Abo

Artemis-2Astronauten Maurer und Gerst über Europas Mondambitionen

9 min
Matthias Maurer (l.) und Alexander Gerst waren schon auf der ISS. Ihr nächstes Ziel könnte der Mond sein. RND

Matthias Maurer (l.) und Alexander Gerst waren schon auf der ISS. Ihr nächstes Ziel könnte der Mond sein. RND

Sie gelten als Europas Kandidaten für den Mond: die beiden Astronauten Matthias Maurer und Alexander Gerst. Bei der Artemis-2-Mission sind sie Zuschauer – doch die Hoffnung, später mitfliegen zu dürfen, ist groß. Nur: Wie sicher ist Europas Rolle im internationalen Mondprogramm?

Anfang April startet die Artemis-2-Mission: der erste Flug mit Astronautinnen und Astronauten zum Mond, mehr als 50 Jahre nach dem Apollo-Programm. Statt auf dem Mond zu landen, wird die Crew – bestehend aus Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen – den Erdtrabanten erst einmal nur umkreisen. Auch Kollegen wie Matthias Maurer (56) und Alexander Gerst (49) von der Europäischen Weltraumorganisation ESA verfolgen den Start – in der Hoffnung, bald selbst zum Mond fliegen zu dürfen.

Herr Maurer, Herr Gerst, Hand aufs Herz: Wie neidisch sind Sie, dass Sie nicht mit zum Mond fliegen dürfen?

Maurer (lacht): Ich glaube, jede Astronautin und jeder Astronaut wünscht sich, einmal in das Raumschiff zu steigen und in Richtung Mond zu fliegen. Aber wir gönnen es den Vieren. Sie mussten sich lange auf die Mission vorbereiten und trainieren, und immer wieder wurde der Start verschoben. Also, sie haben es sich verdient.

Gerst: Ich würde sagen, jede Astronautin und jeder Astronaut freut sich beim Start für seine Kolleginnen und Kollegen, weil man sich eben gut kennt. Christina, Reid, Victor und Jeremy sind gute Freunde von uns. Und natürlich fiebert man mit. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch gern selbst mitfliegen würde, wenn die Möglichkeit da wäre. Das schließt sich nicht aus.

Sie werden beide beim Start der Artemis-2-Mission vor Ort sein. Sie haben gesagt, man fiebert mit. Und gehen Sie dann auch alle Abläufe in Gedanken mit durch?

Maurer: Wenn es jetzt ein Flug zur ISS wäre, würde ich schon in Gedanken die Abläufe mit durchgehen und denken: Jetzt ist die Phase, jetzt kommt die Phase, die kenne ich noch von meiner Mission. Aber ein solcher Flug zum Mond ist auch für uns etwas ganz Neues. Da können wir uns nicht auf Erfahrungen berufen. Das macht es so spannend. Und man fragt sich schon: Wie würde ich mich jetzt fühlen, wenn ich in der Kapsel sitzen und Richtung Mond fliegen würde?

Gerst: Ich denke, für uns als Astronautinnen und Astronauten ist es schon schwierig, beim Start nur zuzuschauen, ohne dass man selbst in der Kapsel sitzt und die Kontrolle hat. Wir sind alle auch ein bisschen Kontrollfreaks. Ich weiß noch, als ich 2021 bei Matthias‘ Start dabei war: Da macht man sich schon Sorgen, wenn dann da dein Freund oben in der Rakete sitzt und man nichts tun kann. Man weiß: Die Crew hat trainiert, sie weiß, was zu tun ist, auch wenn etwas schiefgeht. Aber trotzdem, nur aus der Entfernung zuzuschauen, ist schwieriger, als selbst mit an Bord zu sein.

Die Artemis-2-Mission ist die erste bemannte Mission des Mondprogramms. Was sind die Herausforderungen bei einem solchen Pionierflug?

Gerst: Wenn das Orion-Raumschiff zum ersten Mal mit Menschen fliegt, entsteht eine ganz andere Belastung für die Technik. Bei der Artemis-2-Mission wird zum Beispiel erstmals ein voll funktionsfähiges Lebenserhaltungssystem in der Raumkapsel zum Einsatz kommen. Das war bei der unbemannten Mission 2022 noch nicht im realen Betrieb. Auch der Hitzeschild ist noch nicht unter allen Bedingungen geprüft. Das heißt, es geht darum, herauszufinden, wie sich diese Kapsel auf dem Weg zum Mond verhält, wenn vier Menschen darin sitzen, atmen, sich ernähren, auf Toilette gehen, körperliche Übungen machen und so weiter. Auch die manuelle Steuerung ist noch nicht getestet worden, die es unter anderem für Andockmanöver an eine Mondlandefähre braucht. Also viel Neues, was man noch testen muss.

