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Aronofsky provoziert zum US-JubiläumKI inszeniert Amerikas Revolution – und wirkt wie Propaganda

4 min
Ein von Künstlicher Intelligenz generierter Benjamin Franklin

Benjamin Franklin, nicht ganz echt. Szene aus Darren Aronofskys Serie "On this Day ... 1776".

Regisseur Darren Aronofsky hat seine Serie zur 250-Jahr-Feier der USA von KI errechnen lassen. Die Ergebnisse lösen allgemeines Entsetzen aus.

Den Namen des Regisseurs Darren Aronofsky werden die meisten Kinogänger mit surrealistischen bis verstörenden Psychodramen assoziieren. Der New Yorker polarisierte mit Werken wie „Pi“ oder „Black Swan“, mit Brendan Frasers Pizza-Fressorgien in „The Whale“, mit Jared Letos erst infiziertem, dann amputiertem Arm in „Requiem for a Dream“ – und wir möchten lieber darüber schweigen, was mit Jennifer Lawrences Baby am Ende von „Mother!“ passiert.

Aronofskys neuestes Projekt will nun so gar nicht in diese Reihe passen. Unter dem Titel „On this day … 1776“ („An diesem Tag ... 1776“) zeigt der Filmemacher im Auftrag des US-Magazins „Time“ entscheidende Momente aus dem Gründungsjahr der Vereinigten Staaten, pünktlich zum 250. Geburtstag der USA.

USA feiern 2026 den 250. Geburtstag

Bemerkenswert ist freilich nicht allein der prominente, für den Gegenstand unpassend erscheinende Regisseur, sondern vor allem die diskussions- bis fragwürdige Machart der nur drei bis fünf Minuten langen Kurzfilme. Die wurden nämlich von Aronofskys neu gegründetem KI-Studio Primordial Soup hergestellt, und zwar mithilfe von Software aus Googles Künstlichem-Intelligenz-Labor DeepMind. Echt, im Sinne von menschlich, sind hier nur die Sprecherstimmen.

Die Bilder sind samt und sonders von künstlichen neuronalen Netzwerken generiert, die Gründerväter erscheinen fotorealistisch mit knorrigen Charaktergesichtern und authentisch gealterter Haut – wenn sich doch nur ihre Münder lippensynchron bewegten und ihre Falten nicht von Einstellung zu Einstellung wandern würden, als hätte man animatronischen Stahlskeletten eilig Gummimasken übergezogen.

Das Projekt, schwärmt „Time Studios“-Präsident Ben Bitonti, gebe einen Einblick darin, wie durchdachter, kreativer und von Künstlern geleiteter Einsatz von KI aussehen könne, „nicht als Ersatz für Handwerkskunst, sondern als Erweiterung der Möglichkeiten“.

Die erscheinen hier freilich arg begrenzt, Aronofsky greift auf etliche Bildklischees zurück. Man sieht fette Könige und wütende Bauern, die böse zu ihren berittenen Besatzern hochfunkeln, Generäle, die als Rückenfiguren die Lage überblicken, und Soldaten, die einen Flaggenmast im Vorgriff auf Joe Rosenthals bekanntes Iwo-Jima-Foto aus dem Zweiten Weltkrieg aufstellen.

Pädagogisch hölzern erzählt

Er erzählt pädagogisch hölzern und mit viel zu vielen Schnitten. Wahrscheinlich reicht die Rechenleistung jeweils nur für wenige Sekunden. Das erinnert bestenfalls an Aronofskys sogenannte Hip-Hop-Montagen: Schnelle, oft im Zeitraffer gefilmte, aufeinanderfolgende Großaufnahmen, mit denen der Regisseur früher seine Filme auf ihren jeweiligen Höhepunkt zu treiben pflegte. Doch im kurzen Format wirkt das allenfalls ungelenk und oberflächlich, als könnte man die Geschichte Amerikas in der gleichen Zeit abhandeln, die ein Ei zum Wachsweichkochen braucht.

Die patriotischen Shorts werden im Laufe des Jahres sukzessive auf der Youtube-Seite des „Time“-Magazins veröffentlicht, die ersten beiden Episoden kann man sich dort bereits anschauen: „1. Januar: Die Flagge“ dramatisiert den Moment, in dem George Washington auf dem Prospect Hill in Somerville, Massachusetts, die „Grand Union Flag“ hissen lässt, um die Moral der Soldaten seiner Kontinentalarmee zu stärken. „Streifen, 13 an der Zahl. Das ist keine Kapitulation, das ist Widerstand“, kommentiert achtungsvoll der britische Kriegsgegner.

Die toten Augen der Gründerväter

Historiker streiten bis heute darüber, ob diese Szene jemals so stattgefunden hat. Die Streifen der Flagge stehen für die 13 gegen das Mutterland vereinigten Kolonien, deren Namen prompt von General Washingtons Soldaten in extremen Close-ups ausgerufen werden. Das wiederum erinnert ungut an eine ähnliche Appell-Szene aus Leni Riefenstahls berüchtigtem Film über den sechsten Parteitag der NSDAP, „Triumph des Willens“. In dem brüllten ordentlich aufgereihte „Arbeitsmänner“ die von ihnen vertretenen Gegenden dem Führer entgegen.

Wir befinden uns im Reich der Propaganda, was die zweite Folge, „10. Januar: Common Sense“, bestätigt: Hier erfüllt Thomas Paines berühmtes Unabhängigkeitspamphlet exakt dieselbe Rolle wie die Grand Union Flag im ersten Film: Generierte Gesichter lesen in seinen Seiten und schauen dann aus toten Augen zu historischen Fernen auf.

Die Revolution findet im Uncanny Valley statt. So beeindruckend die Leistung der neuesten Generation bildgebender KI-Programme ist, je menschenähnlicher die errechneten Figuren wirken, desto unheimlicher und unakzeptabler erscheinen sie uns.

Die Reaktionen auf Darren Aronofskys Projekt fallen denn auch durchweg negativ aus. Benjamin Franklin sehe aus, lästert der „Guardian“, „als hätte jemand Hugh Laurie genetisch mit Anthony Hopkins verschmolzen und das daraus entstandene Monstrum mit einer dünnen Schicht von Leberflecken überzogen“. Serienregisseur Steven S. DeKnight („Angel“, „Spartacus“) bezichtigt seinen Kollegen gar des völligen Verrats am Kino.

Vielleicht ist „On this day … 1776“ aber auch einfach nur der korrekte Gründungsmythos für die Trump-Ära der Staaten, so wie es Lin-Manuel Mirandas Musical „Hamilton“ für die Obama-Jahre war. Wo „Hamilton“ die leidige Tatsache der Sklaverei unter den Tisch kehrte, um die vitale Vision eines Einwandererlandes im Daueraufbruch zu zeichnen, zeigt Aronofskys Serie die Totgeburt der modernen Demokratie aus dem KI-Slop. Geschichte als geschmackloser Augenfraß, als maschinengemachtes Fertigprodukt.