Abo

Kölner Autorin Nicole Staudinger„Viele Unternehmen kippen um wie die Fliegen“

7 min
Nicole Staudinger

Nicole Staudinger

Die Kölner Bestseller-Autorin über das Feigenblatt Gleichstellung, die Rückkehr des Patriarchats, sinnlose Empörung und ihr neues Buch „Time for Tacheles“.

„Time for Tacheles“ heißt Ihr neues Buch – das Sie lieber nicht hätten schreiben wollen. Wie meinen Sie das?

Wer die Nachrichten verfolgt, erlebt, wie sich der Ton weltweit wieder verschärft, insbesondere gegen Frauen. Das Patriarchat ist zurück. Mein Buch richtet sich an alle, die an unsere demokratischen Grundwerte glauben, die es mega fänden, wenn der Planet auch nach unserer Lebenszeit noch stünde, Frauen wie Männer. Ich glaube allerdings, dass sich auch unser Tonfall verändern muss, wenn wir noch weiter in einer freien Welt leben wollen. Wir müssen lernen, Tacheles zu reden.

Wir dürfen keine verbalen Hebel mehr ungenutzt lassen, ist Ihre These. Was heißt das konkret?

Wenn ich eine Idee davon habe, in welcher Welt ich leben möchte, und erlebe im Supermarkt, dass mein Vordermann die Kassiererin rundmacht, halte ich es für essenziell notwendig, ihr zur Seite zu springen. Das heißt nicht, dass ich denjenigen, der sie angemoppert hat, einen Kopf kürzer mache. Wenn wir alle aufmerksamer miteinander umgehen und unsere Stimme da erheben, wo wir glauben, eine zu haben, im richtigen Tonfall, mit den richtigen Formulierungen: Ist das nicht vielleicht die einzige Möglichkeit, die wir haben, um für eine Gegenbewegung zu sorgen? Die Alternative wäre im konkreten Fall ja, im Supermarkt nichts zu sagen, nach Hause zu gehen und sich zu empören und zu ärgern. Das ist für mich keine Haltung, die man für sich selbst entwickeln sollte.

Die Versuchung, sich zu empören, lauert überall. Warum ist Empörung so verführerisch?

Ein wunderbares Beispiel, wie Empörung gut funktionieren kann, sehen wir aktuell am Beispiel Collien Fernandes. Wobei das ja eher eine Riesenwut bei den Frauen war, die sich in großen Demonstrationen ausgedrückt hat. Wenn man Wut mit einem Hebel verbindet, so dass daraus Taten folgen, ist das eine Riesenmacht. Das finde ich toll. Empörung ist ausschließlich unproduktiv. Leider gibt es eine Studie, die besagt, dass Empörung sogar süchtig machen kann. Das möchte ich für mich nicht. Gesellschaftlich bringt es uns genauso wenig weiter.

Hier im Player können Sie das deutlich ausführlichere Gespräch mit Nicole Staudinger als Podcast hören – alternativ können Sie auf allen gängigen Podcast-Plattformen nach Talk mit K suchen.

Sie empören sich also nicht mehr – ist es so einfach?

Definitiv. Immer, wenn ich mich empöre, jammere oder in Angst verliere, spreche ich mit mir selbst Tacheles. Dann frage ich mich, was ich heute eigentlich schon dafür getan habe, dass die Welt besser geworden ist. Das ist eine super Strategie, die man auch gegenüber anderen anwenden kann. Ich kann mich ja nicht darüber empören, welchen Tonfall die Menschen untereinander anschlagen, und dann selber feststellen, dass ich heute selbst noch kein freundliches Wort für irgendjemanden hatte.

Sie plädieren dafür, Macht neu und positiv zu definieren. Was bedeutet Macht für Sie?

Mächtig sein bedeutet für mich, alle Hebel zu nutzen, im Großen genauso wie im Kleinen. Ein freundliches Wort auszusprechen, kann auch machtvoll sein. Leider ist das Wort Macht für viele abschreckend. Der englische Begriff „Power“ ist da deutlich freundlicher, wobei der Begriff Powerfrau furchtbar ist. Erst, wenn wir einen Powermann haben, lasse ich mir auch eine Powerfrau gefallen. Vorher nicht.

Eine Sache, die Frauen daran hindert, mehr Macht zu erlangen, sind Selbstzweifel. Wie gehen Sie mit Ihren Selbstzweifeln um?

Ich möchte kein Leben ohne Selbstzweifel haben. Wenn ich an den Punkt komme, bin ich eine alte weiße Frau, an der alles abtropft. Selbstzweifel können mich von morgens bis abends befallen – solange sie mich nicht am Fliegen hindern. Ich gehe mit meinen Zweifeln auf die Bühne. Ich schreibe mit meinen Zweifeln ein Buch. Ich zweifle sehr viel. Aber in dem Moment, wo es darauf ankommt, Souveränität zu zeigen, lasse ich sie einfach mal liegen.

Themen wie Gleichstellung und Diversität geraten unter Beschuss, befeuert von Donald Trump. Erleben Sie als Trainerin, die oft von Unternehmen gebucht wird, die Folgen? Werden derzeit viele Gleichstellungs-Programme wieder einkassiert in Deutschland?

In den vergangenen Jahren wurde das Thema Diversity in den Unternehmen sehr groß gespielt. Leider war das offenbar nur ein Trend, hinter dem keine Haltung steckte. Ich habe das sehr oft als eine Art Feigenblatt wahrgenommen, so nach dem Motto: Das ist jetzt irgendwie in, das machen wir jetzt. Daraus sind aber trotzdem gute Programme entstanden. Jetzt hat dieses orangene Rumpelstilzchen in Amerika auf die Agenda geschrieben, dass es das alles nicht mehr geben soll. Und was machen die Unternehmen? Viele kippen um wie die Fliegen. Diesen Opportunismus finde ich dramatisch, der schockiert mich regelrecht. Bei diesen Unternehmen geht es mir wie mit der Politik: Ich würde mir wünschen, dass aus einer Haltung heraus gehandelt wird. Dann würde man nicht gleich beim kleinsten Gegenwind umknicken.

