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Trump-Oper„Monster's Paradise“ als absurd-buntes Spektakel ohne analytische Schärfe

4 min
Auf einer Opernbühne hebt ein Monster ein Gebäude hoch.

In der Staatsoper Hamburg fand die Uraufführung von „Monster's Paradise“ statt.

Die neue in Hamburg uraufgeführte Oper von Komponistin Olga Neuwirth und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gerät oberflächlich und erwartbar.

Wie lässt sich in Text, Bild und Musik ausdrücken, was gegenwärtig in Welt und Politik geschieht? Wie kann man ästhetisch gestalten, was sich aller Logik und Form entzieht? Was wäre eine angemessene künstlerische Antwort auf das wirre Sprechen und Handeln des Chaos-Clowns im Oval Office? Wie grotesk müsste ein dem gegenwärtigen Trumpismus gewidmetes Musiktheater sein, um die Absurdität des realen Geschehens durch satirische Zuspitzung zu verdeutlichen, statt bloß abzubilden oder gar zu verharmlosen? Wäre eine solche Steigerung überhaupt möglich und sinnvoll?

Das neueste Musiktheaterwerk von Olga Neuwirth auf ein Libretto von ihr und Elfriede Jelinek wurde mit Spannung erwartet. Nach einem ersten gemeinsamen Opernprojekt vor zwanzig Jahren bildete die Komponistin mit der Literatur-Nobelpreisträgerin erneut ein österreichisches Tandem, um dem gegenwärtigen Zustand der Welt auf den Zahn zu fühlen. Die Uraufführung von „Monster's Paradise“ an der Staatsoper Hamburg in der Inszenierung des neuen Hamburger Intendanten Tobias Kratzer fand vor reichlich angereister nationaler und internationaler Presse statt. Zunächst routinemäßig bejubelt, hinterließ die Produktion jedoch am Ende vor allem Ratlosigkeit.

Bewundernswert virtuose Trump-Parodie

Noch als das Publikum in den Saal dringt, hüpfen Cheerleader in kecken Posen über die Bühne. Dann erscheinen die beiden Vampiretten Vampi und Bampi im Outfit mit Perücken wie Neuwirth und Jelinek. Wie in Goethes „Faust“ beklagen die Schauspielerinnen mit einem „Prolog im Himmel“ die Schlechtigkeit des Weltlaufs: hier der tyrannische Präsidenten-König im Weißen Haus, dort die Zerstörung von Natur und Klima durch die rücksichtslose Menschheit. Obwohl das Duo die Erde längst aufgegeben hat, entschließt man sich, ein letztes Mal hinabzusteigen, um zu retten, was noch zu retten ist, oder sich zumindest hautnah am blutigen Untergang zu laben. Die Show beginnt – und führt direkt in den innersten Höllenkreis.

Im güldenen Oval Office sitzt der Diktator am Schreibtisch. Die Assistenten Joker und Mickey Mouse reichen dem Despoten ständig neues Coca-Cola und in schneller Folge treten Entertainer auf: Elvis, Folk-Sängerin, Hundezirkus, Akrobatin, Tanzbär, zwei als Hotdogs verkleidete Figuren. Doch alle befördert der Tyrann über einen roten Knopf mittels Elektroschocks in den Orkus. Wie eine Schaufensterpuppe steht First Lady Melania mit typischem Lampenschirmhut starr und tatenlos daneben, bis auch sie aus dem Haus gejagt und durch eine der Cheerleader ersetzt wird. Georg Nigl läuft als Fastfood verschlingende Trump-Karikatur zu Hochform auf. Der Sänger überschlägt sich ins Falsett, brüllt, kreischt, fistelt, faselt, labert, sabbert, gestikuliert und grimassiert. Die bewundernswert virtuose Parodie des US-Präsidenten in Gestalt von Alfred Jarrys „Roi Ubu“ ist faszinierend und abstoßend zugleich.

Sinnbild von hilfloser Kunst in einer wahnsinnigen Welt

Masse und Macht werden eindrücklich ins Bild gesetzt, als der zum trägen Giganten aufgeblähte Präsidenten-König das komplette Zimmer ausfüllt. Im Verhältnis zum Monsterleib erscheint der Kopf des Staatsoberhaupts zum winzigen Wurmfortsatz geschrumpft. Doch Rettung vor dem Vielfraß naht aus der Muppets Show. Frosch Kirmit und Miss Piggy dreschen mit großen Hämmern und Sägen auf den Popanz ein. Doch die Waffen sind aus Schaumstoff und prallen wirkungslos am großen Trumpel ab. Schließlich stürmen Zombies den Regierungspalast und direkt nach dem dritten Bild auch das Pausenfoyer, wo einige Walking Dead weiter zwischen Sekt und Häppchen durchs Publikum wackeln.

In den folgenden zwei Bildern wird Trump von der Riesenechse Gorgonzilla gestürzt, die nach einer Atomkatastrophe durch Mutation dem Ozean entstieg. Der artifizielle Sprechgesang des Biests wird durch Vocoder bedrohlich elektronisch verzerrt. Doch das Ungeheuer ist gutartig. Es rettet Mutter Erde und wird von den wenigen Überlebenden als „Gott Zilla“ verehrt. Am Schluss sieht man im Video die beiden Neuwirth-Jelinek-Doubles, wie sie auf einem Floß vierhändig Klavierspielend übers weite Meer dem Sonnenuntergang entgegentreiben, vorbei an der abgesoffenen Elbphilharmonie. Es ist ein Sinnbild der Hilflosigkeit von Kunst inmitten einer im Wahnsinn ertrinkenden Welt. Doch selbst der final suggerierte Frieden ist tückisch. Denn die Tastatur des Selbstspielklaviers beginnt wie bei einem letzten apokalyptischen Erdbeben zu zittern.

Oper lässt analytische Schärfe vermissen

„Monster's Paradise“ arbeitet sich an den Absurditäten der gegenwärtigen Zeitläufte ab, kratzt aber letztlich nur an der Oberfläche dessen, was stündliche Pushup-Nachrichten vermelden. Kein verbaler und kompositorischer Gedanke ist wirklich konzise artikuliert und entwickelt. Statt als Lehrstück die ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Ursachen zu analysieren, die Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gemacht haben, feiern Musik, Text und Regie den Untergang als grelles Splatter-Horror-Spektakel in Stil von Trash und Kasperletheater.

Dem Mashup fehlt der Rahmen und rote Faden. Nichts wird konzentriert beleuchtet, argumentiert, geprüft, bekräftigt oder verworfen. In Jelineks Textbuch wechseln Sentenzen sprunghaft mit Alltagssprache, Zitaten, Aphorismen, Dichtung. Ebenso stolpert Neuwirths Musik durch Oper, Operette, Musical, Rock, Pop, Schlager, Hüttenmusi kreuz und quer zwischen Orchester, Chor, E-Gitarre, Hackbrett und wenig Gesang durch den Gemüsegarten. Der bunte Mix verquirlt letztlich unterschiedslos Kunst und Kitsch, Ernst und Spaß, Sarkasmus und Showbiz zu bloßem Kulturmüll. Das macht eine Zeitlang Spaß, wirkt auf Dauer aber erwartbar, ermüdend und nicht witzig, sondern deprimierend.