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Kult-Duo Magdalena Bay in KölnLebe lieber ungewöhnlich!

3 min
20.02.2026, Köln: Konzert des Elektropop-Duos Magdalena Bay, bestehend aus Mica Tennenbaum und Matthew Lewin, im Carlswerk  Victoria.

Foto: Michael Bause

Mica Tenenbaum und Matthew Lewin, das Electropop-Duo Magdalena Bay im Carlswerk Victoria.

Mica Tenenbaum und Matthew Lewin kombinieren als Duo Magdalena Bay uncoole Einflüsse zu einer wunderbar verspulten Vision. Jetzt verkauften sie das Carlswerk Victoria aus.

Wenn wir in ein paar Jahren auf die prägende Musik der 2020er Jahre zurückblicken werden, wird Magdalena Bays zweites Album, „Imaginal Disk“, ganz oben mit dabei sein, zusammen mit Charli XCXs „Brat“ und Bad Bunnys „Un Verano Sin Ti“. Noch ist das eine steile These, aber die Zeit arbeitet für das Duo aus Los Angeles. Mica Tenenbaum und Matthew Lewin haben sich in Miami kennengelernt, als sie von ihren jeweiligen Schulen in einer Classic-Rock-Coverband gesteckt wurden. Zwei Menschen, wie füreinander geschaffen, beide mit jüdisch-argentinischen Wurzeln, beide mit denselben, zutiefst uncoolen Obsessionen: Progressive- und Yacht-Rock, Disco und Synthiepop, bunte GeoCities-Internetseiten circa 1999, verspulte Konzeptalben. 

Auf „Imaginal Disk“ verkörpert Tenenbaum eine Außerirdische namens True Blue, der ein Compact-Disc-ähnliches Objekt in die Stirn eingeführt werden soll, zur Vervollkomnung ihrer Persönlichkeit. Das sieht man auf dem Cover und in den trashig-bunten Videos, die das Duo in Eigenregie produziert. Man sieht es auch im Publikum, das vor dem Kölner Konzert von Magdalena Bay eine lange Schlange vor dem Carlswerk Victoria bildet: Viele haben sich, wie Tenenbaums True-Figur, die Stirn staubblau geschminkt, später werden sie eine ebenso lange Schlange vor dem Merch-Tisch bilden, um sich rund angeschnittene Papp-CDs zu kaufen, die mit einem Gummizug am Kopf befestigt werden. 

Eine CD als außerirdisches Objekt

Für die meisten Menschen in der ausverkauften Halle könnte so ein Silberling ebensogut eines der magischen, legendenumwobenen Objekte sein, denen Indiana Jones nachjagt. Damit hat man also mal Musik gehört? Dabei verkörpert das live um einen Schlagzeuger und einen Multiinstrumentalisten ergänzte Duo altväterliche Tugenden, vor allem eine ins jazzig-nerdige Muckertum spielende Virtuosität. Man stelle sich vor, Hall & Oates würden Genesis' „The Lamb Lies Down the Broadway“ covern, Debbie Harry und Kate Bush wechseln sich am Gesang ab.  

Das sollte nicht funktionieren, aber hier klingt das organisch, fabelhaft neu, und in den besten Momenten der gut anderthalbstündigen Show fühlt man sich an die Bruchlinie zwischen Kindheit und Jugend zurückversetzt, jenen Moment, an dem man zum ersten Mal einen Song gehört hat, der völlig fremd klang, wie aus einer anderen Welt – und gleichzeitig wusste, dass man selbst der Adressat war. 

20.02.2026, Köln: Konzert des Elektropop-Duos Magdalena Bay, bestehend aus Mica Tennenbaum und Matthew Lewin, im Carlswerk  Victoria.

Foto: Michael Bause

Mica Tennenbaum im Carlswerk Victoria

„Image“, „She Looked Like Me!“, „Killing Time“ – gleich die ersten Stücke sind allesamt heimliche Hits. Lewin bleibt, bis auf ein eiliges Gitarrensolo, der Macher und Schaffer im Hintergrund, Mica Tenenbaum tänzelt umso exaltierter im nachtblauen Kostüm über die Bühne, räkelt sich auf einem alten Lehnstuhl, streckt sich auf einem Podium, schnallt sich eine weiße Casio-Keytar um oder verkleidet sich als Sonnenblume. Die Bühne kombiniert LED-Screens mit selbstgebastelten Pappmaché-Ummantelungen. Ja, die ganze Show wirkt wie eine Grundschul-Theateraufführung, nachdem jemand den Pausenkakao mit LSD versetzt hat. 

Und ist trotzdem fast zu professionell. Lewin und Tenenbaum haben ihrer Introvertiertheit ein festgezurrtes Exoskelett verpasst, es vergeht keine Sekunde ohne musikalische Verzierung oder kuriose Bildidee. Das lässt wenig Luft für Interaktion. Was die blau geschminkten Fans allerdings nicht weiter stört. Längst sind sie tief ins Magdalena-Bay-Universum eingetaucht. 

In „The Ballad of Matt and Mica“, dem letzten Stück vor der Zugabe, schließt Tenenbaum dann, stellvertretend für uns alle, Frieden mit dem ewigen Störgefühl, ein wenig anders zu sein als die anderen. Sie trägt jetzt ein hellblaues Balletttrikot und weiße Flügel dazu, schlägt mit erhobenem Arm in die Luft: „Bang-bang, not ordinary!“ Lebe lieber ungewöhnlich, hier ist der ideale Soundtrack dazu.