Harry Styles meldet sich nach vier Jahren Funkstille mit dem neuen Album „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ zurück. Unsere Kritik.
Neues AlbumHarry Styles und die Kunst, es langsam angehen zu lassen

Harry Styles nimmt einen großen Schluck.
Copyright: Stella Blackmon
„Wenn du einen Marathon laufen willst, brauchst du Disziplin“, sagt Harry Styles zu Haruki Murakami: „Du darfst nicht zu früh zu schnell laufen.“ Der 32-jährige Popstar hat den 77-jährigen Literaturnobelpreisträger in spe für das Fachmagazin „Runner's World“ zum Interview getroffen. Er ist ein Fan des japanischen Autors und beide sind begeisterte Langstreckenläufer.
Vergangenen September trat Styles inkognito beim Berlin-Marathon an. Er schaffte es unter drei Stunden ins Ziel. Im Frühling und Sommer des Jahres 2025 konnte man ihn in Mitte und Kreuzberg seine Runden drehen sehen, vorbei an der Köthener Straße, wo er in den berühmten Hansa-Studios – David Bowie hatte hier einst die Mauerhymne „Heroes“ eingesungen – an seinem neuen Studioalbum arbeitete. „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ – ein Titel wie in Holz gebrannt – ist an diesem Freitag mit maximalem Tamtam erschienen, es ist seine erste Veröffentlichung seit vier Jahren, seit er mit „Harry's House“ zum größten, wenn nicht einzigen männlichen Popstar seiner Zeit aufgestiegen war.
Trotz vier Jahren Pause: Harry Styles bleibt der größte männliche Popstar
Die lange Kreativpause hat nichts an diesem Status geändert. Zwar gibt es inzwischen sehr viel mehr jüngere Konkurrenz als noch 2022, wie Alex Warren (25), Benson Boone (23) oder Sombr (20), doch Harry Styles agiert bereits seit seinem 16. Lebensjahr im Schatten junger Mädchenblüte, hat den schwierigen bis unmöglichen Übergang vom Teenie-Idol – seine Boyband One Direction war wohl die letzte ihrer Art – zum Solokünstler mit scheinbar müheloser Eleganz gemeistert.
Indem er nicht zu früh zu schnell losgelaufen ist, indem er, statt mit prominenten Kollaborationen und hochgezüchtetem Hitparadenfutter zu reüssieren, mit dezidiert erwachsenen Poprockballaden das Tempo herausnahm. Sich Zeit zu lassen, schreibt Murakami in seinem Buch über das Laufen, erweist sich manchmal als Abkürzung. Harry Styles hatte die Geduld, die Fans zu sich kommen zu lassen. Jetzt kann er es von ihnen verlangen: Anstelle einer Welttournee gibt er 67 Konzerte unter dem Motto „Together, together“ in nur sieben Städten, allein 30 davon im New Yorker Madison Square Garden – auf die rund 600.000 verfügbaren Plätze kamen 11,5 Millionen Bestellungsanfragen, trotz horrender Ticketpreise von bis zu 1400 Euro. Für alle, die leer ausgingen, zeigt Netflix ab Sonntag ein Konzert, das Styles am Freitagabend in Manchester gibt.
Tiefenentspannt geht es der Superstar auch auf „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ an, sanft, aber entschlossen oszilliert der Bass, noch sanfter klingt die ätherische Melodie, die Styles darüberlegt, aus seiner Stimme hat er die Tiefen herausfiltern lassen. „Aperture“, der Titel des als Single ausgekoppelten Auftaktstücks, bedeutet Öffnung, und wenn zum Refrain „we belong together“ („Wir gehören zusammen“) ein Chor einfällt, hat sich der unauffällig wippende Track zur Hymne gemausert, vielleicht kein „Heroes“, aber die Zeiten für Helden sind vorbei, Harry ist einer von uns – oder zumindest ein Meister darin, diese Illusion über 42 Minuten hinweg aufrechtzuerhalten.
Dass einige der ersten Rezensionen eher verhalten bis enttäuscht ausfielen, mag ebenfalls der Marathon-Mentalität des Briten geschuldet sein, fast alle der hier versammelten Stücke brennen sich nur langsam ins Gedächtnis ein. Dringen aber umso zielbewusster bis ins Lustzentrum vor. Die hübsch verhallten Ambient-Akkorde etwa, mit denen „American Girls“ anhebt, die Kombination aus satt pumpendem Basslauf, 8-Bit-Videospiel-Fiepen und stakkatoartigem Bremsgeräuschen auf „Ready, Steady, Go“ oder der furztrockene Funkbass, der in „Dance No More“ auf einen leicht zickigen Gospelchor trifft.
Überhaupt Chöre! Die kommen immer wieder zum Einsatz, um die Freuden des Zusammenseins zu besingen. Man läge nicht falsch, würde man das Album als Vocal-House- und Italo-Disco-Mix beschreiben (die regelmäßigen Berghain-Besuche hinterließen dagegen keine musikalischen Spuren), gelegentlich unterbrochen von Chill-out-Oasen wie dem Damon-Albarn-esken „The Waiting Game“ oder dem an Elliott Smith erinnernden „Paint by Numbers“. Da leistet sich Styles eine Barock-Trompete, in „Coming Up Roses“ ist es gleich ein ganzes Orchester, das ist dann beinahe schon zu viel des Neoklassizismus.
Das optimale Gleichgewicht zwischen Balladenkunst und erhebend-schwebender Discoseligkeit findet Harry Styles schließlich im letzten Stück des Albums: „Carla's Song“: „Du warst ein Baby, das auf einem Schokoriegel schlief“, flüstert er hier der unbekannten Carla zu, der er gerade Simon and Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“ vorgespielt hat. Und so fühlt man sich auch beim Durchhören von „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“, geborgen auf einem süßen Steg über unruhigem Gewässer.
Ein Lied kann, ein Entertainer muss eine Brücke sein, in diesen aufgewühlten Zeiten. Harry Styles bleibt unser verlässlichster Marathon-Mann.
„Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ ist bei Sony Music erschienen

