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Kriminalität17-Jährige nach tödlicher Messerattacke weiter auf der Flucht

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ARCHIV - 14.01.2026, Nordrhein-Westfalen, Castrop-Rauxel: Die Polizei hat einen Sichtschutz aufgebaut nach einer Gewalttat in Castrop-Rauxel. Ein 17 Jahre alter Jugendlicher ist in Castrop-Rauxel stark blutend von einem Passanten entdeckt worden und trotz Rettungsmaßnahmen gestorben. (zu dpa: «Unter Mordverdacht stehende 17-Jährige weiter auf der Flucht») Foto: Justin Brosch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 14.01.2026, Nordrhein-Westfalen, Castrop-Rauxel: Die Polizei hat einen Sichtschutz aufgebaut nach einer Gewalttat in Castrop-Rauxel. Ein 17 Jahre alter Jugendlicher ist in Castrop-Rauxel stark blutend von einem Passanten entdeckt worden und trotz Rettungsmaßnahmen gestorben. (zu dpa: «Unter Mordverdacht stehende 17-Jährige weiter auf der Flucht») Foto: Justin Brosch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Eltern des getöteten Jungen in Castrop-Rauxel erheben Vorwürfe gegen die Polizei und Justiz und sprechen von Ermittlungsfehlern

Die Augen schimmern feucht, mitunter stockt die Stimme, wenn sie von ihrem Jungen spricht. „Onur hat immer gelacht, er war charmant, beliebt, ein großer lebenslustiger junger Mann.“ Nazli Salbas (47) fährt sich über ihr Gesicht, um sich die Tränen wegzuwischen. Ihr Sohn Onur (17) starb am 14. Januar, mutmaßlich erstochen bei einem Treffen in Castrop-Rauxel durch die gleichaltrige Deutsch-Russin Angela R.. Aufgrund einer Justizpanne konnte die Tatverdächtige fliehen, seither fahnden Polizei und Staatsanwaltschaft Dortmund nach der Jugendlichen wegen Mordes. „Seit drei Monaten und einer Woche ist nichts geschehen, um die Mörderin zu fassen.“ Nazli Salbas wählt im Gespräch mit dieser Zeitung drastische Worte für jenes Mädchen, das einem ihrer vier Kinder das Leben nahm.

Die Eltern können nicht verstehen, warum Justiz und Polizei die Jugendliche nach ihrer Festnahme wieder laufen ließen: „Die Täterin hat den Ermittlern im Verhör zwei Mal ein Märchen erzählt“, sagt Onurs Vater Sevket Salbas (57). Erst nachdem Angela R. untertauchen konnte, entdeckte die Kripo auf ihrem Handy Dateien, die darauf schließen ließen, dass sie Onur in eine Falle gelockt und gezielt in den Hals gestochen hatte. Die Eltern Salbas werfen Polizei und Justiz „schlampige Ermittlungen“ vor. „Das Ganze ist ein Justizskandal“.

Kurz nach der Tat tauchten zwei Beamte bei den Eltern auf und beschuldigten ihren getöteten Sohn der versuchten Vergewaltigung. Laut Aussage des Mädchens habe es in Notwehr gehandelt. Dass man sie mit diesem Vorwurf konfrontierte, ohne den Abschluss der Ermittlungen abzuwarten, können die Eltern Salbas bis heute nicht verstehen. Zwei Wochen später klingelte die zuständige Mordkommission aus Recklinghausen erneut an der Tür. Inzwischen hätten die Nachforschungen ergeben, dass Angela R. ihren Sohn mit einem Küchenmesser aus dem Leben befördert habe, hieß es. Die Tat sei eiskalt geplant gewesen, aber nun sei das Mädchen verschwunden. „Das hat uns nicht überrascht, aber auch echt wütend gemacht“, sagt Nazli Salbas. Die Mutter weist auf zahlreiche Indizien und Ungereimtheiten in den Aussagen der Beschuldigten hin.

Ungereimtheiten und Widersprüche in den Aussagen der Beschuldigten

Die tödliche Messerattacke ereignete sich auf der Terrasse eines leerstehenden Hauses in der Ruhrstadt. Onur schleppte sich noch zur nahen Bushaltestelle, wo er blutend zusammenbrach. Noch am gleichen Tag geriet Angela R. unter Tatverdacht. Fortan unternahm die Deutsch-Russin alles, um die Todesermittler hinters Licht zu führen. Zunächst behauptete sie auf dem Weg zur Fahrschule von einem Unbekannten überfallen worden zu sein. Als die Strafverfolger ihr aufgrund zahlreicher Widersprüche keinen Glauben schenkten, änderte die Verdächtige ihre Aussage. Nun gab sie zu, sich mit Onur getroffen und in Notwehr zugestochen zu haben. An jenem 14. Januar soll er über sie hergefallen sein. Laut will das Mädchen gerufen haben, er möge aufhören. Dann habe sie ein verrostetes Messer auf dem Boden gefunden und damit Onur in den Hals gestochen. Der Junge sei mit dem Messer geflüchtet.

Nach der Vernehmung „lag kein für einen Haftbefehl notwendiger dringender Tatverdacht für ein vorsätzliches Tötungsdelikt vor, eine Rechtfertigung durch Notwehr war nicht ausgeschlossen“, berichtete der zuständige Dortmunder Staatsanwalt Henner Kruse dieser Zeitung. Neun Tage nach dem tödlichen Messerstich erwirkte der Staatsanwalt dann doch einen Haftbefehl wegen Mordes. Inzwischen hatte die Polizei auf dem Mobiltelefon der Verdächtigen gelöschte Dateien rekonstruieren können, die darauf hindeuten, dass Onur heimtückisch durch seine Bekannte erstochen worden war.

Im Verhör hatte Angela R. stets von belanglosen Küssen gesprochen, ehe ihr Bekannter versucht habe, sie zu vergewaltigen. Die Mordkommission entdeckte auf Onurs Handy Chats, die der Aussage der Beschuldigten widersprachen. Demnach pflegten beide seit Monaten eine intime Liebesbeziehung. Kurz darauf aber schrieb Angela R. in ihr Mobiltelefon, sie fühle sich deswegen schlecht. Am späten Abend des 12. Januar googelte das Mädchen Schlagworte, wie man Menschen auf dem schnellsten Weg sterben lassen könne. Ferner befasste die Jugendliche sich mit der Anatomie des Halses und der Halsschlagader. Auch konnte die Kripo auf dem Handy eine in englischer Sprache verfasste Notiz wiederherstellen, die sie gelöscht hatte. Demnach hatte Angela R. vor, zu töten. Sie bereute offenbar die intime Beziehung mit Onur, fühlte sich benutzt und träumte davon, dem jungen Mann ein Grab zu schaufeln und ihn zu töten. Das Mädchen wollte seinen Hals treffen, um zu sehen, wie sein Blut herausströmte.

Tags darauf schickte sie ihrem Freund eine Nachricht. Angela R. lockte ihn mit einer Überraschung, auf die er sich freuen könne. Eine Falle, die Onurs Tod bedeutete. Später fanden Personenspürhunde auf einem nahegelegenen Spielplatz ein Küchenmesser. Bei der etwa zwölf Zentimeter langen Klinge handelte es sich offenbar um die Tatwaffe.