Was berichten Ihnen weibliche Führungskräfte?

Viele sagen: Ganz ehrlich, das war immer nur vorgeschoben bei uns mit den Gleichstellungs-Programmen. Ich will jetzt aber auch nicht, dass wir uns zurücklehnen und sagen: Die Welt ist grausam. Dann sind wir in einer Opferhaltung.

Wer kein gutes Selbstverständnis hat, dem fällt es in schwierigen Situationen schwer, Tacheles zu reden. Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?

Eine Teilnehmerin in einem meiner Seminare hat mir erzählt, dass sie mit ihrem Chef und einem Kollegen im Meeting saß und der Kollege plötzlich den Chef fragte: Muss die auch noch im Raum sein? Mit dem richtigen Selbstverständnis hätte sich die Frau vielleicht umgedreht nach einer imaginären Person im Raum, sich bewusst theatralisch umgeguckt und dann gesagt: Wen meinst du mit „die“? Stattdessen hat sie leider gesagt: Wenn ich störe, kann ich auch gehen. Jetzt können wir uns leicht über den Kollegen empören, der diesen Satz gesagt hat. Aber es steht und fällt mit dem eigenen Selbstverständnis, ob man auf diesem Ohr offen oder taub ist.

Wie baut man ein gutes Selbstverständnis auf?

Jeder sollte für sich beantworten können: Wer bin ich? Kenne ich meine Stärken und Schwächen? Kenne ich meine beruflichen Skills? Dazu gehören auch Fragen wie: Was will ich vom Leben? Was will ich von der Woche? Was will ich von dem Event? Erst wenn da dieser dicke, stabile Klotz steht, der meine Identität klar macht, kann ich von dort aus meine unterschiedlichen Rollen bedienen. Als Mutter habe ich ein anderes „Was will ich?“ als die Trainerin oder Autorin. Das Selbstverständnis und die Haltung sind aber immer gleich.

Sie waren zu Gast bei einer Gala, wo die Moderatorin einem älteren Mann das Mikro überreichen wollte und der nur sagte: „Das können Sie mal schön für mich halten.“ Diese Szene war der Auslöser für Sie, Ihr Buch zu schreiben. Warum?

Das war für mich der Tropfen auf dem heißen Stein. Zumal ich keine Empörung im Publikum verspürte angesichts dieses widerlichen Satzes. Da dachte ich: Ne, jetzt ist Schluss. Aber auch, wenn es in meinem Buch um Tachelesreden geht, soll es keine Schimpftirade auf gewisse Zielgruppen wie den alten weißen Mann sein. Dieses Buch startet bei uns selbst, mit dem Selbstverständnis, aber auch mit der Art und Weise, wie ich Frauen oft auf Bühnen erlebe, seien es die kleinen oder großen Bühnen des Lebens: Wer noch nicht mal in der Lage ist, Begrüßungsworte frei zu sprechen, wird es schwer haben.

Frauen scheinen oft besser darin, sich anzupassen, zu vermitteln und zu helfen, aber weniger gut darin, eigene Ansprüche zu formulieren. Woran liegt das?

Ich fühle dieses Harmoniebedürfnis komplett. Ich finde es ja auch toll, wenn sich alle wohlfühlen. Harmonie ist aber kein Wert. Und wenn das am Ende des Tages bedeutet, dass ich diejenige bin, die sich immer ganz hintenanstellen muss, muss ich das ändern.

Wie gelingt einem der richtige Tonfall gegenüber Menschen, die man nicht leiden kann?

Ich habe ein positives Menschenbild und gehe bei jedem Jeck erstmal davon aus, dass er auf dieser Erde ist, um sein Leben möglichst glücklich zu vollziehen. Erst, wenn ich das Gegenteil bewiesen habe, werde ich ungemütlich. Aber bis es soweit ist, helfen gezielte Nachfragen, auch beim AfD-wählenden Onkel in der eigenen Familie, was ihn zu seiner Einstellung und seinem widersprüchlichen Verhalten bewegt. Dabei macht er Ton die Musik. Wer sofort in den Konfrontationsmodus geht, erreicht nichts. Aufrichtiges, ernsthaftes Interesse kann dazu führen, dass das Gegenüber im besten Fall selbst ans Überlegen kommt.

„Wir waren doch schon mal weiter“: Was können Sie mit diesem Satz anfangen?

Wenn ich 30-mal die gleiche Strecke jogge und es wird einfach nicht leichter oder es war sogar schon mal viel besser, denke ich oft: Ich war doch schon weiter. Was ich damit sagen will: Keine Errungenschaft, sei es die eigene Kondition, die Gehaltsverhandlung oder die Gleichstellung, ist selbstverständlich. Wir müssen jeden Tag dafür kämpfen.

Zur Person

Nicole Staudinger, 1982 in Köln geboren, ist Autorin, Trainerin und Moderatorin. 2015 wurde ihr erstes Buch über ihre Krebserkrankung, „Brüste umständehalber abzugeben“, zum Bestseller. In ihrem zehnten und neuesten Buch „Time for Tacheles“ (Knaur-Verlag) schreibt sie über zehn Regeln, sich durchzusetzen – mit Herz, Haltung und Humor. Im Herbst führt sie ihre „Time for Tacheles“-Tour unter anderem nach Bonn und nach Bochum. Staudinger lebt mit ihren zwei Kindern in der Eifel.