Er gewann als erster afrikanischer Architekt den Pritzker-Preis. In einem neuen Taschen-Band legt Francis Kéré jetzt seine Haltung offen, die in der Architekturwelt längst Spuren hinterlassen hat.
Pritzker-Preisträger Francis KéréWas Architektur kann, wenn sie den Menschen ernst nimmt

Für seine Grundschule in Gando (2001) gewann Francis Kéré den Aga-Khan-Preis.
Copyright: Siméon Duchoud
Schon mit seinem ersten Projekt gewann er den Aga-Khan-Preis für Architektur, 2017 errichtete er – wie zuvor Zaha Hadid, Rem Koolhaas oder Peter Zumthor – den Serpentine Pavillon in den Londoner Kensington Gardens, und spätestens seine Auszeichnung mit dem Pritzker-Preis als erster afrikanischer Architekt machte ihn 2022 weltberühmt. Trotzdem legt Francis Kéré, anders als jene Architektengeneration, keine Starallüren an den Tag. Auch als einer der gefragtesten Architekten der Welt gibt er sich stets als einer, der nicht vergessen hat, wo er herkommt. Dass es ihm dabei nicht bloß um eine geschickte Imagekampagne geht, sondern dahinter eine aufrichtige Haltung steckt, die sich auch durch sein gesamtes architektonisches Schaffen zieht, vermag Kéré jedenfalls in seiner gerade im Kölner Taschen-Verlag erschienenen Monografie glaubhaft zu vermitteln.
Er selbst erzählt darin seine Geschichte – angefangen in dem kleinen Dorf Gando im Osten Burkina Fasos. Hier wird er 1965 als ältester Sohn des Dorfvorstehers geboren; und hier entsteht viele Jahre später sein erstes Gebäude: eine Grundschule für die Kinder der Dorfgemeinschaft. Als Siebenjähriger musste Kéré seine Familie verlassen, um die Schule besuchen zu können – er ging als junger Erwachsener nach Deutschland, studierte an der Technischen Universität Berlin Architektur, um, so Kéré, „die Bautechniken der Menschen in Burkina Faso zu optimieren und ihre Lebensumstände zu verbessern“. Dafür kehrte er noch vor seinem Abschluss nach Gando zurück.
Bauen als Gemeinschaftsprojekt
Der langgestreckte, reduzierte, aber formschöne Schulbau mit auskragendem Dach, verweigert sich westlichen Stilkategorien und Denkweisen ebenso wie einer bloßen Wiederholung herkömmlicher, burkinischer Bauweisen. Stattdessen findet Kéré eine eigene Sprache, entwickelt die lokale Bautradition weiter und baut die Schule aus vor Ort gefertigten Lehmbausteinen, denen etwas Zement beigemischt wurde. Das ganze Dorf hilft beim Bau, sammelt Material, kocht für die Arbeiter; Frauen fertigen den Boden mit einer seit Generationen angewandten Lehmtechnik. Ausführlich beschreibt der Architekt diese Geschichte: die Herausforderungen, die Dorfältesten von seinen Ideen zu überzeugen, wie er selbst Spenden für den Bau sammelte, zwischen Gando und Berlin an den Entwürfen feilte und wie das Projekt schließlich durch die Arbeit der Gemeinschaft tatsächlich umgesetzt werden konnte.

Der „Xylem pavilion“ (2019) ist Teil des Tippet Rise Art Center, eines Kunstzentrums auf einer Ranch nördlich des Yellowstone-Nationalparks.
Copyright: Iwan Baan
Jenseits von abstrakten Theorien
Den Prozess betrachtet Kéré als Teil des Werks – das wird auf den 444 Buchseiten immer wieder deutlich. Und: Er denkt in anderen Kategorien als rein ästhetischen Stilfragen oder abstrakten Theorien, auch wenn er sich ohne Frage mit beidem ausgiebig beschäftigt hat: „Nennt mich einen Macher, nicht einen Intellektuellen“, schreibt er im Vorwort. Mit seinen radikal sozial und ökologisch gedachten Entwürfen ist er sowohl Utopist als auch Pragmatiker, wenn es darum geht, aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen. Schmunzeln muss man etwa, wenn Kéré beschreibt, wie sein vollständig aus Holz entworfener Plan für eine Kita auf dem Gelände der Technischen Universität München auf die Strenge deutscher Bauvorschriften und Brandverordnungen trifft. Nach einem „schwierigen“ Prozess begann der Bau 2024 und soll bald vor allem Frauen den Zugang zu Bildung erleichtern.
Die Kita in München und das ebenfalls im Bau befindliche Museum Ehrhardt auf dem Land Mecklenburg-Vorpommerns, sind seine ersten Projekte in Deutschland – obwohl er hier, in Berlin-Kreuzberg, schon 2005 sein Büro mit mehreren Mitarbeitenden eröffnete. Vielleicht, weil es in der westlichen, kapitalistisch-globalisierten Architekturwelt, bislang nur wenig ernsthaften Platz gab für Parameter wie Gemeinschaft, Einfachheit und den Bezug zur Natur. Auf der anderen Seite waren es paradoxerweise die Bewohner Gandos, die seinen Lehmbau zunächst ablehnten. Sie wünschten sich stattdessen ein Gebäude aus Beton und Glas nach westlichen Standards, denn in ihren Augen war der Lehm das Material armer Leute. Die Folgen des Kolonialismus haben tiefe Spuren hinterlassen.
Architektur zwischen den Welten
Immer wieder beschreibt Kéré, wie er mit seiner Architektur zwischen diesen Welten steht und damit ringt, die Werte, das generationenübergreifende Wissen, das er einmal in Gando gelernt hat, nie aus den Augen zu verlieren. Viele seiner frühen Projekte realisierte er auf dem afrikanischen Kontinent: Schulen, Krankenhäuser, Community-Center und mit Christoph Schlingensief, kurz vor dessen Tod 2010, das sogenannte Operndorf in Burkina Faso – Kunstprojekt, Dorf und Ort der Begegnung zugleich.

Der Serpentine Pavilion in den Kensington Gardens, London, 2017
Copyright: Iwan Baan
Als er 2017 gefragt wird, ob er einen Beitrag für den Serpentine Pavillon einreichen wolle, plant Kéré zunächst abzusagen, wie er im Buch offenlegt. Im letzten Moment entscheidet er sich um und entwirft mit seinem Team einen einladenden Unterschlupf, der die Besucher vor Sonne und Regen schützt. Die abstrahierte Baumform nimmt Bezug auf seine Heimat, wo große Bäume oft zum Treffpunkt sozialen Austauschs werden. Das trichterförmige Holzdach sammelt das Londoner Regenwasser, das zum Wasserfall in der Mitte des Raumes wird.
Was all seine Bauten gemeinsam haben: Sie stellen den Menschen und seine Bedürfnisse an diesem Ort konsequent in den Mittelpunkt. Ob er in Afrika über den bestmöglichen Schutz vor Hitze oder Starkregen, nach gutem Licht und Klima sucht oder für die Kinder in München neue Spielmöglichkeiten auf kleinstem Raum entwirft. Dass heute so viel über Themen wie Energiegerechtigkeit, Ressourcenschonung und Partizipation gesprochen wird, ist auch seiner Vorreiterrolle zu verdanken, die er in der Architekturwelt einnimmt. Wer Architektur als Gemeinschaftsprojekt sieht, hat den Starkult nicht nötig und beweist damit umso mehr Größe.
„Francis Kéré – Building Stories“ ist bei Taschen erschienen. 444 Seiten kosten 75 Euro.
