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Düsseldorfer KunstpalastAusstellung zeigt flirrende Atmosphäre der Belle Époque

4 min
Ein Ölgemälde zeigt eine Flusslandschaft mit Häusern.

Paul Cézannes „Flusslandschaft mit Häusern“ ist unter anderem im Düsseldorfer Kunstpalast ausgestellt.

Die Schau fußt auf Otto Gerstenbergs Kunstsammlung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der bedeutendsten in Deutschland war – mit Gemälden von Monet, Cézanne oder Matisse.

Das großformatige Porträt von Otto Gerstenberg hat Max Liebermann 1919 gemalt. Es hängt seit jeher in den Räumen der Versicherung, deren Direktor Gerstenberg einst war. Jetzt ist es Prolog der Ausstellung „Monet–Cézanne–Matisse – The Scharf Collection“ im Düsseldorfer Kunstpalast. Begonnen hatte Otto Gerstenberg seine berufliche Karriere als Versicherungsmathematiker. Später stieg er ins Direktorium der nun umbenannten Victoria-Versicherung auf, wurde 1901 ihr Generaldirektor.

Eine seiner wichtigsten Errungenschaften war die 1892 erfolgte Einführung der Lebensversicherung als Volksversicherung in Deutschland; ein guter Grund für ein großes Ölporträt. Heute gehört die Victoria Versicherung zur ERGO Group, hat ihren Hauptsitz nach wie vor in Düsseldorf und ist Leihgeber des Bildes sowie einer der Sponsoren der Ausstellung, mit der der Kunstpalast die aus der Sammlung Gerstenberg hervorgegangene Scharf Collection nun erstmals umfassend vorstellt.

Deutsche Privatsammler wurden zeitig auf französische Kunst aufmerksam

Die tiefgreifenden Verschiebungen des Kunstkanons in Frankreich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland damals nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern tatkräftig befeuert und vorangetrieben. Noch bevor hierzulande Museen anfingen, in größerem Stil französische Kunst zu erwerben, waren Künstler aufmerksam und wohlhabende Privatsammler aktiv geworden und hatten begonnen, Werke französischer Künstler zu sammeln, was durchaus im Widerspruch zur offiziellen Kulturpolitik im Kaiserreich stand.

In einem Raum hängen Gemälde an blauen Wänden.

Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt mit rund 180 Exponaten die deutsche Privatsammlung der Scharf Collection.

Auch Otto Gerstenberg gehörte zu den Sammlern der ersten Stunde und besaß zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen Deutschlands. Nach seinem Tod 1935 gelang es seiner Tochter Margarethe, obschon manches im Krieg zerstört oder verschleppt worden war, einen großen Teil der Sammlung zu retten und ihren Söhnen Walther und Dieter Scharf zu vermachen. Diese wiederum teilten die Sammlung unter sich auf; Dieters Zweig als Sammlung Scharf-Gerstenberg (vornehmlich Druckgrafik von Goya, Piranesi, Meryon und Manet) gelangte als Dauerleihgabe in die Berliner Nationalgalerie. Walther und seine Frau Eve, dann auch Sohn René mit Gattin Christiane sammelten ebenfalls weiter, fokussiert weiterhin auf französische Kunst, später auch auf amerikanische und internationale Gegenwartspositionen.

Die Ausstellung ist ein Genuss

Die Sammlung wuchs weiter, wurde ergänzt um Werke von Claude Monet, Paul Cézanne, Pierre Bonnard, Henri Matisse, Fernand Léger und Pablo Picasso, dann Jasper Johns, Sam Francis, Sean Scully und andere. Selten wurden Einzelwerke mal ausgeliehen, die gesamte Sammlung kannte man schlechterdings bislang nicht. Und so ist die jetzt in Kooperation mit der Alten Nationalgalerie Berlin entstandene, im Düsseldorfer Kunstpalast gezeigte Schau nicht nur ein Aufmarsch großer Namen, sondern auch eine Entdeckungstour – und sie ist ein Genuss. Ein Treffen bedeutender Künstler ist sie natürlich dennoch, unbestreitbar.

Otto Gerstenberg hat zum Beispiel nahezu die gesamte Druckgrafik von Henri de Toulouse-Lautrec erworben, in der Ausstellung füllen die Blätter nun in Petersburger Hängung einen der zentralen Räume, spektakulär und sehr eindrucksvoll. Die Werbeplakate, die der französische Maler und Grafiker für die einschlägigen Etablissements und deren Personal schuf, prägen das Bild der Pariser Belle Époque bis heute. Einfache Umrisslinien und silhouettenhafte Figuren sind typisch für die Lithografien mit Motiven aus den Pariser Varietés, Café-Concerts und Tanzlokalen, Salons und Bordellen.

Begeisternde Plakat-Kunst nach japanischem Vorbild

Die Druckgrafik erfährt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bis heute andauernde erneute Wertschätzung. Damals ließen sich viele Künstler auch von der japanischen Kunst inspirieren. Neben den exotischen Motiven war es vor allem die neue Bildsprache, die die Kunst revolutionierte. Dazu kam die Rückbesinnung auf traditionelle Techniken zur Bildproduktion in Serien; Paul Cézanne etwa schuf seine Serien der Montagne Saint-Victoire auch in Kenntnis der in Japan populären Tradition serieller Druckgrafik.

Ein Gemälde zeigt eine Frau mit Blumenhut.

Auch Auguste Renoirs „Junge Frau mit Blumenhut“ ist Teil der Ausstellung.

Starke Farbkontraste, leere Flächen, Anschnitte und gewagte Perspektiven bestimmen nun viele der Werke auch von Edgar Degas, Henri Matisse und anderen. Die Zentralperspektive hat ausgedient, Raumtiefe geht verloren, Linie und Fläche haben das Bildregime übernommen. Daher macht es in der Ausstellung maximal Sinn, neben Degas, Toulouse-Lautrec, Pierre Bonnard und Édouard Vuillard, auch Blätter japanischer Farbholzschnitt-Serien von Katsushika Hokusai, Utagawa Hiroshige und Utugawa Kuniyoshi aus der Sammlung Scharf zu zeigen.

Ein Schwerpunkt: Grafik

Grafik ist überhaupt ein Schwerpunkt in der Sammlung von Otto Gerstenberg: In einem der ersten Räume treffen Honoré Daumiers wunderbar bissige Karikaturen auf Goyas Kaltnadel-Radierungen der „Desastres de la Guerra“-Serie (1810-15/1863) und Odilon Redons Lithografien. Delacroix, Courbet, Corot weisen den Weg, den Monet, Cézanne und Renoir mit ihrer Kunst bald darauf gehen sollten. Jetzt sind es die Nachfahren von Otto, die den Sammlungsschwerpunkt fortsetzen.

Die technischen Errungenschaften der einsetzenden Moderne, die nachindustrielle Euphorie einer sich langsam als Bürgertum etablierenden Gesellschaft, die zahllosen Angebote an Menschen, die nun Zeit und Muße hatten, sich zu zerstreuen: All dies vibrierte in der neuen Großstadt. Was lag also näher, als mit vibrierender Malerei die flüchtigen Erscheinungen der modernen Metropole Paris einzufangen? Der Impressionismus ist nicht von ungefähr die Sprache jener flirrenden Epoche.


„Monet–Cézanne–Matisse. The Scharf Collection“ ist bis zum 9. August 2026 im Düsseldorfer Kunstpalast (dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, donnerstags 11 bis 21 Uhr) zu erleben.