Das Schlösselche war eine der kleinsten Kneipen Kölns – und ist seit Sonntag, 19. April, Geschichte.
„Mein Herz schlägt hier“Wirtin erklärt das Aus von Kölner Veedels-Institution

Regina Gentges hinter der Theke im „Schlösselche“
Copyright: Jan Wördenweber
Wer dieses Lokal erstmals betrat, brauchte zuvor eine Art Einweisung: Entweder, du stehst oder sitzt am Tresen. Denn dahinter ist nur noch Platz für Gäste, die zur Toilette müssen. Dort gibt es zwei Türen, eine für Herren, eine für Damen. Genau dazwischen hängt eine Dartscheibe. Wer aus den Türen wieder hinauskommt, sollte daher möglichst geradeaus gehen. Sonst könnte das ins Auge gehen. Bisher sei aber nichts passiert, versichert Wirtin Regina Gentges – und seit Sonntag steht fest, dass auch nichts mehr passieren wird. Das „Schlösselche“ ist Geschichte. Am letzten Öffnungstag kamen noch einmal zahlreiche Stammgäste an die Sülzburgstraße, um von einer der kleinsten Kneipen Kölns Abschied zu nehmen.
Aus für das „Schlösselche“ in Köln-Sülz
Das „Schlösselche“ war nicht nur aufgrund seiner Größe von nur etwa 30 Quadratmetern ein Unikat in der kölschen Gastro-Szene. In diesem Lokal ist man nicht mit der Zeit gegangen, was das Publikum honorierte. Bis zuletzt kostete die Stange Reißdorf-Kölsch 1,80 Euro. Hier waren die, die immer hier waren: „Alteingesessene“ aus dem Veedel. Und Nachtschwärmer, die aus der Innenstadt kommend am Wochenende bis 4 Uhr morgens ihren Absacker nahmen oder mehr. Dazu gab es die volle Dröhnung Schlager von der Wirtin: Regina Gentges steht auf Helene Fischer, Roland Kaiser – „aber auch so richtig alte Sachen“, wie sie sagt.

Darts spielen zwischen Herren- und Damentoilette war im Schlösselchen nie ein Problem.
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Mit 72 Jahren spiele auch die Gesundheit nicht mehr mit, sagt Gentges. 1992 hat sie hinter der Theke des „Schlösselche“ angefangen, 2009 übernahm sie den Laden, in dem schon seit den 1950er Jahren getrunken, gequatscht und gespielt wurde. Den Namen verdankt das Lokal einem benachbarten Schlüsselgeschäft. Im Putz an den Wänden und in der Decke sind unzählige Schlüssel verarbeitet worden.

Nur rund 30 Quadratmeter groß war die Kneipe.
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„Mit jeder Kneipe verliert Köln ein Stück Kultur“, heißt es beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Mathias Johnen, einst stellvertretender Geschäftsführer im Regierungsbezirk Köln und inzwischen im Ruhestand, macht unter andrem das geänderte Freizeitverhalten der jüngeren Generation für das Kneipensterben verantwortlich. In der klassischen Kneipe säßen vornehmlich alte Leute. „Für die ist das Lokal der Newsroom, da werden Neuigkeiten ausgetauscht. Die junge Generation hat andere Informationsquellen“, sagte Johnen 2024 gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Das „Schlösselche“ war eine Kölner Kneipen-Institution.
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Laut dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Köln gab es 2015 noch knapp 1000 „getränkgeprägte Gastronomiebetriebe“. Dazu zählen auch Clubs und Diskotheken. Während diese in der Corana-Zeit weniger wurden, ist seit 2023 das Niveau von 2019 wieder erreicht: 29. Die Anzahl der Bars und anderen sogenannten Vergnügungslokale stieg von 64 im Jahr 2015 auf 104 im Jahr 2024. Rückläufig ist dagegen nur die Anzahl der reinen Schankwirtschaften, also Betriebe wie das „Schlösselche“. Corona beschleunigte noch einmal das Kneipensterben. Gab es 2015 noch knapp 800 Betriebe, sank die Zahl 2019 auf 761. Im Jahr 2024 existierten noch 630 Lokale.
Zahlen belegen das Kneipensterben in Köln
„Allein Bier zu zapfen und auf Getränke zu setzen, sei längst aus der Zeit gefallen, sagen Branchenkenner. Das Ausgeh- und Konsumverhalten habe sich grundlegend geändert. Das belegen auch andere Zahlen: So ist die Zahl der Cafés und Restaurants nach Corona wieder gestiegen, die Zahl der Imbissbuden hat von 2015 bis 2023 ebenso zugenommen.
„Heute ist hier spät abends tote Hose, früher war hier noch richtig Publikumsverkehr“, sagt „Schlösselche“-Chefin Regina Gentges mit Blick auf die Berrenrather Straße in Sülz. Zahlreiche Veedels-Institutionen sind mit den Jahren geschlossen worden, wie der „Kurkölner“ oder das seit 2021 verwaiste „Alt-Sülz“ – 133 Jahre wurde hier Kölsch gezapft. Nur wenige Meter weiter wich vor einigen Jahren die Kneipe „Kleine’s“ einem Barista-Café.
In anderen Stadtteilen ist es ähnlich: Vor kurzem schloss das „Schill Eck“ in Nippes nach 50 Jahren. Am deutlichsten zeigt sich das Kneipensterben in Worringen. Die Alte Neusser Landstraße war einst als „Kneipenallee“ bekannt, auf der sich im 19. Jahrhundert 17 Wirtschaften befanden. Insgesamt zählte Worringen damals rund 30 Lokale bei 2700 Einwohnern, wie die Mitglieder des Worringer Heimatarchivs recherchiert haben. An Hausfassaden erinnern Schriftzüge wie „Gasthof zum Markt“ an bessere Wirtshauszeiten, auch der „Burghof“ oder das „Haus Schlösser" sind längst Geschichte. Zuletzt dankte der „Wirsingkönig“ ab.
„Komm, wir drehen die Zeit zurück. Nur für einen Augenblick“, singt Michelle aus den Lautsprecher-Boxen im „Schlösselche“. An diesem Sonntag fließt auch so manche Träne. „Mein Herz schlägt hier“, sagt Regina Gentges und zeigt auf eine Foto-Collage an der Wand mit vielen fröhlichen Gesichtern. „Das war unser Mau-Mau-Club. Von allen da auf den Bildern leben nur noch zwei.“ Gentges sagt, dass aus der Kneipe eine Wohnung werden soll. Und dass sie das mit dem Ruhestand irgendwie schaffen werde.


