Vor der ausgeraubten Sparkasse in Gelsenkirchen warten Betroffene weiter auf Antworten. Es gibt Schwarzgeld-Gerüchte, neue Fahndungsfotos – aber keine heiße Spur.
Altersvorsorge einfach wegDer Albtraum der Sparkassenkunden von Gelsenkirchen

Die Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen im Stadtteil Buer. Nach dem Tresor-Coup in Gelsenkirchen sucht die Polizei nach den Tätern – bislang aber ohne großen Durchbruch. Die Sparkasse bleibt vorerst geschlossen.
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Es ist gegen halb eins, als es vor Deutschlands derzeit berühmtester Sparkassenfiliale zu schneien beginnt. Auch am Freitag, vier Tage nach der Katastrophe, wachen Sicherheitsmitarbeiter in gelben Westen vor den durchsichtigen Scheiben. Darauf alle paar Meter der auf DIN-A4-Blätter gedruckte Hinweis: „Bis auf Weiteres bleibt diese Filiale geschlossen!“
Anders als vor dem Jahreswechsel, als ein Pulk aus 200 Kundinnen und Kunden mit Macht in die Filiale drückte und die Polizei den Vorraum sichern musste, bleibt es heute, am ersten Werktag des neuen Jahres, still. Nur vereinzelt zieht es Kunden vor die Filiale, sie spannen ihre Schirme auf und zu, gehen ratlos die Fensterfront ab, auf der Suche nach neuen Informationen. Der tröpfelige Schnee passt zur gedrückten Stimmung.
Manche der rund 2500 Sparkassen-Betroffenen bekamen noch am 31. Dezember den Anruf der Bank und die Gewissheit, Opfer einer der größten Raube in der deutschen Kriminalgeschichte zu sein. Jetzt, im neuen Jahr, geht ihr Albtraum weiter.
Das Sparkassen-Rot stand für Zuverlässigkeit
Als die Täter sich wohl kurz nach Weihnachten durch die 45 Zentimeter dicke Stahlwand bohrten, um mehr als 3000 Schließfächer aufzubrechen, gingen nicht nur Vermögen von kolportierten 100 Millionen Euro verloren, sondern auch Vertrauen und Zuversicht.
Dabei steht das Sparkassen-Rot bundesweit für Zuverlässigkeit. Nun steht die Farbe für viele für etwas anderes.
Ein Rentner mit dunkler Mütze geht vor der Filiale auf und ab und wiederholt immer wieder: „Hölle, Hölle, Hölle“. Wie viele andere möchte er seinen Namen aus Gründen der Privatsphäre nicht preisgeben.
Ein Security-Mitarbeiter versucht, ihn zu beruhigen.
„Haben Sie schon mal unter der Hotline angerufen?“
Der Rentner winkt ab. „Das ist doch alles schon gegessen.“
„90 Prozent der Schließfächer sind betroffen. Vielleicht haben Sie Glück.“
„Falsch, 95 Prozent sind es. Ich weiß, dass ich dabei bin, 1000 Prozent.“
Er kam gerade vom Grab seiner Eltern, als die Nachricht sich unter seinen Nachbarn schon rumgesprochen hatte. Wenig später erfuhr er von der Bank, dass auch sein Schließfach leergeräumt ist. Darin seine Altersvorsorge in Kuverts, 100.000 Euro in bar. 90 Prozent seiner Ersparnisse. „Da brauche ich 40 Jahre für, um wieder hinzukommen.“
Ausgerechnet Gelsenkirchen
Sein Schicksal steht für das vieler langjähriger Viertelbewohner. 40 Jahre saß er bei Schalke auf der Tribüne, die Arena ist nur 3,5 Kilometer entfernt. Gelsenkirchen-Buer ist eine der besseren Stadtteile, grün, Geburtsort der Altintop-Fußballbrüder und von Ex-Justizminister Marco Buschmann (FDP). Trotzdem haftet ihnen auch hier der Ruf Gelsenkirchens an. Die Arbeitslosenquote ist hoch, in den Medien ist die Stadt als Ruhrpott-Sozialfall verschrien. Ausgerechnet hier haben die Diebe zugeschlagen.
Nun kennt jeder jemanden im Viertel, der betroffen ist. Der Nachbar des erbosten Rentners lagerte Gold im Wert von 80.000 Euro. Andere verwahrten die Armreifen der Oma, Sparbücher, Urkunden, Erbschaften, die Zukunftsabsicherung für die nächste Generation. Vieles hat nicht nur einen materiellen, sondern einen emotionalen Wert.