Der Start der Artemis-2-Mission musste zuletzt immer wieder wegen technischer Probleme verschoben werden. Wie bewerten Sie diese Verzögerungen?

Maurer: Das ist ein ganz neues System, deswegen sind solche Verzögerungen vollkommen normal. Und Sicherheit hat immer allerhöchste Priorität. Es ist wie bei einem neuen Auto oder einem neuen Flugzeug: Wenn man es das erste Mal an den Start bringt, findet man noch kleine Macken, und die müssen dann natürlich behoben werden, bevor Menschen darin Platz nehmen.

Wie geht man als Astronautin oder Astronaut mit solchen Verzögerungen um?

Maurer: Das ist nichts, was einen verunsichert, aber natürlich ist man emotional dabei. Bei den ersten Startverzögerungen denkt man noch „Jetzt geht’s endlich los“, und dann wird man in seiner Vorfreude ausgebremst. Und je mehr Verzögerungen hinzukommen, desto eher sagt man sich dann: „Okay, ich werde meiner Vorfreude erst freien Lauf lassen, wenn ich in der Kapsel sitze und der Countdown unter die Zehn-Sekunden-Marke fällt.“ (lacht)

Warum ist es überhaupt wichtig, dass wir zum Mond zurückkehren?

Gerst: Es gibt so viele Gründe. Der naheliegendste ist wahrscheinlich: weil der Mond da ist. Er ist unser kosmischer Begleiter, ungefähr drei Reisetage entfernt. Wir sprechen vereinzelt vom achten Kontinent der Erde, der noch komplett unentdeckt ist. Er birgt viele Geheimnisse, die uns etwa helfen könnten, zu verstehen, wo das Leben auf der Erde herkommt.

Es geht aber auch darum, Gefahren wie Asteroiden abzuwehren. Um solche Gefahren zu verstehen, müssen wir sie gut untersuchen. Das können wir auf der Erde nicht mehr, weil Einschlagskrater durch die Plattentektonik, Vulkanismus und Verwitterung nahezu vollständig verschwunden sind. Auf dem Mond sieht man die Krater noch überall. Untersuchungen dort könnten uns helfen, vorherzusagen, wie hoch das Risiko eines Einschlags auf der Erde ist. Und dann geht es auch darum, zu schauen, was wir dagegen unternehmen können. Können wir diese Gesteinsbrocken aus der Bahn schubsen? Das sind Dinge, die wir vom Mond aus viel leichter machen können. Darauf sind wir noch nicht vorbereitet. Das müssen wir tun.

Eine andere Gefahr sind Sonnenstürme, die unsere Satelliteninfrastruktur im All lahmlegen können. Darüber müssen wir mehr lernen – auch das funktioniert vom Mond aus viel besser. Denn der Mondstaub ist eine Art Archiv für die Sonnenaktivität der vergangenen Milliarden Jahre der Sonne. Das heißt, in Hinblick auf die Gefahrenabwehr wird es eines Tages überlebenswichtig für die Menschheit sein, den Mond als Ressource zu nutzen.

Inwiefern unterscheidet sich das Astronautentraining für eine Mondmission vom Training für die ISS?

Maurer: Auf dem Mond sind wir auf einer Oberfläche und nicht mehr in Schwerelosigkeit, sondern in einer reduzierten Schwerkraft. Das verändert die Arbeitsbedingungen. Wir wollen auf dem Mond Ressourcen gewinnen, neue Technologien ausprobieren, eine Station aufbauen, für die wir den Strom vor Ort selbst herstellen müssen. Wir wollen dort Teleskope errichten, mit denen wir das All noch genauer erforschen können. Also, die Arbeit auf dem Mond wird sich grundlegend von der auf der ISS unterscheiden. Daher unterscheidet sich auch die Ausbildung signifikant. Aber das Grundhandwerkszeug ist das Gleiche: Man muss in einer Rakete ins All starten. Man muss als Team funktionieren. Man muss Prozeduren abarbeiten. Man muss lernwillig sein – und auch Spaß am Abenteuer haben.

Muss man sich auch mental anders vorbereiten?

Maurer: Ob man jetzt 400 Kilometer oder 400.000 Kilometer weg ist: Für die Perspektive ist es schon etwas anderes. Ein Flug zum Mond hat noch mal ein viel größeres emotionales Gewicht, glaube ich. Aber auf der ISS ist man in der Regel ein halbes Jahr und auf dem Mond ist man vielleicht weniger als einen Monat unterwegs. Die weite Entfernung wird dann durch die reduzierte Zeit kompensiert. Also für mich hält sich das die Waage. Ich weiß nicht, Alex, was meinst du?

