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NRW-ArtenschutzprogrammWarten auf das erste Hamster-Baby des Jahres

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Deutsche Feldhamster und Tiere aus den Niederlanden werden im Rahmen eines Artenhilfsprojekts im Artenschutzzentrum des Landes verpaart, um die stark bedrohte Tierart zu fördern.

Deutsche Feldhamster und Tiere aus den Niederlanden werden im Rahmen eines Artenhilfsprojekts im Artenschutzzentrum des Landes verpaart, um die stark bedrohte Tierart zu fördern. 

Im nordrhein-westfälischen Artenschutzzentrum Metelen wird auf leises Fiepen gehofft: Zu Ostern könnte der erste Feldhamster-Nachwuchs des Jahres kommen. Was nach Provinz klingt, ist in Wahrheit die Rückkehr eines Tieres, das fast verschwunden war.

In Metelen, im Münsterland, ist gerade die Jahreszeit, in der man auf Geräusche lauscht, die anderswo niemand bemerken würde. Kein Kuckuck, kein erster Frosch. Eher: ein kaum hörbares Fiepen aus einem Bau, irgendwo in einer großen Box. Vier Nächte lang hatte man hier jeweils ein Hamsterpaar zusammengebracht – nicht aus Romantik, sondern aus Notwendigkeit. 19 Tage Tragzeit, danach entscheidet sich, ob das Jahr wieder ein kleines bisschen Zukunft hat. Zu Ostern, sagt der Tierpfleger, rechne man mit den ersten Würfen. Noch ist kein Jungtier da – aber die Erwartung liegt in der Luft wie der Geruch von Einstreu: unspektakulär, aber voller Bedeutung.

Denn Metelen ist kein Streichelzoo. Es ist eine Art Geburtsstation für eine Spezies, die in NRW einmal so selbstverständlich war wie Zuckerrübenfelder und Feldwege – bis sie es nicht mehr war. Im Artenschutzzentrum des Landes werden rund 160 Feldhamster einzeln gehalten, in großen Boxen. Mitte März hat das Team 72 Tiere für die Zucht ausgewählt. Es geht dabei nicht um „die Süßesten“, sondern um etwas, das in der Natur längst knapp geworden ist: genetische Vielfalt. Das klingt nach Labor, ist aber in Wahrheit eine Frage von Widerstandskraft: Wer zu ähnlich ist, wird irgendwann zu anfällig.

Zucht ist kein Idyll, sondern ein Plan

Draußen, in den Bördelandschaften, war die Welt für den Feldhamster lange so angelegt, dass er seinen Beruf ausüben konnte: sammeln, bunkern, bauen, verschwinden. Der Feldhamster ist ein Meister des privaten Eigentums. Er lebt allein, er hortet, er hält sich aus allem raus – bis auf jene kurze Saison, in der die Natur verlangt, dass selbst ein überzeugter Einzelgänger Gesellschaft erträgt. Dann wird es ruppig. Wer Hamster für knuffig hält, hat sie nie bei der Paarung beobachtet oder zumindest nie die Geschichten der Pfleger gehört: Man setzt die Tiere nicht einfach zusammen wie zwei Kaninchen in ein Gehege und wartet auf Nachwuchs. Man plant, staffelt, beobachtet. Das Männchen darf den Bau des Weibchens nur betreten, wenn der Moment passt – sonst wird aus dem Rendezvous eine Verletzung.

Projektleiterin Anika Hirz verpaart im Rahmen eines Artenhilfsprojekts im Artenschutzzentrum des Landes deutsche Feldhamster und Exemplare aus den Niederlanden, um die stark bedrohte Tierart zu fördern.

Projektleiterin Anika Hirz verpaart im Rahmen eines Artenhilfsprojekts im Artenschutzzentrum des Landes deutsche Feldhamster und Exemplare aus den Niederlanden, um die stark bedrohte Tierart zu fördern.

