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Kommentar

Künstliche Intelligenz
Plädoyer für eine KI-Grundausbildung

3 min
ILLUSTRATION - 17.05.2024, Nordrhein-Westfalen, Köln: Eine Person arbeitet am Rechner, auf dessen Bildschirm ein durch Künstliche Intelligenz generiertes Illustrationsbild mit Code verschiedener Programmiersprachen und einem neuronalen Netzwerk-Diagramm zu sehen ist. (zu dpa: «Welche Inhalte in Artikeln möglich sind») Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

„Google sucht Informationen. Künstliche Intelligenz denkt mit ihnen.“ (Christopher Peterka)

Christopher Peterka, Chef der Kölner Denkfabrik Gannaca, erkennt verbreitete Missverständnisse im Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

In Talkshows, Konferenzen oder auf den Wirtschaftsseiten entsteht derzeit der Eindruck: Künstliche Intelligenz (KI) ist überall. Politiker warnen vor ihr, Firmen investieren Milliarden, und irgendwo zwischen Science-Fiction und Weltuntergangsdebatte scheint sie schon heute unsere Zukunft zu bestimmen. Nur stimmt das so noch gar nicht. Eine aktuelle Auswertung zeigt Überraschendes: Weltweit haben 84 Prozent der Menschen noch nie mit einer KI gearbeitet. 16 Prozent nutzen gelegentlich kostenlose Chatbots. Und nur ungefähr 0,3 Prozent bezahlen überhaupt für KI-Werkzeuge – jene Anwendungen, mit denen man wirklich produktiv arbeiten kann. Das bedeutet: 99 Prozent der Menschheit diskutieren über eine Technologie, die sie aus eigener Erfahrung kaum kennen.

Christopher Peterka, CEO Gannaca GmbH & Co. KG, Köln

Christopher Peterka

Ich gehöre zur kleinen Minderheit, die täglich mit KI arbeitet. Und ich kann sagen: Die meisten Debatten kratzen bislang nur an der Oberfläche. Viele glauben zum Beispiel, KI sei einfach eine neue Form von Google. Man stellt eine Frage, bekommt eine Antwort – fertig. Doch das ist ungefähr so, als verwechselte man einen Taschenrechner mit einem Mathematikprofessor. Google sucht Informationen. Künstliche Intelligenz denkt mit ihnen. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Wer mit moderner KI arbeitet, merkt schnell: Sie kann Texte analysieren, Strategien entwerfen, komplexe Zusammenhänge erklären, Programme schreiben, Bilder erzeugen, Studien zusammenfassen oder Ideen entwickeln. Und zwar in Sekunden. Natürlich macht sie Fehler. Aber ihr Potenzial ist enorm. Wir stehen deshalb möglicherweise vor einer größeren Veränderung unserer Arbeitswelt als durch die gesamte Digitalisierung der vergangenen 30 Jahre. Viele Berufe werden sich radikal verändern. Juristen lassen bereits Verträge prüfen. Ärzte nutzen KI zur Diagnoseunterstützung. Ingenieure entwickeln Produkte mit Hilfe von Algorithmen. Werbetexter lassen Kampagnenideen generieren. Das bedeutet nicht, dass diese Berufe verschwinden. Aber sie werden anders aussehen.

Und hier beginnt das eigentliche Problem: Unsere Gesellschaft verhält sich im Moment so, als diskutierte sie übers Wetter, während draußen bereits ein Sturm aufzieht. KI stellt etwas zur Verfügung, das bislang selten war: hochentwickelte Intelligenz, jederzeit abrufbar und für fast jedes Wissensgebiet nutzbar. Früher musste man Experten suchen. Heute kann man sie simulieren.

Das verändert nicht nur Unternehmen, sondern auch Bildung. Unsere Schulen sind noch immer darauf ausgelegt, Wissen abzufragen. Doch wenn Wissen jederzeit verfügbar ist, wird eine andere Fähigkeit entscheidend: mit intelligenten Werkzeugen klug umgehen zu können. Wer KI versteht, wird schneller lernen, bessere Entscheidungen zu treffen und produktiver zu arbeiten. Wer KI ignoriert, riskiert, den Anschluss zu verlieren.

Deutschland ist eine Wissensgesellschaft. Unser Wohlstand beruht darauf, dass wir Probleme besser lösen als andere. Wenn aber eine Technologie entsteht, die die Art verändert, wie Menschen denken, lernen und arbeiten – dann können wir es uns nicht leisten, nur darüber zu reden. Dann müssen wir anfangen, sie zu verstehen.

Vielleicht brauchen wir deshalb etwas, das es so noch nie gab: eine Art KI-Grundausbildung für alle. Nicht nur für Informatiker. Für Lehrer, Handwerkerinnen und Unternehmer, Rentnerinnen und Schüler. Eines ist sicher: Diese Technologie wird nicht wieder verschwinden. Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob KI unsere Welt verändert. Sondern nur, wer rechtzeitig gelernt hat, mit ihr umzugehen.


Christopher Peterka, geb. 1978, ist Gründer und Geschäftsführer der Denkfabrik Gannaca in Köln. Er berät Unternehmen und Institutionen bei ihrer strategischen Weiterentwicklung und in der digitalen Transformation. (jf)