Die Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen im Stadtteil Buer. Nach dem Tresor-Coup in Gelsenkirchen sucht die Polizei nach den Tätern – bislang aber ohne großen Durchbruch. Die Sparkasse bleibt vorerst geschlossen.
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Jetzt geht es darum, zu retten, was zu retten ist. Versichert sind die Habseligkeiten laut Sparkassen-Vertrag nur bis 10.300 Euro. Verbraucherschützer warten nun mit Tipps auf, wie man der Beweispflicht im Idealfall nachkommt: Inventarliste, Bilder und Kaufbelege der Wertsachen vorlegen, am besten war noch ein Zeuge beim Deponieren dabei.
Bei Bargeld raten Fachleute, Beträge, Anzahl der Scheine und die Stückelung zu dokumentieren – und sogar die Seriennummer der Geldscheine vorher zu notieren, so hat es der Rentner gehört. „Das ist doch krank“, echauffiert er sich. „Wie viele Zettel mit Scheinnummern soll ich denn bei 100.000 Euro vollschreiben?“
„Viele Existenzen sind kaputt“
Eine der wenigen, der dennoch entspannt mit Einkaufsbeutel vor der Glasfront steht, ist Detlev Kobus, 70. Auch er wurde ausgeraubt – doch im Gegensatz zu anderen hat er nach eigenen Angaben die Grenze geachtet, bis zu der die Wertsachen versichert sind. Ein Foto mit Datumsangabe hat er zuletzt 2025 gemacht. Im Tresor hatte er einen Notgroschen in bar für seine Zwillinge hinterlegt, falls seine Reserven auf dem Konto draufgehen, sollte er pflegebedürftig werden.
Nun sagt der gelernte Schweißer einen Satz, der viele andere schmerzt: „Wenn ich hier mehr drin habe als diese maximal 10.300 Euro, die auch im Vertrag drinstehen und versichert sind, schieße ich mir doch ein Eigentor.“

Ein Hinweiszettel der Sparkasse Gelsenkirchen hängt zur Information der Kunden an einem Schaufenster der Filiale im Stadtteil Buer.
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Dieser Maximalbetrag, der von Bank zu Bank variiert, war vielen jedoch nicht bekannt. Die Mutter, 69, eines Betroffenen ist noch einmal mit Rollkoffer zum Tatort gekommen, die Flocken fallen auf ihre schwarz gefärbten Haare. Ein halbes Dutzend Münzen hat sie ihrem Sohn geschenkt, daneben lagen 53.000 Euro im Schließfach, die „er jeden Monat gespart und jahrelang weggelegt hat“.
Der Sohn eines Bekannten habe gar 300.000 Euro für den Hauskauf in dem Raum gebunkert, erzählt sie. Eben, im Wartezimmer beim Arzt, berichtete ihr die nächste Betroffene, ihr Hochzeitsschmuck sei nun weg. „Viele Existenzen sind kaputt. Man denkt, es ist sicher. Aber sicher ist gar nichts mehr heute.“
Sonderkommission „Bohrer“
Doch wo, wenn nicht auf der Bank, sollen Wertsachen denn sicher sein? 2024 zählte die Polizei in Deutschland mehr als 78.000 Wohnungseinbrüche, Versuche eingerechnet.
Einbrüche in Banken sind dagegen selten, aber sie kommen vor. Vor rund einem Jahr knackten Bankräuber mehr als 300 Schließfächer in einer Lübecker Filiale der Deutschen Bank. Im August 2021 räumten Täter rund 650 Schließfächer der Hamburger Sparkasse leer. Und erst im vergangenen Dezember verschwanden aus zwei Schließfächern der Bonner Sparkasse große Mengen Gold. Hier steht ein Bankmitarbeiter unter Verdacht, in Lübeck und Hamburg gibt es keine Festnahmen. Vor wenigen Tagen brachen Diebe vier Fächer einer Sparkasse im westfälischen Halle auf.

Ein großes Loch ist in der Wand des Tresorraums einer Sparkasse zu sehen. Einbrecher haben sich mit Hilfe eines großen Bohrers Zugang zum Tresorraum verschafft. Dort durchsuchten sie die Wertschließfächer.
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Doch der Coup in Gelsenkirchen bewegt sich in ganz anderen Dimensionen. Offiziell wird die Schadenssumme auf rund 30 Millionen Euro beziffert, laut Quellen der „Bild“-Zeitung geht es um mehr als 100 Millionen Euro. Nach „Spiegel“-Informationen hat die Polizei die Sonderermittlungsorganisation namens „Bohrer“ gegründet. Geprüft werde etwa, ob die Täter aus den Niederlanden stammen. So nutzen Geldautomatensprenger aus dem Nachbarladen häufig schnelle Wagen wie den in Buer gesichteten Audi RS6.
Es gebe viele Hinweise, öffentlich kursieren Parkhaus-Videos der Täter und ihrer Fluchtautos, aber noch keine heiße Spur. Die Polizei sucht nun im Rahmen einer selbst betitelten „Top-Fahndung“ mit mehreren Fotos nach drei Tatverdächtigen.
Das Bild des klaffenden Lochs in der weißen Tresorwand geht derweil um die Welt. Der Polizeisprecher bekam Anrufe von US-Zeitungen wie der „New York Times“, von türkischen Medien, sogar dem brasilianischen Fernsehen gab er ein Interview.
Spekulationen um Schwarzgeld und Bedrohungen am Telefon
In Gelsenkirchen-Buer beschweren sich dagegen viele über die Kommunikation, vor allem vonseiten der Sparkasse. Erst im Februar verkündete sie stolz, zum zehnten Mal in Folge als beste Bank der Stadt ausgezeichnet worden zu sein.
Jetzt beklagen Kunden, sie seien zu spät über den Raub informiert worden und dass sie zu wenig Informationen erhielten. Selbst die Polizei bezeichnet den bisherigen Austausch mit der Bank in einem Einsatzbericht laut „Welt“ als „unterirdisch“.
Eine junge Frau in Felljacke sagt, sie habe heute schon zehnmal die Hotline angerufen, keiner sei rangegangen. Einige Tage zuvor habe ihr die Bank noch mitgeteilt, „möglicherweise“ sei ihr Fach nicht betroffen. Ihrem Vater hat sie davon nicht erzählt, sie wollte ihm keine falsche Hoffnung machen. In der Familie gab es Streitereien und gegenseitige Vorwürfe, das Schließfach enthielt Wertsachen verschiedener Verwandter. Immer wieder kämen ihr die Tränen, sagt sie.