So gesehen ist Metelen nicht nur ein Ort der Hoffnung, sondern auch ein Ort der Disziplin. Vier Nächte „Stelldichein“, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass es klappt. Und danach: warten. In einer Zeit, in der alles sofort passieren soll, ist Artenschutz plötzlich ein Geduldsspiel mit Terminkalender. Die Pfleger wissen ungefähr, wann es soweit sein müsste – und dann hängt doch alles an etwas Winzigem, das sich nicht beeilen lässt.

Hamsterromantik endet oft mit Trennung

Dass man heute überhaupt wieder so wartet, ist schon ein Zeichen dafür, wie weit es gekommen ist. Seit 2017 wird in NRW nachgezüchtet; am Anfang standen Tiere, die man bei Zülpich noch in letzter Minute aus der freien Wildbahn holte, weil dort die Restbestände saßen wie auf einer letzten Insel. Später kamen Tiere aus einer Zucht in Rotterdam hinzu; außerdem gibt es Austausch mit dem Gaia-Zoo Kerkrade. Artenschutz ist längst grenzüberschreitend – nicht, weil es schick klingt, sondern weil Arten keine Landesgrenzen kennen und ihre genetische Stabilität schon gar nicht.

Und dann ist da NRW, dieses Bundesland, das in der öffentlichen Fantasie aus Ballungsräumen, Verkehr und Tempo besteht. Ausgerechnet hier wird der Feldhamster wieder angesiedelt – in einer Landschaft, die viele eher als Durchfahrt wahrnehmen: zwischen Köln und Aachen, in den weiten, offenen Ackerflächen, wo man am Horizont Windräder und Kirchtürme sieht und dazwischen manchmal nichts als Himmel. Es sind solche Räume, die für den Hamster existenziell sind: nicht zu „ordentlich“, nicht zu früh „aufgeräumt“, nicht zu glatt bewirtschaftet. Denn der Hamster lebt von Zwischenräumen – von Deckung, von Stoppeln, von Pflanzen, die nicht gleich verschwinden.

200 bis 300 kleine Rückkehrer pro Jahr

Der Plan ist, auch in diesem Jahr wieder auszuwildern. Zwischen 200 und 300 Tiere verlassen Metelen pro Jahr – nicht auf einen Schlag, sondern als stetiger Strom kleiner Körper, die lernen müssen, was ihre Art jahrtausendelang wusste: wie man einen Bau anlegt, wie man Vorräte sichert, wie man Raubvögel meidet, wie man verschwindet. Die Zahl klingt nüchtern, beinahe verwaltungstauglich. Aber wer sie sich bildlich vorstellt – 200 bis 300 winzige Rückkehrer, jeder mit Backentaschen und Instinkt – merkt, dass sie eigentlich etwas Unwahrscheinliches beschreibt: dass man nicht nur Verlust verwalten, sondern auch Wiederkehr organisieren kann.

Parallel dazu läuft, fast ironisch, die andere Hamsterwelt: die im Wohnzimmer. Dort sorgt man sich im Winter, ob es dem Tier zu kalt wird, ob Zugluft durch das Fenster zieht, ob es genug Nistmaterial hat. Bei Haus-Hamstern ist Wärme Komfort. Beim Feldhamster ist Wärme – im übertragenen Sinn – Politik: Lebensräume, Bewirtschaftung, Geduld, Kooperation. Und beides trifft sich in einem Gedanken, der erstaunlich einfach ist: Ein Hamster ist nicht dafür gemacht, dass man ihn ständig stört. Man muss ihm Bedingungen schaffen, in denen er in Ruhe hamstern kann.

Vielleicht ist das der stille Kern der Geschichte aus Metelen: Während draußen die Welt laut ist, wartet man drinnen auf ein Geräusch, das kaum jemand hört. Noch ist kein Hamsterbaby geboren. Aber das Team rechnet damit, dass es „am Wochenende“ losgehen könnte. Wenn es dann fiept, wird das keine Schlagzeile wie ein Großprojekt. Eher eine kleine Meldung aus einer Box im Münsterland – und doch ein Satz, in dem ein ganzes Bundesland mitschwingt: NRW hat wieder Feldhamster. Und diesmal sollen sie bleiben. (mit dpa)