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Judith HolofernesDer Fluch des Nettseins

6 min
Judith Holofernes

Zu nett für diese Welt: Judith Holofernes

In ihrem Buch „Hummelhirn“ schreibt Judith Holofernes, bekannt geworden mit ihrer Band Wir sind Helden, über ihre unkonventionelle Kindheit - und über das Aufwachsen mit ADHS.

„Ich wollte eigentlich einfach ein lustiges Buch über meine Kindheit schreiben“, sagt Judith Holofernes im Gespräch bei ihrem Kölner Verlag Kiepenheuer&Witsch – aber dann ist es doch mehr geworden: Ein Buch über das Großwerden als Chaos-Kind. Und ein Buch über pathologisches Nettsein. Trotzdem ist „Hummelhirn“ ein sehr lustiges Buch über Judith Holofernes’ Kindheit in der links-alternativen Szene im Berlin der 1970er und 80er geworden. Und über den Kulturschock nach ihrem Umzug nach Freiburg. Eine bunte Wundertüte voller Anekdoten, Gedanken, Erinnerungen, Songtexte. Ihr Vater pilgerte damals – wie so viele andere – nach Indien, um im Ashram von Bhagwan sein Seelenheil zu finden. Zu Hause in Berlin soll er dann sogar Windeln gewechselt haben, schreibt Judith Holofernes mit treffsicherem Humor „während die anderen Väter in der WG-Küche den Niedergang des Patriarchats diskutierten“.

 Die WG-Küchen samt Mitbewohnern wechselten sehr oft, Judith Holofernes „erstes richtiges Zuhause“ wurde der selbstverwaltete Kinderladen Kakadu, wo damals noch unbekümmert „Ficken“ gespielt wurde. Anders als oft gemunkelt wird, habe ihr und den anderen die unkonventionelle Kinderladen-Erziehung nicht geschadet, resümiert sie im Buch: „Alle waren wir zu kreativen, kooperativen, verbindlichen, ja: netten Erwachsenen herangewachsen, mit bundesdurchschnittlich wenigen Massenmördern dazwischen.“

Sie erzählt von ihrer Mutter, die ihre noble Herkunft als Tochter eines Barons inklusive Schloss und Fecht-Ausbildung hinter sich ließ, um sich in Berliner Wohngemeinschaften als literarische Übersetzerin durchzuschlagen. Bald alleine mit ihrer kleinen Tochter Judith - denn ihr Herz schlug mehr für Frauen als für Judiths Vater. In Berlin erregte eine lesbische Alleinerziehende damals wenig Aufsehen. Genauso wenig wie ihre verträumte und chaotische Tochter. Doch als Judith sechs Jahre alt war, zog die kleine Familie nach Freiburg – eine völlig andere Welt scheinbar voller adretter Kinder aus Bilderbuchfamilien, die ordentlich getauft waren und ihre Mutter nicht - wie Judith Holofernes - beim Vornamen nannten. „Ob meine Seltsamkeit mit dem ‚unkonventionellen Lebenskonzept‘ meiner Mutter zu tun hatte?“ fragt die sich bang.

Dazu kam dann auch noch das Gefühl, „ich benehme mich immer aus Versehen irgendwie daneben, scheine die Regeln nicht zu verstehen. Und die Erwachsenen finden mich komisch, bis beunruhigend, bis irgendwie nervig.“ Sie versucht mit aller Kraft, sich anzupassen, „den allgemeingültigen Regeln von Nett zu entsprechen“. Ein fataler Entschluss - denn diesem Nettsein opfert sie zu oft sich selbst, wird später mit ihrer Band „Wir sind Helden“ zum selbsterklärten „nettesten Rockstar der Welt“ - und bricht irgendwann zusammen.

Nett zu sein - das ist irgendwie ein Lebensthema
Judith Holofernes

Nett zu sein - „das ist irgendwie ein Lebensthema“. Diese Erkenntnis verdankt Judith Holofernes auch ihrem ersten Buch, einer Abrechnung mit dem Musik-Betrieb. Mit ihrer Band „Wir sind Helden“ war sie ein Star. Und ging dafür viel zu lange viel zu weit über ihre Grenzen. Nach dem Erscheinen des Buchs fragten sie die Leute: „Warum hast du das denn so lange mitgemacht?“ „Und wie passt das zusammen mit diesen aufmüpfigen Songs?“. Und das fragte sie auch sich selbst: „Du singst eine Verweigerungshymne nach der anderen und bist jetzt das zweite Mal in einer Erschöpfungsdepression. Was ist da eigentlich los?“

Und so wurde ihr zweites Buch nicht nur eine turbulente Lebensgeschichte mit einer unüberschaubaren Menge an WG-Mitbewohnern, Haustieren, Freundinnen und Jugendlieben. (Besonders bei letzteren kann man leicht den Überblick verlieren – und so ging es offensichtlich auch Judith Holofernes damals).  „Hummelhirn“ ist gleichzeitig auch ein Nachdenken über das Aufwachsen als Mädchen und junge Frau mit ADHS im deutschen Schulsystem. Wo die Diagnose in den 1980ern und 90ern meist auffällig zappeligen Jungs vorbehalten war.

