Den französischen Bar-Betreibern werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung vorgeworfen.
Tragödie in Crans-MontanaSchweizer Justiz wirft Bar-Betreibern fahrlässige Tötung vor

Am 4. Januar 2026 versammelten sich Menschen in Crans-Montana an einer improvisierten Gedenkstätte in der Nähe der Bar „Le Constellation“, um den Opfern des verheerenden Brandes zu gedenken, der die Bar in dem luxuriösen Skiort in den Alpen am Silvesterabend heimgesucht hatte.
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Mit einem Schweigemarsch gedachten am Sonntagmorgen mehr als 1000 Menschen im Schweizer Ferienort Crans-Montana bei stahlblauem Himmel und klirrender Kälte den Opfern der Brandkatastrophe vom Neujahrsmorgen. Zuvor hatten der Bischof von Sion, Jean-Marie Lovey und der evangelische Pfarrer von Crans-Montana, Adrian Diethelm, einen ökumenischen Gedenkgottesdienst gehalten und für die Toten und Verletzten sowie für ihre Angehörigen gebetet.
„Für alle Menschen, die Angehörige verloren haben, wird der Weg nicht mehr derselbe sein“, sagte Bischof Jean-Marie Lovey. Sie müssten in den Alltag zurückkehren, indem sie einen anderen Weg beschreiten.
Crans-Montana: Betreibern der Bar wird fahrlässige Tötung vorgeworfen
Die Betreiber der Bar „Le Constellation“, die für bislang 40 zumeist junge Besucherinnen und Besucher in der Silvesternacht zur Todesfalle geworden war und in der weitere 119 Menschen schwere und schwerste Verletzungen erlitten hatten, galten für die Ermittler bei der Suche nach dem Auslöser der Katastrophe vom Neujahrsmorgen zunächst lediglich als Zeugen.
Das hat sich am Samstagnachmittag geändert: Bei einer kurzen Pressekonferenz nahe der Unfallstelle sagte Beatrice Pilloud, die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, dass nun auch gegen das Betreiber-Ehepaar ein Verfahren eröffnet werde. Den französischen Bar-Betreibern werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung vorgeworfen. Das Ehepaar wurde jedoch nicht festgenommen, erklärte anschließend ein Polizeisprecher.
Im Zentrum der Ermittlungen steht dabei vor allem die Schaumstoffdämmung an der Decke der Bar. Mutmaßlich wurde diese durch brennende Wunderkerzen entzündet, was wenig später zu dem verheerenden „Flashover“ des Brandes führte und das gesamte Kellergeschoss in eine Feuerhölle verwandelte. Bilder in sozialen Netzwerken zeigen, dass diese Schaumstoffdämmung beim Umbau der Bar im November 2015 angebracht wurde.
Nach Informationen des „Walliser Boten“ half der Barbesitzer selbst dabei mit. Außerdem gebe es Hinweise, dass die in die Kellerbar führende Treppe nach dem Umbau 2015 enger gewesen sei als zuvor.
Crans-Montana: Lokal dreimal in zehn Jahren kontrolliert
Sein Lokal sei in zehn Jahren dreimal kontrolliert worden, sagte der Betreiber mehreren Medien. Es habe jeweils alles den Vorschriften entsprochen. Für die Kontrolle der Brandschutzvorschriften sind im Kanton Wallis die Gemeinden zuständig. Am Sonntag teilte die Gemeinde Crans-Montana mit, dass sie der Staatsanwaltschaft sämtliche Unterlagen übergeben hätten, die zur Aufklärung beitragen könnten. Mit der Aktenübermittlung und einer „uneingeschränkten Zusammenarbeit“ mit der Justiz wolle man zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen.
Es tut uns so leid, dass dies alles geschehen ist
Inzwischen haben die Spezialisten der Schweizer Polizei weitere 16 Opfer der Brandkatastrophe identifiziert. Danach wurden das bisher jüngste Opfer, ein Mädchen aus der Schweiz, lediglich 14 Jahre alt. Insgesamt sind damit 26 der 40 Toten identifiziert. Bei vielen von ihnen handelt es sich um Jugendliche. Auch das wirft im Wallis viele Fragen auf: Warum durften sich Minderjährige weit nach Mitternacht in einer Bar aufhalten? Gab es eine Kontrolle der Gäste? Wurde Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt?
Als Vater von zwei Töchtern könne er das „unermessliche Leid der Familien und Angehörigen nur erahnen“, sagte Justizminister Beat Jans, der am Samstag als zweites Mitglied der Schweizer Bundesregierung nach Crans-Montana gekommen war. „Die Schweiz ist tieftraurig – der Schock sitzt tief“, so Jans. „Es tut uns so leid, dass dies alles geschehen ist“. Die Schweizer Justiz werde alles tun, um die Verantwortlichkeiten zu klären.
Plätze für 50 Patientinnen und Patienten überwiegend in Nachbarländern angefragt
Am Wochenende lief die Verlegung der 119 Verletzten – die meisten von ihnen haben schwere und schwerste Brandverletzungen erlitten – auf Hochtouren. Zwar konnte die Erstversorgung aller Verletzten in Schweizer Spitälern sichergestellt werden. Da die Kapazitäten für die langfristige und sehr aufwendige Behandlung von schwerverletzten Brandopfern aber nicht ausreichen, wurden Plätze für 50 Patientinnen und Patienten überwiegend in Nachbarländern angefragt. Bis Sonntagnachmittag wurden bereits 35 Schwerverletzte verlegt, weiter Transporte sollen folgen. Unter anderem werden Überlebende aus Crans-Montana inzwischen in Ludwigshafen, Stuttgart, Tübingen, Bochum und Köln-Merheim behandelt. Weitere Kliniken haben Aufnahmeplätze zugesagt.
Unter den 119 Verletzten sind mehr als 70 Schweizer sowie Franzosen, Italiener, Serben und einzelne Angehörige anderer Länder. Deutsche Opfer wurden bislang nicht gemeldet. Auch Opfer, die aus der Schweiz stammen, könnten danach in Kliniken im Ausland verlegt werden. Wie das Schweizer Bundesamt für Bevölkerungsschutz mitteilte, hätten diese Verlegungen unter besonderem Zeitdruck durchgeführt werden müssen: Es gebe nur ein kleines Zeitfenster, in dem die schwerverletzten Patienten so stabil seien, dass sie verlegt werden könnten.
Die Schweiz plant am 9. Januar einen nationalen Trauertag und eine Gedenkfeier für die Opfer. Die Gemeinde Crans-Montana legte inzwischen online ein Kondolenzbuch auf. Als Erster schrieb darin Bundespräsident Guy Parmelin: „Allen trauernden Familien, allen Opfern sage ich erneut mit Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit: Ihr Leid ist auch unser Leid.“ Er werde an der Gedenkfeier in Crans-Montana teilnehmen. Zu Beginn der Trauerfeier in Crans-Montana sollen im ganzen Land die Kirchenglocken läuten, begleitet von einer landesweiten Schweigeminute, so Parmelin weiter.

