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Super Bowl LXBad Bunny zeigt Trump, was Gemeinschaft heißt

5 min
Halbzeitshow mit Bad Bunny im Levi's Stadium in Santa Clara.

Halbzeitshow mit Bad Bunny im Levi's Stadium in Santa Clara.

Der puerto-ricanische Superstar verzichtete in seiner Halbzeitshow auf direkte politische Aussagen. Und zeigte lieber, wie Solidarität funktioniert. Eine Analyse. 

Außerhalb des Levi's Stadiums in Santa Clara haben sich mehrere Hundert Demonstranten versammelt. Sie halten Plakate hoch: „ICE schmilzt unter Widerstand“, „Trump muss gehen“. Sie rufen die Namen der Menschen, die von den vermummten Agenten der Zollbehörde getötet wurden, in den kalifornischen Himmel. Im Stadion wird gerade umgebaut. Wo gerade noch die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots angetreten waren, wachsen jetzt Zuckerrohr und hohe Gräser. Ein Feld steht auf dem Feld, ein Biotop in der exakten Mitte von Amerika.

Die Halbzeitshow des Super Bowl, des Finales der amerikanischen Profi-Footballliga NFL, markiert den Mainstream des Mainstreams, das Entertainment, auf das sich Hunderte Millionen Menschen im Stadion und an den Endgeräten einigen können oder zumindest sollen. Durch die schützenden Halme bahnt sich Bad Bunny seinen Weg, in der Armbeuge trägt er einen Football in das noch Touchdown-lose Spiel.

Halbzeitshow beim Super Bowl mit viel Symbolik

Ganz in Weiß erscheint der Superstar aus Puerto Rico. Auf sein Football-Jersey hat er die Zahl 64 sticken lassen. Sofort befragen Neugierige das Netz nach ihrer Bedeutung. 64, das war die Zahl der Todesopfer, die Puerto Ricos Regierung vor neun Jahren nach den Verwüstungen  durch Hurrikan Maria verlautbarte. Tatsächlich lag sie bei knapp 3000. 

In den vergangenen Jahren hat sich die Halbzeitshow vom Spektakel um des Spektakels willen immer mehr zu einem Puzzlespiel aus kulturellen und politischen Verweisen entwickelt, angefangen vielleicht mit Beyoncés Gastauftritt vor zehn Jahren, zufälligerweise ebenfalls im Levi's Stadium in Santa Clara. Damals, auf dem ersten Höhepunkt der „Black Lives Matter“-Bewegung, ließ die Diva ihre Tänzerinnen in Black-Panther-Kostümen ein „X“ (für Malcolm X) bilden. Ein schwarzer Mittelfinger inmitten eines unverbindlichen Coldplay-Gigs. 

In der Halbzeitshow des Super Bowls feiert sich ein anderes Amerika

Bad Bunny bahnt sich, seinen Hit „Tití Me Preguntó“ singend, seinen Weg durchs Feld. Vorbei an Taco- und Piragua-Ständen (letzteres eine Art puerto-ricanisches Wassereis), vorbei an dürftig eingerichteten Nagelstudios, ein Schlückchen herangereichten Rum schlürfend, sich zwischen den Boxern Xander Zayas und Emiliano Vargas – auch sie lokale Helden – wegduckend. Ein mobiler Juwelier gibt ihm einen Ring, der Sänger reicht ihn an einen jungen Mann weiter, der sofort auf die Knie geht und seiner Freundin einen Antrag macht. Und weiter zu einer typisch puerto-ricanischen Casita, vor der eine fröhliche Menge den Perreando tanzt, während der 31-Jährige auf dem Dach der bunten Hütte singt. Wer genau hinschaut, erkennt auf der Veranda einige Stars mit  lateinamerikanischen Wurzeln: Pedro Pascal, Jessica Alba, Cardi B und Karol G. Hier feiert sich ein anderes Amerika.

Bad Bunny performt die während der Halbzeitshow des Super Bowl.

Bad Bunny performt die während der Halbzeitshow des Super Bowl.

Es ist übrigens nicht der erste Super-Bowl-Einsatz von Bad Bunny: Als vor sechs Jahren Jennifer Lopez und Shakira gemeinsam die Halbzeitshow latinisierten, gehörte er zu den Gaststars. Sang unter anderem seinen Hit „Callaíta“ zusammen mit Shakira. Schon damals war die Show politisch aufgeladen: Während Lopez in einem Federumhang aus der amerikanischen und der puerto-ricanischen Flagge paradierte, sang ihre damals elfjährige Tochter „Born in the U.S.A.“ und auf dem Feld posierten dazu Kinder in käfigartigen Strukturen: ein Kommentar zur grausamen Trennung von Migrantenfamilien unter der ersten Amtszeit von Donald Trump. 

