Mit Alexander Kluge stirbt nach Jürgen Habermas der zweite große Aufklärer der BRD. Eine Würdigung.
Nachruf auf Alexander KlugeArtisten in der Zirkuskuppel: untröstlich

Autor, Filmemacher, Universalgenie: Alexander Kluge ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
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Es ist ziemlich genau vier Jahre her, da konnte man Alexander Kluge auf der großen Bühne des Kölner Schauspiels weinen sehen. Eine einzelne Träne hielt sich hartnäckig am rechten Auge des Leisesprechers und Universalgenies fest, noch nicht ganz bereit, über seine Wange zu rinnen. Im Monat zuvor hatte Russland die Ukraine angegriffen. Die alte Nachkriegsordnung war volatil genug, aber immerhin lebte man in Deutschland in „einer Zeit, die den Krieg als Mittel der Politik unbrauchbar gemacht hat“, so hatte es Kluge 60 Jahre zuvor in einer Resolution zur „Spiegel“-Affäre formuliert, in der er zusammen mit anderen westdeutschen Intellektuellen dem Nachrichtenmagazin gegen den Vorwurf des Landesverrats beigesprungen war.
Im selben Jahr, 1962, war sein literarisches Debüt „Lebensläufe“ erschienen, eine Sammlung lose miteinander verbundener Fallstudien, manche faktisch, manche fiktiv, über Menschen, deren Biografien entlang der Bruchstelle des Zweiten Weltkriegs verlaufen. Darunter auch die Geschichte der Anita G., die als Kind jüdischer Eltern im Nazi-Reich geboren wird, später aus der DDR in die Bundesrepublik flieht, wo ihre Bemühungen, in der dortigen Gesellschaft Fuß zu fassen, im Frauengefängnis enden.
Den Heimatfilmkitsch wollte Alexander Kluge in ein Säurebad tauchen
Kluge arbeitete sie kurz darauf zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm auf, „Abschied von Gestern“ (1966), als Anita G. besetzte er seine Schwester Alexandra, in der Rolle des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der in gleicher Funktion die Frankfurter Auschwitzprozesse vorangetrieben hatte.
„Abschied von Gestern“ gilt heute als Klassiker des Neuen Deutschen Films. Den hatte Kluge zusammen mit anderen Regisseuren seiner Generation wie Peter Schamoni und Edgar Reitz mit dem Oberhausener Manifest gegen „Papas Kino“ in Stellung gebracht: Den Heimatfilmkitsch des Verdrängungskinos wollte man in ein Säurebad aus gesellschaftskritischen, formal experimentellen und zum Widerspruch einladenden Werken tauchen – und forderte für sich – bis dahin hatte es nur zu Kurzfilmen gereicht – mehr staatliche Nachwuchsförderung, um die sich Kluge praktischerweise gleich selbst kümmerte.
Es war nicht einfach, aus dem Konsens des Schweigens auszubrechen. Die Freiwillige Selbstkontrolle gab „Abschied von Gestern“ erst für die deutschen Kinos frei, nachdem der Film in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet worden war (und Kluges Schwester als beste Darstellerin).

Alexander Kluge im März 2022 auf der lit.Cologne
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Auch der Schriftsteller Kluge stieß beim Establishment der Literaturkritik zunächst auf Unverständnis. Mit „Schlachtbeschreibung“, seinem aus Berichten, Protokollen, Statistiken, Lageberichten und bis in die Science-Fiction reichenden Erzählpassagen montierten Wortgemälde der Schlacht von Stalingrad, unterlief Kluge das moralische Pathos der deutschen Nachkriegsliteratur mit provozierender Nüchternheit. Er beschwor keine Schicksalsschläge, sondern zeigte organisatorisches Versagen: Krieg als Verwaltungsproblem. Kluge überschätze seine Möglichkeiten maßlos, unkte damals Marcel Reich-Ranicki. Und unterschätze damit maßlos die Möglichkeiten des Romans. Skandalöserweise schien Kluge – auch wenn er sich stets zuerst als Autor begriff – das Medium, in dem er sich bewegte, egal zu sein.
Allein seine fast sprichwörtlichen Filmtitel zeugen aber von seinem literarischen Talent: „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (mit seiner damaligen Lebensgefährtin Hannelore Hoger in der Hauptrolle); „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“; „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“; und, gemeinsam mit „Heimat“-Regisseur Edgar Reitz, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“.
RTL-Chef Helmut Thoma schimpfte ihn einen „Wegelagerer“
Später, Ende der 80er Jahre, nutzte der Jurist Kluge die Tatsache, dass die Politik die neu entstandenen Privatsender zu sogenannten Drittsendelizenzen verpflichtet hatte, um mit seiner Produktionsfirma DCTP in der Nachtschiene von RTL, Sat.1 und Vox exotische Inseln des Verstands zu pflanzen; zu seinen regelmäßigen Sparringspartnern beim freien Assoziationsspiel gehörten unter anderem Christoph Schlingensief, Peter Berling, Helge Schneider und Joseph Vogl. RTL-Chef Helmut Thoma schimpfte ihn, nur halb im Scherz, einen „Wegelagerer“ und „Quotenkiller“.
„Gegenproduktion“ nannte das Alexander Kluge, der erkannt hatte, dass es keinen Sinn machte, ein Leitmedium von außen zu kritisieren. Aufklärung musste mitten im Getümmel stattfinden, als richtiges Programm im falschen. Noch mit 93 Jahren präsentierte er auf dem Film Festival Cologne einen Beitrag, den er unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz erstellt hatte.
Er blieb wach, er machte weiter, er ging mit der Zeit, ohne ihr deswegen gleich auf den Leim zu gehen. Als vor wenigen Tagen der drei Jahre ältere Jürgen Habermas starb, schrieb Alexander Kluge noch in der „FAZ“ von seiner Verwirrung und Trauer, jetzt ist mit ihm der zweite große Verfechter nicht nachlassender Gesprächsbereitschaft gestorben. Alexander Kluge wurde 94 Jahre alt.
In einem Interview zum 90. Geburtstag hatte Kluge von seinem prägenden Kriegserlebnis erzählt: Mit 13 war er bei einem Bombenangriff in seiner Geburtsstadt Halberstadt verschüttet worden. Doch dann habe er einen Ausgang zum Nachbarhaus gefunden, von da aus ging es zum nächsten und zum übernächsten Haus, bis sich schließlich ein Weg nach draußen fand. „Es gibt immer einen Ausweg“, sagte Kluge, das habe er daraus gelernt. „Um ihn zu finden, muss man locker lassen, oder man muss dafür sorgen, dass der Notausgang zu einem kommt. Man muss ihn zulassen.“

