Das Deutsch-Griechische-Theater holt Georg Büchners „Woyzeck“ ins heutige Köln und zeigt das Dramenfragment aus migrantischer Perspektive.
Deutsch-Griechisches-Theater bringt „Woyzeck“ nach KölnWaren es am Ende doch die Gutmenschen?

„Der Fall Woyzeck“ nach Georg Büchner in der Fassung von Kostas Papakostopoulos ist unter anderem am 31.1. und 1.2. in der Kölner Comedia zu sehen.
Copyright: Jennifer Fey
Mal mehr, mal weniger textgetreu: Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ ist gerade allgegenwärtig. In der Inszenierung des Deutsch-Griechischen-Theaters entscheidet sich Regisseur Kostas Papakostopoulos für eine migrantische Perspektive. In „Der Fall Woyzeck“ wird die Geschichte von Antonis Woyzeck erzählt, den der in Nordgriechenland aufgewachsene Antonis Michalopulos mit unverkennbar griechischem Akzent deutsch sprechen lässt. Vage autobiografische Züge, mit denen das Stück beginnt, gehen unmittelbar in die Büchnersche Handlung über, die hier ins heutige Köln verlegt wurde. Antonis träumt als Migrant von einer abgesicherten bürgerlichen Existenz, doch der Weg zu einer qualifizierten Arbeit und dem entsprechenden Einkommen erweist sich als steinig und nahezu unpassierbar. Stattdessen muss er als weitgehend rechteloser Fremder für Einheimische die Drecksarbeit verrichten.
Die Unbehaustheit in der Fremde
Für den „Hauptmann“ (Thomas Franke) fungiert er als Diener und dem „Herrn Doktor“ (Nicolas Folz) steht er als naives Versuchskaninchen bei fragwürdigen wissenschaftlichen Experimenten zur Verfügung. Der karge, sauer verdiente Lohn geht an Marie (Stephanie Meisenzahl), die auf der Straße lebt und das Geld weniger für das gemeinsame Kleinkind als für Alkohol und Drogen ausgibt. Passend dazu ist die Bühne mit bunten Wimpeln wie ein Festsaal dekoriert, während im Hintergrund Videoinstallationen (John Seidler) mit Köln-Motiven zu sehen sind. Die mit Manie gewürzte Fröhlichkeit eines Rummelplatzes verdüstert sich in Antonis Kopf, wo wie eine drohende Prophezeiung dunkle Posaunentöne (Musik: Herbert Mitschke) dröhnen.
Während die etablierte Gesellschaft wohlbehütet mit sommerlichen Borsalinos auftritt, sind Antonis in verdreckter Arbeitskluft und Marie im abgerissenen Lumpenkostüm schon optisch außen vor. Immer wieder gelingt es der Inszenierung, die Unbehaustheit in der Fremde spürbar zu machen. Demgegenüber steht die mal unverhohlene, mal unterschwellige Aggressivität der Einheimischen, die sich infrage gestellt fühlen und mit arroganter Abgrenzung und Gewalt reagieren.
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Fragwürdiger inszenatorischer Kniff
Wie der Migrant wird auch Marie hier zum Objekt gemacht, wenn der „Obermajor“ als kölscher Macho die waidwunde Seele, die sich immer wieder die Arme ritzt, mit ein paar Ohrringen ködert. Die aufgeheizte Stimmung im karnevalesken Festsaal erinnert an den schalen Oktoberfest-Rausch Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ und wie dort ist auch hier das Geschehen ein Brennglas gesellschaftlicher Ist-Zustände, ein Brandbeschleuniger für das Ablegen zivilisatorischer Regeln. Da lauert bei dieser modernen Moritat Maries unglückseliges Ende fast schon zwangsläufig. Doch Kostas Papakostopoulos entscheidet sich in seiner Version für eine Variante, die von vorneherein die Frage ausschließt, ob hier ein Femizid geschieht oder Woyzeck und Marie gemeinsame Opfer einer Moral werden, die „man sich leisten können muss.“
So kann hier Antonis Woyzeck mit einer Wutrede auf die nicht nur bigotten, sondern unzutreffenden Anschuldigungen der „Gutmenschen“ reagieren. Ein inszenatorischer Kniff, der rassistische Muster offenlegt, aber dabei der Problematik der Femizide auf fragwürdige Art und Weise aus dem Weg geht.
„Der Fall Woyzeck“ nach Georg Büchner im COMEDIA Theater, Vondelstraße 4–8, 50677 Köln: 31. Januar und 01. Februar 2026 um 19:30 Uhr, sowie in der Alten Feuerwache: 26., 27. und 28. Februar 2026 um 20:00 Uhr.

