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„Grundsätzlich“ alles friedlichSo verliefen die Iran-Demonstrationen in Köln

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Teilnehmende halten bei einer Demonstration Schilder und Fahnen zur Unterstützung der Proteste im Iran.

Teilnehmende halten bei einer Demonstration Schilder und Fahnen zur Unterstützung der Proteste im Iran.

Laut Polizei kamen bei den Protesten am Samstag in Köln insgesamt rund 4000 Menschen zusammen. Unser Autor war mittendrin.

„Wir wachen damit auf, dass wir für unser Herkunftsland Freiheit wünschen. Dafür stehe ich hier“, sagte Raha am Samstag auf dem Neumarkt. Mit einer Gruppe hat sich die 45-Jährige auf dem Platz eingefunden, um an einer von mehreren Demonstrationen des Tages in Köln teilzunehmen, die sich gegen das iranische Regime richteten.

Die Zustände könne man sich in Deutschland kaum vorstellen, sagte Raha, die nicht lange nach der Islamischen Revolution im Jahr 1979 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen ist. „Im Iran begibt man sich in Lebensgefahr, wenn man nicht die vorgeschriebene Kleidung trägt. Frauen dürfen nicht singen und nicht tanzen.“

Ein Demo-Teilnehmer hält ein Schild mit der Aufschrift „Free Iran“ hoch.

Ein Demo-Teilnehmer hält ein Schild mit der Aufschrift „Free Iran“ hoch.

Leider sei die Opposition in der Diaspora gespalten: „Die Iraner jammern: Warum schaffen wir es nicht, einig zu sein?“ In großer Sorge ist Raha um ihre Verwandten. Wegen der vom Mullah-Regime verhängten Kommunikationssperre habe sie schon seit acht Tagen keinen Kontakt mehr zu ihnen. „Das ist ein sehr beklemmendes Gefühl.“

1000 Menschen ziehen mit iranischen Flaggen zum Kölner Dom

Zu der Gruppe gehört Simone, die mit ihren Kindern Jann und Tilda auf den Platz gekommen ist, „aus Solidarität und für die Menschenrechte“. Auf dem Platz versammeln sich ungefähr 1000 Menschen, die später mit unzähligen iranischen Flaggen und Protestschildern durch die Innenstadt zum Dom ziehen. Darunter, begleitet von Mutter und Schwester, der 30-jährige Mahyar aus Maastricht, der sich über den Terror des Regimes empört und entschieden sagt: „Es gibt nur eine Option: den Schah.“

Gemeint ist Reza Pahlavi, der erstgeborene Sohn des ehemaligen Schahs von Persien; er lebt im US-amerikanischen Exil und befeuert von dort aus die Proteste in dem Land, das er 1979 mit seiner Familie verlassen musste. Dass er die Dinge richten möge, wird unablässig auf dem Roncalliplatz beschworen, wo mit anfangs rund 500 Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine weitere Kundgebung stattfindet. Die Zahl erhöht sich laut Polizei in der Spitze auf etwa 2700, als die Demonstranten vom Neumarkt dazustoßen.

Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg!
Demonstrierende

Energisch bringen die fast ausschließlich Persisch sprechenden Redner die Menge dazu, immer wieder Parolen wie „Lang lebe Pahlavi“ oder „Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg!“ zu skandieren. Neben Fahnen – auch ein paar israelischen – sind etliche Fotos des Schahs, seiner Witwe Farah Diba und seines ältesten Sohns zu sehen. Überdies Schilder mit Aufschriften wie „Game over Diktatur“ und „Freedom from Theocracy“. Die einzige Lösung sei eine Revolution, sagt ein Redner; „Linksextreme“ seien dabei unerwünscht.

Mit einer Schweigeminute wird der Tausenden Todesopfer gedacht, die die Niederschlagung der Proteste in den zurückliegenden Tagen gefordert hat. Aus Dortmund ist Mohamed Reza angereist, der seit 2011 in Deutschland lebt. Die große Mehrheit der Exil-Iraner wünsche sich, dass der „Kronprinz“ zurückkehre, sagte der 53-Jährige. Er sei der Einzige aus seiner Familie, der im Ausland lebe. Zu den Verwandten in Teheran habe er zurzeit keinen Kontakt, sagte er, bevor ihm die Tränen kommen.

400 Menschen für Mahnwache auf dem Kölner Heumarkt

Auf dem Heumarkt kommen an diesem Samstag etwa 400 Menschen zu einer Mahnwache zusammen. Sprechchöre wie „Hoch die internationale Solidarität“ und „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) sind zu hören. „Nieder mit der Islamischen Republik Iran. Es lebe die Volkssouveränität“ steht auf einem Banner am Veranstaltungszelt. Auch hier wird eine Schweigeminute für die ermordeten Demonstranten eingelegt.

Teilnehmende halten bei einer Demonstration Schilder und Fahnen zur Unterstützung der Proteste im Iran.

Teilnehmende halten bei einer Demonstration Schilder und Fahnen zur Unterstützung der Proteste im Iran.

Eine Frau spricht über ihre Nichte Rubina Aminian, eine 23-jährige Mode- und Textildesign-Studentin, die Anfang Januar bei Protesten in Teheran erschossen wurde. Eine andere Rednerin fordert, die Islamische Revolutionsgarde als Terrororganisation einzustufen und alle wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran auszusetzen.

Vor dem Deutzer Bahnhof versammeln sich etwa 400 Demonstranten, weit überwiegend Kurden, um gegen die islamistische Diktatur zu protestieren. „Wir kämpfen für ein freies Leben“, sagt der 68-jährige Ibrahim, der seit 1988 in Köln lebt. Er trägt eine Fahne der Republik Mahabad, eines kurdischen Staats, der 1946 elf Monate lang im Nordwesten des Irans bestand. Wie Raha auf dem Neumarkt spricht er die Gespaltenheit der iranischen Opposition an, vor allem den Graben zwischen Monarchisten und Republikanern. Zugleich zeigt er sich zuversichtlich: „2026 kommt das Ende des Mullah-Regimes.“

Eine geplante Versammlung auf der Domplatte ist abgesagt worden. Laut Polizei kamen bei den Protesten am Samstag in Köln insgesamt rund 4000 Menschen zusammen. Die Übersicht zu behalten sei wegen der Wanderungsbewegungen zwischen den Demonstrationen nicht leicht gewesen. „Grundsätzlich“ sei alles friedlich verlaufen.

Allerdings hätten abends auf dem Bahnhofsvorplatz kurzzeitig Polizeikräfte verstärkt werden müssen, weil dort zwei iranische Gruppierungen mit unterschiedlichen Ansichten verbal aneinandergeraten seien. Für Sonntag sind drei weitere Demonstrationen in der Innenstadt gegen das Regime in Teheran angemeldet.