Gerst: Für mich macht das einen Unterschied. Ich glaube, das wird ein faszinierender Moment sein, wenn ein Mensch auf dem Mond steht, auf sein Zuhause zurückschaut und es mit dem Fingernagel abdecken kann. Dann sind plötzlich acht Milliarden Menschen hinter einem Daumennagel verschwunden und man realisiert, dass man ganz schön weit draußen ist – weg von allem, was man kennt. Ich glaube, es wird einem dann auch noch einmal klarer, wie einsam und schützenswert diese Erde ist, wenn man sie aus dieser Entfernung im schwarzen All sieht.

Europa ist am Artemis-Programm beteiligt und steuert unter anderem das Servicemodul des Orion-Raumschiffs bei. Welche Bedeutung haben die Mondmissionen für Europa?

Gerst: Es ist wichtig, dass wir an den Missionen beteiligt sind, damit wir zum Beispiel unsere eigenen Forschungsprioritäten, unsere europäischen Interessen durchsetzen können. Diese Mondmissionen werden stattfinden – mit oder ohne uns. Momentan haben wir eine gute Position, dadurch, dass Teile des Orion-Raumschiffs in Europa, genauer gesagt in Bremen in Deutschland, gebaut werden. Das erlaubt uns, dass wir an den Missionen teilnehmen und unsere Akzente setzen können, dass wir in Zukunft vielleicht eine eigene europäische Mondstation haben werden, wo wir Forschungen durchführen. Wenn wir nicht teilnehmen, überlassen wir es anderen Ländern, die Forschungsschwerpunkte zu setzen.

Der Mond wird auch ein wichtiger Wirtschaftsraum werden. Deshalb wollen wir europäischen Firmen ermöglichen, dabei zu sein, neue Technologien zu entwickeln, sodass wir nicht alles auslagern müssen, sondern das Know-how in der eigenen Hand behalten. So schaffen wir es auch, Inspirationen und Perspektiven an die nächste Generation weiterzugeben.

Wie es nach der Artemis-4-Mission, der ersten Mondlandung nach mehr als 50 Jahren, weitergeht, ist noch unklar. Nasa-Chef Jared Isaacman will mehr private Raumfahrtfirmen an den Missionen beteiligen und hat nun die Pläne für das Lunar Gateway – also die Raumstation im Mondorbit, an der Europa mitwirken soll – auf Eis gelegt. Wird Europa bei der Rückkehr zum Mond zunehmend verdrängt?

Gerst: Die Gemeinsamkeit aller Szenarien ist eine nachhaltige und dauerhafte Präsenz auf der Mondoberfläche. Wie das genau erreicht wird, mag noch nicht bis ins Detail definiert sein. Aber eine solche Zeit der Ungewissheit hatten alle großen Programme immer mal wieder. Ich glaube nicht, dass Europa verdrängt wird, weil wir uns strategisch gut platziert haben, was das Orion-Raumschiff angeht. Aber wir müssen schauen, dass wir auch in Zukunft weiterhin eine wichtige Rolle spielen, dass wir als attraktiver internationaler Partner wahrgenommen werden und wir Elemente zu diesem Programm beitragen, die es uns erlauben, Akzente auf der Mondoberfläche zu setzen – zum Beispiel, wenn es um die Mondlandungen geht oder beim Bau einer Mondstation. Diese Beiträge sollen auch uns am Ende weiterbringen.

Wir müssen jetzt abwarten, wie sich das Artemis-Programm weiterentwickelt. Aber grundsätzlich habe ich ein gutes Gefühl – auch, weil wir bei der vergangenen ESA-Ministerratskonferenz ein starkes Mandat von den ESA-Mitgliedstaaten bekommen haben. Sie haben klar gesagt: Wir wollen, dass Europa weiterhin eine wichtige Rolle für die Mondmissionen spielt.

Bei der Konferenz wurde auch beschlossen, dass ein deutscher Astronaut an einer Mondmission teilnehmen soll. Haben Sie schon ausgeknobelt, wer von Ihnen das sein wird?

Maurer (lacht): Das liegt nicht an uns, das auszuknobeln, sondern das wird auf anderer Ebene entschieden. Ich denke, wir beide sind hoch motiviert. Wir würden uns riesig freuen, dorthin zu fliegen, und das Wichtige ist ja: Es wird nicht nur einen Flug geben, sondern wir stehen am Beginn einer neuen Ära. Es wird viele Flüge geben, und es wird auch viele Europäerinnen und Europäer geben, die zum Mond fliegen werden. Und nach dem Mondprogramm kommt dann das Mars-Programm.

Wer jetzt zuerst fliegt, der kann sich natürlich freuen. Aber der Zweite bekommt dann wahrscheinlich eine noch viel spannendere Mission mit mehr Aufgaben und Elementen. Also: Ob man jetzt Erster oder Zweiter ist, ist eigentlich egal. Hauptsache, wir sind dabei, und die Mondexplorationen gehen endlich los.