Wartenden Kunden stehen vor der Sparkassenfiliale in Gelsenkirchen-Buer, um Informationen zu ihren Schließfächern zu erhalten, nachdem in den Tresorraum der Bank eingebrochen wurde. (Archivbild)
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Neben der Ungewissheit und dem finanziellen Druck kommen im Internet, aber auch auf der Straße Häme und Alltagsrassismus hinzu. In Gelsenkirchen haben fast 40 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund. Unter Online-Artikeln zum Raub feixen Kommentatoren, vielen sei das Schwarzgeld gestohlen worden. Andere Medien spekulieren, in den Schließfächern könnten Kriminelle Clan-Millionen gebunkert haben.
Die Gerüchte zur organisierten Kriminalität werden dadurch befeuert, dass nicht einmal Bankmitarbeiter wissen, welche Werte in den Tresoren liegen. Vor der Filiale erzählt man sich, dass Sparkassen-Mitarbeiter am Telefon bedroht worden seien. Laut „Bild“ sollen sie teils Angst vor möglichen Racheaktionen geschädigter Kunden haben. Die Krise trifft die Sparkasse nicht nur in Gelsenkirchen und ihren 19 Filialen, auch in anderen Städten dürften Kunden nun darüber nachdenken, was sie in ihren Schließfächern verstauen.
Entschädigungsansprüche: Ein Fall für den Anwalt
In Buer versuchen sich die Betroffenen gegenseitig beizustehen. Sie bilden WhatsApp-App-Gruppen, verteilen Hinweisblätter für die Beweissicherung, auch ein Treffen der Geschädigten steht im Raum, manche reden bereits von Anwälten.
Eine Frau im roten Mantel und mit rotem Schirm spricht davon, eventuell rechtliche Schritte einleiten zu wollen, die Kautionen ihrer Mieter seien im Tresor verwahrt gewesen. „Man kann nur abwarten im Moment, hysterisch sein bringt gar nichts.“

Nach dem Einbruch in den Tresorraum einer Bank stehen am Morgen Kunden vor der Sparkassenfiliale Buer und warten auf die Öffnung.
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In Lübeck sind ein Jahr nach dem Schließfach-Diebstahl immerhin sieben Millionen Euro des Schadens von 18 Millionen zurückgeflossen, in Hamburg streiten sich Geschädigte und Bank noch immer vor Gericht um die Höhe der Entschädigung. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob die Bank ihren Tresorraum ausreichend gesichert hat. Gegenüber der „WAZ“ betonte die Gelsenkirchener Sparkasse, die Sicherheitstechnik sei auf dem neuesten Stand und die Bank sei ihren Sorgfalts- und Obhutspflichten jederzeit nachgekommen.
Filiale bleibt auch am Wochenende geschlossen
Die Filiale bleibt derweil auch am Wochenende geschlossen. Die Polizei habe die Schließfächer wieder der Sparkasse übergeben, das Loch werde derzeit geschlossen. In der nächsten Woche werde man unter Aufsicht eines Notars damit beginnen, die vielen noch im Raum herumliegenden Wertgegenstände Fächern und Kunden zuzuordnen.
Bis die Betroffenen weitere Auskunft bekommen, dürfte die Stimmung vor der Filiale explosiv bleiben. Von der Security vor der Drehtür heißt es, sie seien noch bis Montag, 8 Uhr, gebucht. Vor ihnen dreht ein junger Mann genervt ab: „Es hilft einem hier ja keiner!“. „Drecksverein“ schimpft ein anderer, weil auch der Service für Nicht-Betroffene fehlt.
Andere bekommen derweil neue Kundschaft. Ausgerechnet direkt neben der Sparkasse liegt ein kleiner Sicherheitsdienst, „Wertschutz für zuhause“ steht im Schaufenster. Sie verkaufen hier unter anderem Schlösser, Panzerriegel. Die Mitarbeiterin hinter dem Tresen erzählt, es hätten sich heute schon zwei Kunden nach Tresoren erkundigt.

