Die gesetzlich Versicherten haben derzeit die Wahl, ob sie zum Haus- oder zum Facharzt gehen. Das soll sich nach dem Willen der schwarz-roten Koalition ändern.
Pläne für das GesundheitswesenIst die freie Arzt-Wahl bald vorbei?

Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU).
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Im Koalitionsvertrag stehen dazu nur wenige Sätze, doch die Reform dürfte für die 75 Millionen gesetzlich Versicherten die größten Veränderungen seit Jahrzehnten mit sich bringen: Union und SPD wollen ein sogenanntes Primärversorgungssystem einführen, bei dem in der Regel immer zuerst der Hausarzt aufgesucht werden muss. Damit will die Koalition erreichen, die im internationalen Vergleich sehr hohe Zahl von Arztkontakten zu senken. Dabei geht es nicht nur um Einsparungen, sondern auch um eine effiziente Nutzung des knapper werdenden Personals. Tatsächlich gibt es kaum ein Gesundheitssystem weltweit, bei dem es allein den Versicherten überlassen wird, ob sie bei einer Erkrankung zum Hausarzt gehen oder doch lieber direkt zum Facharzt – oder besser gleich zu mehreren Spezialisten.
Grundsätzlicher Konsens
Bisher gibt es zwar schon erste Gespräche aller wichtigen Akteure des Gesundheitswesens mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), doch konkrete Festlegungen existieren noch nicht. Allerdings sind sich grundsätzlich alle Beteiligten einig, dass diese Reform dringend notwendig ist. Das ist selten im traditionell zerstrittenen Gesundheitswesen, obwohl auch bei diesem Projekt noch viele Differenzen bestehen. Gleichwohl kristallisieren sich erste grobe Züge einer möglichen Reform heraus, die frühestens 2028 greifen soll – und dann wahrscheinlich auch erst in mehreren Stufen.
App statt Arzt
Idealtypisch könnte es künftig folgendermaßen ablaufen: Ein Versicherter hat Beschwerden. Er öffnet seine Krankenkassen-App, die eine Art digitalen Arzt enthält, der durch strukturierte Fragen eine erste Einschätzung erstellt. Dabei greift dieses „Navigationstool“ auch auf die Daten aus der elektronischen Patientenakte (ePA) zu, damit die Beschwerden richtig eingeschätzt werden können.
Anschließend entscheidet das Tool, wie dringend die Behandlung ist und welcher Weg eingeschlagen werden soll. Infrage kommen dabei neben einem Termin beim Hausarzt die Übersendung in die Notaufnahme, die Vermittlung einer Video-Sprechstunde oder die (elektronische) Überweisung zu einem Facharzt.
Alle Prozesse digital
Kommt die digitale Ersteinschätzung, die auch telefonisch über die Kassenärzte-Hotline 116117 abgerufen werden kann, zu dem Ergebnis, dass eine Abklärung beim Hausarzt notwendig ist, greift die Software auf eine bundesweit einheitliche Terminplattform zu und macht Terminvorschläge. Wenn der danach aufgesuchte Hausarzt eine Überweisung zum Spezialisten für notwendig erachtet, werden je nach Dringlichkeit ebenfalls in der Navigator-App Termine angeboten. Sobald der Versicherte den Termin bestätigt hat, wird die Überweisung des Hausarztes zusammen mit wichtigen Befunden über die elektronische Patientenakte direkt an die Facharztpraxis übermittelt.
Nach dem Termin beim Spezialisten gehen die Untersuchungsergebnisse digital zurück an den Hausarzt. Dieser kann dann ein elektronisches Rezept ausstellen, das der Patient in der Apotheke einlösen kann – ohne nochmals in die Praxis gehen zu müssen.

Die Krankenkassen plädieren für eine umfassende Reform des Gesundheitssystems, unter anderem soll in Zukunft der hausarzt der erste Ansprechpartner sein - und nicht eventuelle Fachärzte.
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„Das ist kein Science-Fiction. Alles, was wir dafür brauchen, liegt schon bereit“, sagt die Vize-Chefin des Kassen-Spitzenverbandes, Stefanie Stoff-Ahnis. Das stimmt allerdings nur zum Teil. Das eRezept und die ePA existieren bereits, nicht aber die digitale Überweisung und eine einheitliche und diskriminierungsfreie Terminplattform. Bisher gibt es nur private Terminvermittler, die zwischen gesetzlichen und privat Versicherten unterscheiden, wobei letztere in der Regel viel schneller zum Zuge kommen.
Aber es gibt Fortschritte: Am Dienstag kündigte Ministerin Warken nach Gesprächen mit wichtigen Gesundheitsverbänden an, dass tatsächlich eine digitale Terminplattform für die gesamte gesetzliche Krankenversicherung aufgebaut werden soll. Auch die „eÜberweisung“ wird bereits vorbereitet.
Viele offene Fragen
Doch es bleiben viele Fragen offen. Ist eine digitale Ersteinschätzung zuverlässig? Wird die Nutzung eines digitalen Navigators wirklich verpflichtend VOR jedem Arztbesuch verlangt oder ist als Alternative der direkte Gang zum Hausarzt erlaubt? Können die Hausärzte die ihnen zugedachte Lotsenfunktion angesichts der Tatsache, dass heute bereits 5000 Hausarztsitze unbesetzt sind, überhaupt erfüllen? Sie dürften nicht zum „Flaschenhals“ werden, mahnte Warken mehrfach.
Tatsächlich läuft bereits eine Debatte darüber, welche Fachärzte weiterhin direkt aufgesucht werden können. Im Koalitionsvertrag werden Gynäkologen und Augenärzte genannt, inzwischen sind aber unter anderem auch die Nephrologen (Nierenspezialisten) im Gespräch. Dabei ist klar: Je mehr Ausnahmen, desto weniger wird das Ziel einer Steuerung erreicht.
Und was passiert, wenn sich Patientinnen und Patienten nicht an den vorgegebenen Behandlungspfad halten? Hier gibt es unterschiedliche Ideen für Bonus- oder Malussysteme. Eine besonders drastische Variante brachte Ministerin Warken kürzlich ins Spiel: Wer ohne Überweisung direkt zum Facharzt gehe, müsse die dortige Behandlung künftig eben selbst bezahlen, so die CDU-Politikerin.

