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Tanz KölnVor dem Nichts rettet uns die versöhnliche Schönheit

2 min
Sechs Tänzer gehen in die Hocke.

„Chora – The Void as Origin“ im Kölner Depot

„Chora – The Void as Origin“ von Sofia Nappi ist ein ästhetisch-formales Vergnügen. Nur nach dem Warum darf man nicht fragen.

Der Look stimmt natürlich, wie immer bei Tanzproduktionen mit italienischer Prägung, da bleibt die Kunst dem Klischee ganz treu. So ist alles im Stück der aus Italien kommenden Choreografin Sofia Nappi absolut geschmackssicher, von sinnlicher Geschmeidigkeit, perfekt ausgeleuchtet und getimed. Nie verpasst eine Bewegungssequenz den Moment, an dem sie besser wechseln sollte, um nicht öde zu werden. Zum zweiten Mal gastierten Sofia Nappi und ihre Kompanie Komoco im Rahmen von Tanz Köln im Depot. Und wie schon ihre Produktion „Pupo“ im letzten Jahr, ist auch ihr neues Stück „Chora – The Void as Origin“ (das Nichts als Ursprung) ein ästhetisch-formales Vergnügen. Nur nach dem Warum darf man nicht fragen.

Wer Hofesh Shechter liebt, der wird auch Sofia Nappi mögen

Aber letztlich endet jedes „Warum“ ja auch in der großen philosophischen Frage, auf die das titelgebende „Nichts“ seit Ewigkeiten keine Antwort gibt: Warum ist es Etwas, wenn anfangs Nichts ist? Bevor es jetzt doch zu kompliziert wird: Bei Sofia Nappis Horror vacui ist natürlich schon etwas. Ein Lichtkegel pulsiert zu Beginn wie ein Sonar in den leeren Bühnenraum hinein. Außerhalb seiner Reichweite kauern drei Tänzer auf dem Boden. Die Augen geschlossen, bewegen sie sich ganz sacht, als würden sie einen Bewegungsablauf imaginieren und ihn nur in Andeutungen körperlich widerspiegeln – wie ein ideomotorisches, also rein mentales Training im Tanz oder Sport. Vielleicht ein choreografischer Schöpfungsakt?

Die kontemplative Haltung jedenfalls werden die insgesamt sieben Tänzerinnen und Tänzer durchgehend bewahren. Schon die Kostüme lassen sie wie modische Versionen von Zen-Meistern aussehen. Sie umkreisen die Zeigefingerspitzen, als beschwörten sie den göttlichen Funken vor der Kreation, huschen mit gebeugten Oberkörpern durch den Raum, greifen mit den Händen in die Luft, als kletterten sie eine Strickleiter hoch. Ab und zu mischt sich ein Gelenk-Ruckler aus dem Urban Dance in die gelee-weiche Sanftheit, bis sich die Trance irgendwann in der Ekstase entlädt.

Schon in „Pupo“ war Nappis Prägung durch den israelisch-britischen Starchoreografen Hofesh Shechter unübersehbar, längst ist er auch bei Tanz Köln ein Bestseller. Und wer Shechter liebt, der wird auch Nappi mögen, wenngleich in ihrer Stil-Adaption die harten Kicks, geschüttelten Leiber und abgehackten Drehungen nie ins Bizarre kippen. Statt Shechters dringlicher Wut auf die Welt, nun die Versöhnlichkeit der Schönheit, die feminin-italienische Fortschreibung eines fulminanten Stils. Und wer weiß, vielleicht war es ja auch kosmische Harmonie, die aus Nichts Etwas machte?


Nächste Vorstellungen bei Tanz Köln: 29.-31. Mai. „Möbius“ von Rachid Ouramdane im Depot 1