Abo

Schauspiel KölnSchwärmen für den Frauenmörder

4 min

Birgit Unterweger im Stück "Unterweger", Schauspiel Köln, März 2026

Im Schauspiel Köln begegnet Birgit Unterweger ihrem mordenden Namensvetter, Jack Unterweger. Unsere Kritik.

Ihr Solo geht schon fast seinem Ende entgegen, da muss Birgit Unterweger innehalten. Knapp eine Stunde lang hat sie das Publikum im kleinen Depot 3 bespielt, hat es als Nonne, Ikone der Unschuld, mit Hostien gefüttert und zum Halleluja-Singen genötigt. Hat den schwarzen Habit gegen einen blütenweißen Anzug getauscht und als Frauenmörder und angeblicher Literat Jack Unterweger im Saal nach neuen Opfern gesucht. Aufgekratzt, konfrontativ, mal einschmeichelnd, mal grob ankumpelnd.

Das Kölner Publikum kennt sie schon aus „Faust“ und „Liebes Arschloch“, aus „Der Name“, „Die Wörter sind böse“ und „Onkel Wanja“. Eine Vielspielende und Gerngesehene, eine echte Bühnenwucht. Aber jetzt, sagt Unterweger, müsse sie mal kurz unterbrechen.

Aus allen Rollen gefallen erzählt die Schauspielerin von der Schwierigkeit, mit einem berüchtigten Killer verwandt zu sein, erzählt, wie sie die Mutter zu einer Lesung des Onkels begleitet habe, wie der ihr eine Gutenachtgeschichte geschenkt habe, die er für das Kinderprogramm des österreichischen Fernsehens verfasst hatte. Wie sie nach dessen Verurteilung und anschließendem Suizid immer wieder auf ihn angesprochen worden sei, wie sie schließlich entnervt nach Deutschland geflohen sei und nun, nachdem die Vergangenheit sie am Wiener Volkstheater erneut eingeholt hat, gleich noch ein zweites Mal, eben ans Kölner Schauspiel.

Hochnotpeinliche Erinnerungen

Aber natürlich ist dieses Bekenntnis immer noch Teil des Spiels, es bestehen keine Verwandtschaftsverhältnisse abseits der zufälligen Namensvetternschaft, auf die auch der Titel des Abends, „Unterweger“, verweist.

In Wien, wo das von Branko Janack inszenierte Solo in der vergangenen Spielzeit Premiere feierte, weckt der Name Jack Unterweger bis heute alle möglichen Erinnerungen, und nicht zuletzt hochnotpeinliche. Hatten sich doch etliche Intellektuelle – darunter Elfriede Jelinek, Günter Grass und Erich Fried – Ende der 1980er Jahre für die Freilassung des zu lebenslanger Haft Verurteilten eingesetzt. Unterweger galt als Literaturwunder aus der Gosse, als zweiter Jean Genet, dabei hatte er die meisten seiner Texte gar nicht selbst verfasst. Birgit Unterweger zeigt den Knastpoeten stellvertretend beim Copy-Paste-haften Umdichten eines Hermann-Hesse-Poems – es ist ein flotter Täuschungsversuch, eine in ihrer Unverfrorenheit schon wieder charmante Hochstapelei, die nur ganz am Rande etwas mit Literatur zu tun hat.

Aber die Menschen wollten getäuscht werden, sie alle sind „Jack the Writer“ willentlich auf den Leim gegangen: Nach seiner Entlassung wurde Unterweger als glamouröses Resozialisierungsprojekt, als Monster, das zum Künstler wird, in der besseren Gesellschaft herumgereicht. Wo er auftrat oder Lesungen gab, mordete er aber auch, strangulierte elf Prostituierte – Birgit Unterweger trägt ihre Namen als Teil ihrer Schwesternschaft vor – mit ihrer eigenen Unterwäsche.

Das Wissen um die Faktenlage setzt der von Marcus Peter Tesch geschriebene Abend mehr oder weniger voraus, man hätte ihn für Köln vielleicht noch ein wenig stärker anpassen sollen. Dass er sich kaum darum schert, die Skandalgeschichte nachzuerzählen, ist dennoch die richtige Entscheidung – das haben andere Stücke, Filme, Dokus, Songs und Podcasts bereits getan. Und niemand braucht noch mehr True Crime. „Unterweger“ interessiert sich viel mehr für die Mischung aus Faszination und Konträrfaszination, die der Mörder im Rampenlicht bei uns auslöst – und es ist dieses Spiel aus Nähe und Distanz, aus Abscheu und Begehren, das Birgit Unterweger so lustvoll wie virtuos mit ihrem Publikum betreibt, sie zieht uns in ihren Bann, überspannt den Bogen aber maßlos, sie zieht uns ins Vertrauen, nur um uns desto dreister belügen zu können. Sie ist die Nonne, die dem Serienkiller handgeschriebene Briefchen und Kassetten mit Aufnahmen der heiligen Messe in den Knast schickt. Sie ist der Killer, der herzallerliebst Bussis verteilt. Sie stellt sich als „wundervolle, wirklich außergewöhnliche Schauspielerin“ zur Schau – und genau das infrage, als würde sie mehr als nur der Name mit dem bösen Jack verbinden.

„Die ganze Welt dreht sich um mich/Denn ich bin nur ein Egoist“, singt Falco am Ende, verschluckt vom donnernden Applaus. So unterhaltsam, denkt man sich, kann also Fragwürdigkeit sein.

Nächste Termine: 10., 18. März, 1., 23. April, Depot 3,70 Minuten, keine Pause