Judith Hermann stellte auf der lit.Cologne ihr neues Buch vor, in dem sie sich unter anderem in Polen auf die Suche nach den Spuren ihres Großvaters begibt, der Mitglied der Waffen-SS war
Judith HermannSchreiben, worüber man nicht sprechen kann

Eine Magierin der Leerstellen: Judith Hermann bei der lit.Cologne
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Wenn Judith Hermann schreibt, ist es, als hätte jemand ein Licht angemacht. Ein Licht, das einen die Dinge, die Welt ganz anders sehen lässt. Das Schöne, genauso wie das Schreckliche. In ihrem Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist das zum Beispiel eine silberne Suppenkelle. Nichts Besonderes, ein Geschenk ihres Großvaters an die Mutter, ein Alltagsgegenstand. Aber für Judith Hermann steht diese Kelle für viel mehr: Dafür, dass dieser Großvater, überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der Waffen-SS, auf merkwürdige Weise präsent war in ihrer Familie. Und gleichzeitig totgeschwiegen wurde.
Das Schweigen, irritierende Leerstellen, der Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Fiktion - das sind Schlüsselthemen und -techniken in Judith Hermanns Schreiben, seit ihrem Debüt „Sommerhaus später“. Der Erzählband erschien von knapp 30 Jahren, ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Vor einigen Jahren hielt Judith Hermann dann Poetik-Vorlesungen an der Frankfurter Universität. Daraus entstand ein Buch, in dem es eine ganz kurze Szene gibt, die für sie der Impuls war, nun der Geschichte ihres Großvaters nachzugehen. Das erzählte sie bei ihrem lit.Cologne-Auftritt im Gespräch mit Moderator Bernhard Robben.
Unausgesprochene Präsenz des Großvaters
In dieser Szene sitzt ihre Familie - Großmutter, Vater und Kind - Ende der 1970er Jahre zusammen vor dem Fernseher und schaut die amerikanische Serie „Holocaust“: „Und es wird über das, was sie sich ansehen, nicht gesprochen. Was besonders abgründig ist, wenn man weiß, dass der verstorbene Mann dieser Großmutter als SS-Offizier an den Verbrechen der Wehrmacht beteiligt gewesen ist.“ Ihr Großvater sei damals also irgendwie als unsichtbarer Vierter mit dabei gewesen. „Und als ich das Buch zu Ende geschrieben habe, hatte ich das deutliche Gefühl, dass ich es dabei nicht belassen kann“.
Judith Hermann beginnt zu recherchieren. Schon vor der Pandemie hatte sie im Bundesarchiv einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt, aber nicht viel erfahren. Doch ihre ansonsten so verschlossene Mutter gab ihr daraufhin eine kleine, hölzerne Kiste. Darin fanden sich einige Urkunden und ein Stapel Fotos. Darunter eins aus dem Juli 1941, das den Großvater auf einem Motorrad der SS in Radom zeigt. „Was hatte er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.“ Die Antwort führt in den Abgrund der deutschen und der polnischen Geschichte.
Judith Hermann mietet sich eine Wohnung in der polnischen Kleinstadt Radom, irgendwo zwischen Warschau und Krakau und fährt im Februar dorthin. Liest Bücher, unter anderem den Klassiker „Die Unfähigkeit zu trauern“der Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich. Besucht das historische Museum. Telefoniert beinahe täglich mit ihrer Mutter, in dem ziemlich mühsamen Versuch, endlich mehr von ihr über den Großvater zu erfahren. Und durchstreift die Stadt, in der vor dem Zweiten Weltkrieg eine der größten jüdischen Glaubensgemeinschaften Polens zu Hause war. Und in der die Nationalsozialisten im Frühjahr 1941 ein Ghetto errichtet hatten, in dem sie anderthalb Jahre lang 33.000 Menschen einsperrten. Bis sie es im August 1942 mit äußerster Brutalität auflösten, wie es im Buch heißt. Die Bewohner wurden erschossen oder für Zwangslager oder die Deportation nach Treblinka und Auschwitz selektiert.
Mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese gar nicht möglich zu sein
Das Foto ihres Großvaters hat die Autorin auf ihren Spaziergängen immer bei sich. Und tatsächlich, irgendwann, ist sie auf genau dem Platz, auf dem er mit dem SS-Motorrad fotografiert worden war. „Ich habe im Geiste auf diesem Platz mit ihm gestanden, und ich habe gemerkt, dass ich seine Anwesenheit auch körperlich tatsächlich gespürt habe. Das ist vielleicht eine etwas esoterische Sache, über die man dann auch nicht wirklich schreiben oder sprechen kann“, sagte sie. „Aber es ist das, was ich wollte, und es ist natürlich ein in gewisser Weise kindlicher Wunsch. Es ist etwas Naives daran, aber auch etwas Widerständiges.“ Sie sei nach Radom gefahren, um zu erfahren, ob ihr Großvater wirklich in diesen Jahren dort gewesen ist. Und wenn er in diesen Jahren dort gewesen ist, könne es nichts anderes heißen, als dass er ein Täter war. „Das ist eine Gewissheit, von der ich dachte, meine Mutter muss sie haben. Und ich wollte sie mit meiner Mutter haben.“
Judith Hermann wäre nicht Judith Hermann, wenn sie einfach nur ein Protokoll dieser Reise geschrieben hätte. Denn ihre Texte sind immer auch ein Nachdenken über das Schreiben selbst: „Ich versuchte etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht“, schreibt sie über die Verbrechen der SS in Radom. „Mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese gar nicht möglich zu sein.“ Und so umkreist ihr Text die Leerstelle ihres Großvaters, ohne dabei jemals ins Zentrum zu gelangen und genau damit ins Schwarze zu treffen. Judith Hermann schreibt ihre Texte beinahe wie Gedichte: In knappen, hochverdichteten Sätzen und Szenen, deren Magie sich in den Zwischenräumen entfaltet.
Das schmale Buch hat drei Teile, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen. Im zweiten Abschnitt reist die Ich-Erzählerin, die sich im Laufe des Texts immer weiter von der realen Autorin entfernt, nach Neapel. Dort wohnt ihre Schwester, eine Archäologin, mit ihrer Familie. Der dritte Teil erzählt von den Eltern des Lebensgefährten der Erzählerin, die für zwei Tage lang verschwanden – und das nie aufklärten. Doch selbst die Bezüge der Teile untereinander, die Judith Hermann nie ausbuchstabiert, scheinen sich wie von Zauberhand zu einer größeren, unsichtbaren Erzählung zusammenzufügen.
Der Titel ihres Buchs „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ beziehe sich übrigens nicht darauf, sich tatsächlich zu wünschen, die Vergangenheit verändern zu können, sagt sie. Sondern „vielleicht besser begreifen zu können, wie Dinge kommen konnten, wie sie gekommen sind.“ Sie und ihre Geschwister hätten als dritte Generation eine Verantwortung dafür, die Zeitzeugen noch einmal zu hören, bevor sie sich aus dem Leben verabschieden. „Um es dann an unsere Kinder, die vierte Generation, weiterzugeben.“ Ein Prozess, für den es kein Ende gebe.
Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, S. Fischer, 160 Seiten, 23 Euro.

