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In Sachen LiebeWenn Nähe zur Herausforderung wird

3 min
Paar stehen auf einem Kiesstrand, halten Hände und gegenüber dem ruhigen Meer während des weichen Sonnenuntergangs.

„Behutsam Raum für sich schaffen und zugleich den Austausch suchen.“  Symbolbild für in Sachen Liebe Daniel Wagner

Kontaktverlust zu sich selbst in der Partnerschaft: Wie die Balance zwischen Autonomie und Verbundenheit gelingen kann, erklärt der Kölner Psychotherapeut Daniel Wagner.

„Ich merke, dass ich mich selbst kaum spüre, sobald ich in einer Beziehung bin. Ich passe mich schnell an, verliere dann aber den Kontakt zu meinen eigenen Bedürfnissen und fühle mich irgendwann erschöpft. Gleichzeitig habe ich Angst, mehr Abstand zu nehmen, weil ich befürchte, dadurch die Nähe zu gefährden. Gibt es einen Weg, meine eigene Identität zu bewahren, ohne die Partnerschaft zu riskieren?“

(Kristina, 45)

„In der Psychologie wird dieses Spannungsfeld zwischen ‚Nähe suchen‘ und ‚eigene Identität bewahren‘ seit Jahrzehnten untersucht“

Was Sie als Kontaktverlust zu sich selbst beschreiben, ist für Menschen in engen Beziehungen nicht ungewöhnlich. In der Psychologie wird dieses Spannungsfeld zwischen „Nähe suchen“ und „eigene Identität bewahren“ seit Jahrzehnten untersucht. Man spricht dabei häufig von der „Individuation“ in Beziehungen: also der Fähigkeit, eine verlässliche Bindung einzugehen, ohne die eigenen Bedürfnisse, Werte und Grenzen zu vernachlässigen. Studien zeigen, dass diese Balance je nach Persönlichkeit, Beziehungserfahrung und Bindungsmuster unterschiedlich leicht oder schwerfällt.

Daniel Wagner

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Forschung aus der Bindungspsychologie legt nahe, dass manche Menschen in Beziehungen stärker harmoniesuchend reagieren. Sie passen sich schnell an, um Konflikten vorzubeugen oder die Verbindung zu sichern. Das ist zunächst eine verständliche Strategie, kann aber dazu führen, dass eigene Bedürfnisse in den Hintergrund geraten. Auf Dauer kann dieses Muster psychisch anstrengend werden, weil der innere Kompass leiser wird und die Erschöpfung zunimmt.

Andere Menschen hingegen regulieren sich eher über Distanz: Sie halten Nähe nur so weit aus, wie sie Kontrolle über die eigene Autonomie spüren. Beide Muster sind nicht „richtig“ oder „falsch“, sondern Ausdruck unterschiedlicher Wege, Sicherheit herzustellen.

Mehr emotionale Stabilität, weniger „Verschmelzungstendenzen“

Wissenschaftlich gut belegt ist, dass Beziehungen langfristig stabiler sind, wenn autonome und verbindende Anteile nebeneinander bestehen dürfen. Das heißt: Es scheint hilfreich zu sein, wenn beide Partner sowohl gemeinsam als auch getrennt voneinander Lebensbereiche haben, die ihnen Energie geben. Paare, die diese Balance finden, berichten in Studien häufiger von Zufriedenheit, emotionaler Stabilität und weniger „Verschmelzungstendenzen“, die später zu Belastungen führen können.

Für Sie könnte es sinnvoll sein, zunächst sehr kleine Schritte zu wählen, um den Kontakt zu Ihren eigenen Bedürfnissen wieder zu stärken. Das müssen keine großen Veränderungen sein. Oft reichen schon kurze, regelmäßige Zeiten, die bewusst nur Ihnen gehören: ein Spaziergang, ein Hobby, eine Phase der Ruhe ohne soziale Ansprüche. Solche Inseln der Eigenständigkeit können hilfreich sein, weil sie das Gefühl von innerer Stabilität fördern. Viele Menschen berichten, dass sich dadurch auch ihre Beziehungsfähigkeit verbessert, weil sie emotional ausgeglichener und weniger abhängig von der Reaktion des Partners sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kommunikation. Studien zeigen, dass Paare, die über innere Zustände sprechen, Missverständnisse seltener erleben und Konflikte frühzeitiger entschärfen. Eine vorsichtige, nicht vorwurfsvolle Formulierung kann dabei hilfreich sein. Zum Beispiel: „Ich merke, dass ich mich in Beziehungen manchmal zu sehr anpasse und dadurch den Kontakt zu mir verliere. Ich möchte etwas mehr Raum für mich schaffen, nicht, um mich zu entfernen, sondern um mich besser zu spüren.“ Solche Ich-Botschaften schaffen Klarheit, ohne Druck aufzubauen, und ermöglichen es dem Partner, diese Bewegung besser zu verstehen.

Letztlich deuten viele Forschungsergebnisse auch darauf hin, dass Nähe dann am zuverlässigsten entsteht, wenn beide Partner sich auch als eigenständige Personen erleben dürfen. Sich selbst wieder stärker wahrzunehmen, bedeutet also nicht, die Beziehung zu gefährden. Im Gegenteil: Oft entsteht gerade daraus eine ruhigere, stabilere Form von Verbundenheit. Wenn Sie behutsam Raum für sich schaffen und zugleich den Austausch suchen, kann sich die Beziehung nicht nur halten, sondern langfristig sogar robuster werden.


Zur Kolumne und Leserfragen

Unser Team von Expertinnen und Experten beantwortet Ihre Fragen in der Zeitung: die Psychotherapeuten Carolina Gerstenberg und Daniel Wagner, die Diplom-Psychologinnen Elisabeth Raffauf und Katharina Grünewald, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Sandra Vohl, Sexualberaterin Gitta Arntzen sowie der Urologe Volker Wittkamp. Ihre Zuschriften werden anonymisiert weitergegeben. Schicken Sie Ihre Frage an: in-sachen-liebe@dumont.de