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Das gute AmerikaVolkmar und Jack wollen Brückenbauer sein

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Zwei Frauen und zwei Männer stehen in einem Garten vor grünen Büschen und Bäumen. Einer der Männer hält ein Fotobuch.

Joan Martin, die ehemaligen Highschool-Freunde Jack Newell und Volkmar Schultz sowie Dorothea Schultz-Pollender (v.l.) sprechen im Garten in Porz-Langel über ihre langjährige Beziehung. 

Eine 70-jährige Freundschaft seit der Highschool-Zeit verbindet Volkmar Schultz und Jack Newell. Als überzeugte Demokraten wollen sie Vorbilder sein. 

Der Zweite Weltkrieg war erst gut ein Jahrzehnt  vorbei, als der damals 16-jährige Volkmar Schultz sich im Rahmen des staatlich geförderten Schüleraustausch-Programms erfolgreich um einen Platz an einer US-amerikanischen Highschool bewarb. Im ländlichen Ohio war der deutsche Junge damals ein Exot und realisierte schnell, dass es bei diesem Austausch nicht vorrangig darum ging, ihm einen Eindruck von amerikanischen Lebensverhältnissen zu verschaffen, sondern dass er quasi als Botschafter eines neuen Deutschlands unterwegs war. „Ich sah es als meine Aufgabe an, den Mitschülern und den Menschen in meiner Umgebung zu vermitteln, dass nicht alle Deutschen Nazi-Verbrecher sind, sondern dass wir demokratische Ziele haben“, erinnert sich Schultz. Im Geschichtsunterricht hatten er und Jack Newell einen engagierten Lehrer, der die Anwesenheit des deutschen Schülers zum Anlass nahm, ausführlich über den Nationalsozialismus und über die Gefahren rassistischer, antisemitischer, und ausgrenzender Bewegungen zu sprechen. Volkmar Schultz berichtete dann von den demokratischen Aufbrüchen in seinem Heimatland und von den Menschen, die sich Frieden und Verständigung wünschten.

Freunde sind Brückenbauer zwischen den USA und Deutschland

So war Schultz schon damals lebendiger Beweis dafür, dass Botschafter für die Völkerverständigung nicht unbedingt die offiziellen Beauftragten der jeweiligen Regierungen sind. Persönliche Freundschaften verbinden über Kontinente hinweg oft dauerhafter und intensiver. Bei einem Besuch Jack Newells und seiner Partnerin Joan Martin in Köln sprachen die einstigen Schulkameraden, die sich 1956 in Englewood/Ohio kennenlernten, jetzt erneut über ihre Freundschaft. Sie begreifen ihren engen Austausch als Ermutigung für alle, die Brückenbauer sein wollen, während sich gerade eher tiefe Gräben in der offiziellen deutsch-amerikanischen Verbindung auftun.

14 Jahre war Volkmar Schultz Mitglied des Landtags für die SPD

Vielleicht hat der eindringliche Unterricht ihres Geschichtslehrers Richard Suhr dazu beigetragen, dass Jack Newell selbst Professor für Geschichte geworden ist und bis zum Alter von 81 Jahren an einer Universität in Salt Lake City gelehrt hat. Volkmar Schultz schlug  einen politischen Weg ein, trat in die SPD ein, war 14 Jahre lang Mitglied des Landtags und acht Jahre Mitglied des Bundestages. In deutsch-amerikanischen Vereinigungen, darunter der „Partnerschaft der Parlamente“, setzte er sich für ein lebendiges Miteinander ein und war sehr häufig zu Besuch in den USA.

„Als Donald Trump zum ersten Mal gewählt wurde“, erinnert sich Schultz, „bekam ich  von Jack eine entsetzte Mail, die mit den Worten ‚Oh my god‘ begann“. Die unguten Veränderungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis und die Politik Trumps im eigenen Land nahmen Schultz und seine Ehefrau Dorothea Schultz-Pollender danach zum Anlass, auf Reisen in die USA zu verzichten. Jack Newell und seine Partnerin mussten ihrerseits bei Reisen beispielsweise nach Kanada oder Europa feststellen, wie kritisch viele Menschen auf das Wahlverhalten der amerikanischen Mehrheit blicken. „Volkmar war früher eine Art Botschafter für Deutschland in den USA – jetzt müssen überzeugte Demokraten wie wir Botschafter für die USA im Ausland sein“, sagt der emeritierte Professor für politische Ethik. Er versichert: „Es sind  viele, die sich von Anfang an gegen die Politik Trumps  gestellt haben, und es werden immer mehr.“

Etliche republikanische Stammwähler erkannten demnach mittlerweile, in welche fatale Richtung ihr Land steuert, und wünschten sich ein Ende der Ausgrenzungen. Jack Newell zufolge wird das aber auch höchste Zeit, denn allein an den Universitäten seien erschreckende Auswirkungen  zu spüren.  Anleitungen zu kritischem Denken, wie er sie seinen Studentinnen und Studenten im Graduiertenstudium vermittelt habe, seien nicht mehr überall erwünscht. Vor allem die öffentlichen Universitäten stünden unter Druck. Manche Studenten schwärzten ihre Professoren an, wenn diese sich Kritik  gegenüber undemokratischen Strömungen erlaubten. Anfeindungen und Verbote für LGBTQ-Personen und -Gemeinschaften seien alarmierend. „Die dunklen Wolken am Horizont haben sich schon zusammengebraut, als ich vor sieben Jahren aus der Universität ausschied“, sagt der Professor. Demokraten wie er und seine Lebensgefährtin seien jetzt als  „Outposts“ unterwegs, „als Außenposten eines Amerika, wie wir es gekannt haben und hoffentlich bald wieder erleben dürfen“, ergänzt Schultz. Die 70-jährige transatlantische Freundschaft der beiden Männer zeigt: Völkerverständigung wirkt  in kleinen Schritten.