Angriffe von „Killerwalen“ auf Jachten nehmen zu. Ein Experte befürchtet eine neue Eskalationsstufe.
Segler in SorgeOrcas greifen wieder Boote an – Experte schlägt Alarm

Ein Experte warnt vor einer veränderten Qualität der Orca-Angriffe. (Symbolbild)
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Die Lage im Atlantik und vor dem Mittelmeer wird zunehmend ernster. In einem Interview mit „yacht.de“ äußert Rui Alves, Betreiber der Informationsplattform „orcas.pt“, Bedenken über eine veränderte Art der Orca-Angriffe. Was zunächst als Spielerei angesehen wurde, entwickelt sich für Skipperinnen und Skipper zu einem Albtraum. Die Tiere zielen bewusst auf die Ruder, um Boote auf offener See manövrierunfähig zu machen. Die Anzahl der Zwischenfälle bleibt auf einem besorgniserregenden Niveau, während die Sorge in der Segelgemeinschaft wächst.
Orca-Nachwuchs lernt Angriffe auf Jachten

Die Meere entwickeln sich laut einem Experten zu einem Lernort für soziale Intelligenz, wo eine neue Generation von Schwertwalen systematisch erlernt, wie Jachten durch das Blockieren der Ruder kontrolliert werden können. (Symbolbild)
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Besonders bemerkenswert ist die Feststellung, wie die Tiere ihr Wissen innerhalb der Gruppe weitergeben. Alves erklärt in dem Bericht, dass die Jungtiere das Verhalten der erwachsenen Tiere nachahmen und so den Umgang mit Booten erlernen. Dies deutet für die Zukunft darauf hin, dass die Wale diese Verhaltensweise von Generation zu Generation weitergeben, wodurch die Zahl der interagierenden Tiere kontinuierlich ansteigt.
Die Meere entwickeln sich zu einem Lernort für soziale Intelligenz, wo eine neue Generation von Schwertwalen systematisch erlernt, wie Jachten durch das Blockieren der Ruder kontrolliert werden können.
Rückwärtsfahren als fatales Manöver

Orcas im Meer. (Symbolbild)
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Viele Seglerinnen und Segler versuchen, sich mit riskanten Manövern zu behelfen, doch der Experte warnt eindringlich. Das häufig empfohlene Rückwärtsfahren ist nach aktuellen Erkenntnissen äußerst gefährlich. Die Wucht der Wellen und die Angriffe der Wale können die gesamte Ruderaufhängung zerstören. Im schlimmsten Fall wird das Schiff zu einem sinkenden Wrack. Alves mahnt, die Stabilität der eigenen Jacht nicht zu unterschätzen, wenn die Kräfte der Natur wirken.
Teure Abwehrtechnik als mögliches Lockmittel
Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Abwehrtechnologie. Sogenannte Pinger, die Wale durch Schallwellen vertreiben sollen, erzielen oft den gegenteiligen Effekt. Laut Expertenmeinungen wirken die Geräte wie eine akustische Einladung. Die Orcas gewöhnen sich an die Geräusche und werden neugierig auf deren Ursprung. Anstatt die Tiere auf Abstand zu halten, locken die Skipperinnen und Skipper sie praktisch an. Wer viel Geld für vermeintliche Sicherheit investiert, könnte laut Alves unbeabsichtigt die Aufmerksamkeit der Meerestiere auf sich lenken.
Flachwasser als letzte Zuflucht
Als einzige Möglichkeit zur Vermeidung gilt die Fahrt in flachen Küstengewässern mit weniger als 20 Metern Tiefe. Jedoch gibt es auch hier Hindernisse. In den flachen Bereichen können Fischernetze den Weg versperren und sich in der Schiffsschraube verfangen. Die Segelnden stehen vor einer schwierigen Wahl: Entweder sie gehen das Risiko einer Interaktion mit Orcas auf offener See ein oder sie navigieren durch die anspruchsvollen Bedingungen der küstennahen Fischereizonen. Ein garantiert sicherer Weg existiert derzeit kaum.
Iberische Orca-Population ist vom Aussterben bedroht
Besonders besorgniserregend ist allerdings die Lage der Tiere selbst: Die iberische Orca-Population besteht nach Zählungen von 2023/2024 nur noch aus etwa 35 bis 40 Tieren und wird als akut vom Aussterben bedroht eingestuft. Hauptgrund dafür ist der starke Rückgang ihrer wichtigsten Nahrungsquelle, des Atlantischen Blauflossenthunfischs (Thunnus thynnus).
Zusätzlich belasten Schadstoffe und ein hohes Schiffsaufkommen den begrenzten Lebensraum. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft diese Subpopulation in die höchste Gefährdungskategorie ein – sie gilt also als unmittelbar vom Aussterben bedroht.
In diesem Zusammenhang warnt Rui Alves im Gespräch mit „yacht.de“ eindringlich vor dem Einsatz von Gewalt durch Seglerinnen und Segler: „Diese Spikes, die wir im Internet sehen, sind brutal. Stellen Sie sich vor, ein Baby-Orca kommt verletzt zur Mutter zurück. Was passiert dann? Die werden nicht mehr nur das Ruder angreifen, sondern andere Bootsteile.“ (jag)

