Ein Zwischenfall sorgt in Hannover für Verwirrung: Kanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Lula setzten ihre Tour getrennt fort.
„Das haben wir noch nie erlebt“Chaos beim Kanzler-Rundgang – Merz und Lula gehen getrennte Wege

Bundeskanzler Friedrich Merz (r., CDU) begrüßt Brasiliens Präsident Lula da Silva zu den deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen auf Schloss Herrenhausen.
Copyright: Michael Kappeler/dpa
Der traditionelle Kanzler-Rundgang zum Auftakt der Hannover Messe ist anders als geplant verlaufen: Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben sich die weltweit größte Industriemesse zum größten Teil getrennt angeschaut.
Bereits kurz nach dem Eröffnungsstatement am Stand des Partnerlandes Brasilien gingen beide ihre eigenen Wege. Während sich Lula weitere Stände brasilianischer Aussteller anschaute, zog der CDU-Chef ohne seinen Gast weiter und sah sich unter anderem humanoide Roboter an.
Regierungskreise: Einvernehmliche Entscheidung für getrennte Besuche
Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, beide Seiten hätten sich einvernehmlich für weitgehend getrennte Besuche an unterschiedlichen Messeständen entschieden. Der Grund dafür sei, dass sich der Beginn des Programms „wegen einer Verzögerung der brasilianischen Delegation“ verschoben habe. Um möglichst viele Firmen abdecken zu können, hätten sich die beiden aufgeteilt. „So konnte das Programm bestmöglich absolviert werden.“
Polizei und Verantwortliche der Messe zeigten sich dagegen überrascht: „Das haben wir noch nie erlebt“, hieß es. Auch das gemeinsame Abschlussstatement fiel aus. Merz äußerte sich alleine – und will die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Brasilien deutlich ausbauen.
Polizei und Messe irritiert: „Das haben wir noch nie erlebt“
Das bilaterale Handelsvolumen solle „in den nächsten Jahren“ verdoppelt werden, sagte der CDU-Politiker bei den deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen auf der Hannover Messe. Brasilien ist das diesjährige Partnerland der Industrieschau.
Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern lag nach Angaben von Merz im Jahr 2024 bei mehr als 20 Milliarden Euro. Für Volkswirtschaften dieser Größe sei das „entschieden zu wenig“. Mit dem Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten wolle man dieses Volumen steigern. „Beide Seiten des Atlantiks werden von wegfallenden Zöllen und dem Abbau weiterer Handelshemmnisse profitieren.“
Friedrich Merz sieht Brasilien als „Schlüsselpartner“
Brasilien bezeichnete Merz in einer „schwieriger werdenden Welt“ als „Schlüsselpartner“. Beide Länder teilten das Interesse an einer politischen Ordnung, in der man sich auf Verträge und Verabredungen verlassen könne. Offener, fairer und freier Handel sei nur auf dieser Grundlage möglich, so der Bundeskanzler.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gibt nach dem Eröffnungsrundgang der Hannover Messe ein Abschlussstatement ab. Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe.
Copyright: Moritz Frankenberg/dpa
Brasiliens Präsident Lula nutzte seinen Auftritt in Hannover unterdessen für deutliche Worte. „Wir sprechen von einem Land, das es satt hat, klein zu sein und sich in der Entwicklungsphase zu befinden. Ein Land, das es satt hat, wie ein Land der Dritten Welt behandelt zu werden. Ein Land, das es satt hat, als unsichtbar behandelt zu werden“, erklärte der Brasilianer.
Deutliche Worte von Lula bei Auftritt in Hannover
„Wir sind eine große Nation, wir haben 215 Millionen Einwohner, wir verfügen über eine recht stabile Wirtschaft und haben in den vergangenen Jahren viel Glaubwürdigkeit gewonnen“, hieß es weiter von Lula.
An der Messe in Hannover nehme Brasilien teil, um sich über weltweite Industrieneuheiten und die technologischen Fähigkeiten der Deutschen zu informieren, aber auch, um zu zeigen, was die Brasilianer entwickeln, betonte Lula. „Wir verfügen über eine gute intellektuelle und technologische Basis, wir haben außergewöhnliche Unternehmen wie Petrobras und Embraer, den drittgrößten Flugzeughersteller der Welt, und die Fähigkeit, uns mit Deutschland auszutauschen“, sagte Lula einem Bericht von CNN Brasil zufolge.
Kanzler-Rede sorgte im letzten Jahr für großen Ärger in Brasilien
Die spontane Planänderung beim traditionellen Kanzer-Rundgang in Hannover hatte kurzzeitig Sorgen vor einem Eklat geweckt. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien hatten im vergangenen November einen Dämpfer erfahren, nachdem Merz sich wenig positiv über Belem, die Gastgeberstadt der letzten Weltklimakonferenz, geäußert hatte.
„Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben“, sagte der Kanzler mit Blick auf seinen Besuch in Brasilien. „Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind“, fügte Merz damals hinzu.
Belems Bürgermeister kritisierte die Worte des Kanzlers daraufhin als „bedauerlich, arrogant und voreingenommen“. Auch Lula, der nun in Hannover zu Gast ist, kritisierte den CDU-Politiker daraufhin. Merz hätte in Belém in eine Bar gehen, dort tanzen und die lokale Küche probieren sollen, „denn dann hätte er gemerkt, dass Berlin ihm nicht einmal zehn Prozent der Qualität bietet, die der Bundesstaat Pará und die Stadt Belém bieten“, konterte Brasiliens Präsident die damaligen Worte des Kanzlers.
Das Aufeinandertreffen in Hannover verlief indessen offenbar trotz der kurzzeitigen Verwirrung um den getrennten Rundgang harmonischer. Nach ihrem Messebesuch kommen Merz und Lula am Nachmittag mit insgesamt 15 Ministern beider Seiten zu Regierungskonsultationen im Schloss Herrenhausen zusammen. Dabei soll es um die ganze Bandbreite der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern gehen. (das/dpa)

