Abo

„Gelbe Monster“ von Clara LeinemannWenn weibliche Wut zur rohen Gewalt wird

4 min
Die Kölner Autorin Clara Leinemann ist mit „Gelbe Monster“ für den lit.Cologne-Debütpreis nominiert

Autorin Clara Leinemann wurde mit "Gelbe Monster" mit dem lit.Cologne-Debütpreis ausgezeichnet

Die Kölner Autorin Clara Leinemann hat mit „Gelbe Monster“ einen Roman geschrieben, der leichter klingt, als er ist. Nun wurde sie mit dem lit.Cologne-Debütpreis ausgezeichnet.

Charly hat ihren Freund geschlagen. Wir lernen sie mit gebrochener Hand auf dem Weg zu einem Antiaggressionstraining für Frauen kennen. Dass sie den Kurs ab jetzt jede Woche besucht, ist die Bedingung dafür, nach der Trennung von Valentin bei ihrer besten und einzigen Freundin wohnen zu dürfen. Mit dieser Prämisse zieht die Autorin Clara Leinemann uns in ihrem Debütroman „Gelbe Monster“ fast beiläufig hinein in die rauschende Abwärtsspirale aus Obsession, Kränkungen und Wut, die alldem vorausgingen. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder zu bagatellisieren, erzählt Leinemann von Gewalt, die von Frauen ausgeht, richtet das Schlaglicht auf ein Thema, an das sich wohl nicht alle in ihrem ersten Buch heranwagen würden – und wurde dafür mit dem diesjährigen lit.Cologne-Debütpreis ausgezeichnet.

So manche Passage dieses leichtfüßigen Romans liest sich wie eine Liebesnovelle – wäre das, was sich da zwischen Charly und Valentin entfaltet, nicht so hochgradig problematisch. Dass Charly, die gerade an ihrer Doktorarbeit in Mathematik schreibt, wenig von sich selbst hält, wird schnell klar. Erst als sie Valentin kennenlernt und er sich für sie von seiner Freundin trennt, fühlt sie sich endlich gesehen. Charly, das erfahren wir nach und nach, hat sich nicht bloß verliebt, sondern ist regelrecht besessen, süchtig nach Aufmerksamkeit von einem Mann, den sie bis zuletzt nicht richtig greifen kann und der sich emotional vor ihr verschließt. Je mehr er sie wegschiebt, desto mehr klammert sich Charly mit aller Kraft an ihm fest – bis in ihr eine immer größere Wut heranwächst.

Zwischen Widerstand und Gewalt

Die Handlungsebene springt zwischen Rückblicken auf die gescheiterte Beziehung, Charlys Versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, und Szenen aus der Therapiegruppe, wo die gewalttätig gewordenen Frauen jeweils ihre Taten rekonstruieren sollen. Indem Leinemann die noch immer wütende, verletzte, über lange Strecken uneinsichtige Charly erzählen lässt, verstrickt sie uns geschickt in die verdrehten Ansichten der Protagonistin, die sich selbst in der Opferrolle wähnt. Dem setzt die Autorin vielleicht etwas plakativ, aber wirkungsvoll die Antiaggressionstrainerin als moralisch-pädagogische Instanz entgegen und erzeugt damit ein Reibungsfeld, das weder einfache Pauschalisierungen noch vorschnelle Werturteile zulässt.

Wenn eine der Frauen beispielsweise erzählt, ihr Freund habe ihr auch vor gemeinsamen Freunden ständig einen Klaps auf den Po gegeben, habe ihr zwischen die Beine gefasst und ihren Kopf Richtung seines Schoßes gedrückt, bis sie eines Tages zu viel bekam und ihm eine Ohrfeige verpasste – will Charlie nicht einsehen, dass auch das unter die Kategorie Gewalt fällt. Kurz ist man versucht, ihr recht zu geben. Einmal sind sich die Seminarteilnehmerinnen einig: Die Männer hätten ohnehin angefangen. Sollte weibliche Wut uns nicht helfen, soziale Ungerechtigkeiten zu überwinden? Immer wieder begibt sich Clara Leinemann mit diesem Roman in die Grenzgebiete von Schuld und Verantwortung, stets mit einer erstaunlichen erzählerischen Leichtigkeit.

Autorin Clara Leinemann wurde mit ihrem Roman „Gelbe Monster“ mit dem lit.Cologne-Debütpreis ausgezeichnet

Birgit Lichtenstein, Clara Leinemann und Moderatorin Marie-Christine Knop beim lit.Cologne-Debütpreis

Grenzen von Schuld und Verantwortung

Erschreckend greifbar beschreibt sie, wie die Wut ihre Protagonistin überkommt, bevor sie sich in roher Gewalt ausdrückt, als läge all das außerhalb ihrer Kontrolle. Keine der aktuell gerne herangezogenen Befunde wie „dysfunktionale Beziehung“, „emotionale Abhängigkeit“ oder „Bindungsstörung“ taucht in diesem Roman auf, auch wenn sie vermutlich alle die Gemengelage treffend beschreiben würden, in der Charlys Gewaltausbrüche ihren Ursprung finden. Trotzdem hat auch sie selbstverständlich eine Wahl, trägt sie die Verantwortung für ihr eigenes Handeln.

Gleichzeitig ist das penetrante Hintergrundrauschen der patriarchalen Machtstrukturen unserer Gesellschaft ständig präsent. Denn Charlys Denken und Handeln sind durchsetzt von verinnerlichtem Frauenhass, der sich vor allem gegen sie selbst, aber auch gegen andere Frauen richtet. Dazu hat sie unerfüllbare Erwartungen an eine romantische Beziehung und macht ihren eigenen Wert vollkommen davon abhängig, ob sie von einem Mann geliebt wird oder nicht. Dass sie dabei von einer anderen Seite sehr viel Zuneigung und Geduld erfährt, will sie wiederum nicht sehen.

Leinemann erzählt von weiblicher Wut und Gewalt, ebenso wie von der Kraft der Freundschaft. Gerade mit seiner leichten Sprache mag einem dieses Buch zunächst als zärtlicher Coming-of-Age-Roman erscheinen – seine vollen Dimensionen entfaltet es mit umso größerer Sprengkraft erst, wenn man es längst zugeklappt hat. „Gelbe Monster“ ist schwere Kost, leicht verpackt – ein Debüt, das große erzählerische Stärke beweist.


Clara Leinemann, geboren 1994 in Köln, studierte Kreatives Schreiben in Hildesheim. Heute lebt sie in Berlin und schreibt neben Prosa, auch Dramen- und Hörspieltexte. Für ihr Kindertheaterstück „Buddeln“ wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Ihr Debütroman „Gelbe Monster“ (192 Seiten, 22 Euro) erschien am 11. März im Suhrkamp Verlag.