsche mir das, aber das geht nicht allen Menschen so“, sagte Farzad Beni. Das Ziel sei es daher, dass die Frage nach der politischen Zukunft bei einer demokratischen Wahl geklärt werden soll. „Die Menschen im Iran müssen entscheiden, wie sie weitermachen wollen“, so Beni. Dass neben der US-Flagge auch die Israels bei der Kundgebung zu sehen war, sei ein Zeichen des Respekts.

In Köln lebende Iraner äußern sich

Unabhängig von der Kundgebung haben sich am Sonntag auch andere in Köln lebende Iraner im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu den Luftangriffen und dem Tod Chameneis geäußert.

Die Kölner Trauerbegleiterin Golrokh Esmaili

Die Kölner Trauerbegleiterin Golrokh Esmaili

Golrokh Esmaili ist gebürtige Iranerin und arbeitet in Köln als interkulturelle Trauerbegleiterin. Sie erzählt: „Wir haben natürlich alle sofort versucht, unsere Lieben im Iran zu erreichen, als die Nachricht von dem Angriff auf Chamenei kam. Ich habe am Samstag etwa von 7 Uhr bis kurz nach 8 Uhr Kontakt gehabt, aber dann ist das Internet zusammengebrochen. Ich habe gesagt: „Passt auf euch auf.“ Meine Verwandten und Freunde im Iran haben gesagt: „Wir hoffen auf das Beste.“ Wir haben alle die Entwicklung erwartet, wir haben damit gerechnet, dass etwas passiert. Ich bin abwartend. Man weiß nicht, was kommt. Ich hoffe nur, dass es nicht viele Menschenleben kostet. Wir hängen jetzt alle weiterhin an den Handys. Ich sitze gerade gegenüber von einem iranischen Café, da sind alle sehr fröhlich und feiern.“

Mariam Claren

Mariam Clarens Mutter war im Iran inhaftiert.

Mariam Claren ist 1980 in Teheran geboren und lebt in Köln. Nach der Inhaftierung ihrer Mutter, der Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi durch die Islamische Republik Iran, engagierte sie sich als Aktivistin. Sie sagt: „Wir schauen sehr besorgt und zeitgleich hoffnungsvoll in den Iran. Wenn wir so viele Bilder von Menschen sehen, die sich freuen und jubeln, mag das für manche Außenstehende vielleicht etwas merkwürdig wirken, aber es zeigt, wie tief die Verzweiflung der Menschen war und wie groß nun die Erleichterung. Sie haben seit 1989 unter der grausamen Faust des Diktators gelitten. Die Tötung von Chamenei ist ein drastischer Einschnitt. Aber das ist natürlich noch keine Lösung. Im Moment gibt es präzise Schläge, aber wie sich die Lage weiterentwickeln wird, ist noch unklar. Wir müssen noch abwarten. Denn die Eliminierung von Chamenei stürzt das System ja nicht komplett. Die islamische Republik ist sehr breit und stark aufgestellt. Da wurde schon ein neues Council aufgestellt und über Nachfolger gesprochen. Dass Chamenei tot ist, bedeutet nicht, dass jetzt die Demokratie ins Land kommt. Das Regime muss weg, denn es ist der Inbegriff des Terrors. Viele sind ganz persönlich davon betroffen, haben Angehörige verloren. Sie sagen: Der Mörder meines Vaters, meines Bruders ist jetzt tot, der Folterer unserer Liebsten ist tot. Auch ich bin betroffen: Meine Mutter war viereinhalb Jahre im Gefängnis im Iran. Aber wir müssen jetzt abwarten, was kommt.“

Politikwissenschaftler Said Boluri

Politikwissenschaftler Said Boluri

Der gebürtige Iraner Said Boluri ist Politikwissenschaftler und Journalist und in Menschenrechtsinitiativen engagiert. „Es ist eine Zäsur. Chamenei war die iranische Revolution, er war der religiöse Führer, der alles in der Hand hatte. Er steht symbolisch für das Regime. Die Freude ist groß und überwiegt in diesen Moment. Ich bin recht optimistisch, was die Zukunft angeht. Es ist jetzt ein Vakuum entstanden, das nicht so einfach gefüllt werden kann. Die verschiedenen Machtstränge im Land sind relativ korrupt. Ich denke, dass es mittelfristig zum Sturz des Regimes kommen wird.

Die Bevölkerung ist weiterhin auf der Straße, viele waren persönlich betroffen vom Regime. Viele haben Angehörige verloren. Die Proteste gibt es seit langem, nicht erst seit zwei Tagen. Die Menschen sind nicht naiv, die wissen, dass die USA und Israel auch ihre eigenen Interessen haben. Aber den Moment sollten und können sie genießen. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.“

Journalistin Isabel Schayani

Journalistin Isabel Schayani

WDR-Journalistin und Deutsch-Iranerin Isabel Schayani schätzt die Lage so ein: „Der Tod von Chamenei hat für die Iraner eine Bedeutung von der Kategorie Mauerfall. Aber ob es nun einen ähnlichen Wandel gibt wie erhofft und ersehnt, ist unklar. Ich fürchte eher nein. Es gibt zwei Wirklichkeiten: die der Iraner, die große Hoffnungen haben. Die begrüßen sich alle mit „herzlichen Glückwunsch“. Es gibt ja viele Menschen, die nie etwas anderes erlebt haben als dieses Regime. Die Wut ist so groß, dass das Regime nun auch wohl noch die letzten Anhänger verloren hat, die an es geglaubt haben. Aber es gibt auch die militärische Seite: Wir werden wahrscheinlich eine Eskalation erleben.“