Donald Trump wütet nach Halbzeitshow

Der dünnhäutige Präsident hatte bereits im Vorfeld der Bad-Bunny-Show gegen den spanischsprachigen Künstler gewettert. Und natürlich geifert er auch während der Halbzeit auf seiner Plattform Truth Social. Ein Schlag ins Gesicht unseres Landes sei die Show, absolut schrecklich. „Niemand versteht ein Wort von dem, was dieser Typ sagt“, fährt Trump in seiner offen rassistischen Tirade fort, „und die Tänze sind widerlich, insbesondere für kleine Kinder.“

Lady Gaga mit Bad Bunny

Lady Gaga mit Bad Bunny

Derweil singt der Country-Star Brantley Gilbert auf der von der rechtsradikalen Organisation Turning Point USA organisierten Alternativ-Halbzeitshow seinen Song „Real American“. Die trübe Veranstaltung streamt auf Youtube, rund sechs Millionen echte Amerikaner schalten zu.   

Lady Gaga unterstützt Bad Bunnys Botschaft

Im Zuckerrohrfeld des Levi's Stadium geht indessen die auf den ersten Blick völlig unpolitische Feier weiter. Bad Bunny bricht durchs Dach, tritt die Tür der Casita auf, besteigt einen Pick-up-Truck, immer von einer tanzenden Gemeinschaft umgeben, durchmisst dann ein Spalier von Geigern, den Football wieder im Arm, bevor die Kamera erst zu einem Bild der puerto-ricanischen Schopfkröte wechselt, die der Sänger zu seinem  Wappentier gemacht hat, und dann zu einer erhöhten Plattform über dem Zuckerrohr schwenkt. Hier wird gerade das Verlobungspaar vom Anfang vermählt, die Hochzeit, stellt sich später heraus, ist echt. Das Paar gibt den Blick frei auf die Super-Bowl-Veteranin Lady Gaga, die hier im blauen Rüschenkleid mit der jungen Gruppe Los Sobrinos eine zur Salsa umarrangierte Version ihres Bruno-Mars-Duetts „Die With a Smile“ zum Besten gibt. 

Jetzt schwofen Bunny und Gaga zusammen: „Tanzt, tanzt, ohne Angst“, ruft der Reggaeton-Star aus. Es ist eine andere Art von Politik. Ohne Slogans, ohne Herabwürdigungen, sogar ohne das Quentchen von Narzissmus, das man einem Topperformer doch gerne zugestehen würde. Immer wieder geht Bad Bunny in der Menge auf. Schaut man sich die Show live im Stadion an, wird sie zum Wimmelbild. Es geht um Community, um Solidarität.

Eine Vision von Amerika, die größer ist als der Isolationismus von Trump

Mitten im Feld sitzt eine Familie vor dem Fernseher, schaut sich Bad Bunnys Grammy-Gewinn aus der vergangenen Woche an. Der Künstler überreicht sein goldenes Grammophon dem jungen Sohn, sagt: „Glaube immer an dich selbst!“ Dann ist die Zeit für den zweiten Gaststar gekommen. Ricky Martin sitzt auf einem weißen Plastikstuhl, wie man ihn vom Cover des aktuellen Bad-Bunny-Albums „Debí Tirar Más Fotos“ kennt. Mit seinem Hit „Livin‘ la Vida Loca“ war Martin 1999 der erste Latin-Sänger, dem der Durchbruch in den USA gelang. Den singt Martin allerdings nicht, sondern Bad Bunnys Song „Lo Que Le Paso a Hawaii“, in dem sich der Sänger am mahnenden Beispiel von Hawaii gegen eine mögliche Aufnahme seiner Heimatinsel in die USA ausspricht. 

Dann geht es noch um die häufigen Blackouts in Puerto Rico, schließlich  soll Bad Bunnys Lokal- kein Hurrapatriotismus sein. Der Star klettert auf einen Strommast, die gekappten Leitungen sprühen Funken, ruft: „God bless America!“ Aber Tänzer, die mit sämtlichen Länderflaggen des Doppelkontinents herbeieilen, machen sofort klar, dass seine Vision größer ist als der Isolationismus seines Gegenspielers im Weißen Haus.