Dass  das Gehirn von verträumten und verpeilten Mädchen, wie Judith Holofernes es war, auch anders ticken könnte und dass sich die Symptome nicht unbedingt im Erwachsenenalter „auswachsen“ - das ist eine Erkenntnis, die sich erst in den vergangenen Jahren durchgesetzt hat. Weswegen in der öffentlichen Wahrnehmung „plötzlich“ sehr viele Frauen mit ihrer ADHS-Diagnose an die Öffentlichkeit gehen – in den Sozialen Medien zum Beispiel.

Springt nun also Judith Holofernes auch noch auf diesen Trend auf? Den Vorwurf hat sie auch schon gehört. Und auch, dass man so eine Diagnose als Entschuldigung benutze, es sich irgendwie leicht zu machen: „Das  beeindruckt mich relativ wenig.“ Sie weiß seit vier Jahren, dass sie ADHS hat. Den Song „Ich bin das Chaos“ mit den Zeilen: „Mein Stern explodiert in tausend Teile und ich räum’ keine wieder auf“ veröffentlichte sie schon 2017. Manchmal sind die Songs eben weitsichtiger als die Songschreiberin.

 Für Judith Holofernes war die Diagnose „wahnsinnig hilfreich“, sagt sie. Weil sie seitdem eben nicht mehr denkt, mit ihr sei irgendetwas falsch, was sie durch übertriebene Nettigkeit und Anpassung wieder ausbügeln muss.  „Jetzt kann ich einfach sagen: Interessant, wie das für dich ist. Für mich funktioniert das komplett anders.“ Sie sehe Neurodiversität eigentlich gar nicht als pathologisch: „Leute haben einfach unterschiedliche Betriebssysteme.“

Ein Buch für alle „komischen Kinder“

Deswegen wollte sie auch nicht explizit ein ADHS-Buch schreiben – sondern ein Buch, das alle mitnimmt, die Schwierigkeiten hatten oder haben, sich anzupassen. „Ich hoffe, dass alle, die sich auch als komische Kinder gefühlt haben, sich gesehen fühlen.“ Sich in Büchern wiederzufinden – das sei für sie selbst immer unheimlich wichtig gewesen. Und so versteht sie auch ihr Buch – nicht als klassische Autobiografie, sondern als „Memoir“, das einen Ausschnitt aus ihrem Leben erforscht. In der Ahnung, dass sie damit vielen aus der Seele spricht. Die Chance ist groß, denn genauso wie ADHS ist auch „People Pleasing“ ein Thema, das gerade viele interessiert - also so nett zu anderen zu sein, dass man sich selbst dabei zu verlieren droht. Übrigens ein Phänomen, das hauptsächlich Frauen betrifft, sagt Judith Holofernes. Von denen die Gesellschaft auch heute noch erwartet, dass sie nett sind und Probleme weglächeln.

Für „Hummelhirn“ hat sie in ihrem Leben beinahe so recherchiert wie in einem fremden. Hat Zeugnisse und Tagebücher studiert, sich mit Verwandten und alten Freunden getroffen: „Ich hatte den Anspruch, dass es so wahrheitsgemäß wie möglich sein, gleichzeitig aber auch einen literarischen Mehrwert haben soll.“ Und dass Judith Holofernes nicht nur Songtexte, sondern auch Bücher schreiben kann, hat sie schon mit ihrem Debüt bewiesen.

Ihre Geschichte zeigt, wie gefährlich es sein kann, zu nett zu sein. Aber ist nett zu sein nicht auch ein sozialer Gewinn – gerade jetzt, wo das gesellschaftliche Klima rauer wird? Und ist sie nicht eigentlich immer noch ziemlich nett?  „In meinem Buch will ich das gar nicht werten – nur erforschen“, sagt Judith Holofernes. Schließlich sei sie schon lange praktizierende Buddhistin und schon deswegen sei Freundlichkeit ein hoher Wert für sie. Aber eben nicht mehr „dieses reflexhafte es allen recht machen zu wollen“. Im Deutschen fehle eigentlich ein Wort wie „kindness“ für positive Nettigkeit, überlegt Judith Holofernes, die Übersetzerinnen-Tochter: „Herzensfreundlichkeit trifft es vielleicht am besten.“


Eine Mischung aus Lesung und Gespräch zwischen Judith Holofernes und Nora Tschirner gibt es am Dienstag, 19. Mai um 20 Uhr im Kölner Gloria Theater. Tickets kosten 34,70 Euro.

Judith Holofernes, ehemals Sängerin und Texterin von Wir sind Helden, hat seit dem Ende der Band zwei Soloalben, einen Band mit Tiergedichten und den Bestseller „Die Träume anderer Leute“ (2022) veröffentlicht. Unter anderem wegen Problemen mit ihrer Stimme hat sie sich 2019 ganz aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. Sie macht einen Podcast („Salon Holofernes“) und veröffentlicht ihre kreativen Experimente auf der Plattform Patreon.

Hummelhirn, Kiepenheuer&Witsch, 24 Euro, 304 Seiten.