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Kölner Paartherapeuten im Gespräch„Eine Beziehung ist ein sehr anspruchsvolles Experiment“

6 min
Thomas Hallet & Dagmar Kieselbach

Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet

Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet und beraten Paare in schwierigen Zeiten. Ihr Buch „Should I Stay or Should I Go?“ in der Workstage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor.

Frau Kieselbach, Herr Hallet, Sie sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet. Wie oft haben Sie sich denn in dieser Zeit die Frage gestellt, die Sie im Titel Ihres Buches stellen: Should I stay or should I go?

Thomas Hallet: Vielleicht nicht so konkret und in der Formulierung schon gar nicht, aber das Gefühl, irgendwie läuft es nicht so rund und die Stimmung könnte besser sein, tauchte schon mal auf.

Ich habe Ihr Buch auch als Plädoyer gelesen, diese Frage ruhig mal zuzulassen und nicht gleich zu denken, man müsse sich trennen, sobald man sie sich stellt.

Dagmar Kieselbach: Genau. Es ist wichtig, dass man darüber redet. Die Frage ist nicht gefährlich, sondern sie ist im besten Fall sogar eine Chance für eine Verbesserung.

Hallet: Das Buch ist eine Ermunterung, ein bisschen konsequenter zu gucken, was gut funktioniert und was nicht. Wir schreiben ja auch: Gehen zu können, ist der beste Grund, um zu bleiben.

Sie machen die Paarberatungen gemeinsam. Welche Vorteile hat das?

Kieselbach: Oftmals steht vor einer ersten Paarberatung die Sorge, einer von beiden verbündet sich mit dem Therapeuten und dann sind es zwei gegen einen. Wenn wir zu zweit dort sitzen, können sich solche Fronten nicht aufbauen. Es ist auch nicht so, dass ich für die Frauen zuständig bin und Thomas für die Männer. Wir fahren beide unsere Antennen aus und der, der gerade nicht im Gespräch ist, bekommt Schwingungen nochmal anders mit.

Therapie und Beratung sind heute anerkannter als früher. Führt das dazu, dass Paare schon kommen, bevor die große Krise da ist?

Kieselbach: Leider nein. Die meisten Paare kommen in einer Krise. Aber viele Paare machen die Erfahrung, dass sie das so unterstützt, dass sie bleiben, auch wenn sie aus der Krise raus sind. Eine Paarberatung ist hilfreich, um auch vermeintliche Kleinigkeiten, die vielleicht im Moment nur nervig sind, aber groß werden könnten, frühzeitig wahrzunehmen.

Hallet: Eine Beratung kann eine Art Wellness-Behandlung für die Beziehung sein. Aber die Schwelle, in eine Beratung zu gehen, ist immer noch sehr hoch. Auch jüngere Paare kommen häufig erst, wenn es richtig schwierig ist. Da könnte man präventiv mehr machen. So wie es Geburtsvorbereitungskurse gibt, könnte man auch präventiv am Thema Beziehungsleben arbeiten.

Gibt es Muster bei den Paaren, die zu Ihnen kommen?

Kieselbach: Es gibt Streitmuster, die immer wiederkehren. Wir haben in den Jahren unserer Beratung gelernt, dass diese viel mit der familiären Prägung zu tun haben, mit der Geschichte, die jeder in seinem Rucksack mit sich herumträgt. Man kann sie nicht ändern, aber zuerst muss man sie verstehen. Wenn man etwas einfach nur fühlt, kann es zu großen Konflikten kommen.

Sie sagen: „Liebe ist kein Zustand, sondern eine Entscheidung.“ Haben wir ein überhöhtes Ideal von Beziehungen und glauben, alles müsse perfekt sein?

Hallet: Dieses romantische Ideal einer Beziehung wird uns jeden Tag medial vorgehalten, in Serien, in Spielfilmen, bei Social Media. Überall begegnen wir diesem Klischee, dass sich zwei begegnen – und dann gibt es große Gefühle. Sie sind richtig füreinander und bleiben für immer glücklich, zufrieden und leidenschaftlich.

Kieselbach: Und gleichzeitig sind sie auch beste Freunde, gute Eltern und auch noch gute erwachsene Kinder. Die Erwartung ist einfach riesengroß. Die Wahrheit ist: Der Alltag ist manchmal langweilig, öde, ärgerlich, anstrengend. Das bleibt nicht aus, wenn man lange zusammen ist.

Es gibt zwei Fragen, die die meisten Leute nach Ihrer Erfahrung umtreiben: Wie können wir in Streitsituationen besser miteinander umgehen? Und daran anschließend: Wie können wir besser kommunizieren? Warum fällt uns das gerade bei Menschen, die uns besonders nah sind, oft besonders schwer?

Hallet: Ich glaube, wir sind alle Experten darin, die andere Person mit einem Vorwurf zu konfrontieren. Das geht sehr schnell. Das sind eingeübte Gedankengänge. Auf einmal ist der Vorwurf da, und er wird nicht mit Verständnis, Liebe oder einer Versöhnungsgeste beantwortet, sondern mit einem Gegenangriff. Dann entstehen große Verletzungen. Wir werben dafür, dass man sich in der Streitsituation sehr streng beobachtet und sich von dieser reflexhaften Art zurückzuschlagen distanziert. Wenn ein Paar es schafft, diese Schäden zu begrenzen, ist schon viel gewonnen.

Das romantische Ideal einer Beziehung wird uns jeden Tag medial vorgehalten, in Serien, in Spielfilmen, bei Social Media
Thomas Hallet

Kieselbach: Oft ist es auch so, dass Paare glauben, einander so gut zu kennen, dass sie die Antwort schon wissen. Dabei haben sie es gar nicht besprochen. Der wichtigste Hinweis ist da, dass man erst mal wieder lernt, zuzuhören, dass man Dinge bespricht und aushandelt. Das ist manchmal anstrengend, aber es ist sicherlich viel besser, als im eigenen Saft zu schmoren und schlechte Laune zu bekommen.

Hallet: Eine Beziehung ist ein sehr anspruchsvolles Experiment. Es ist die Entscheidung für eine Person, die immer auch – wie man selbst – eine sehr komplizierte Persönlichkeit ist. Partnerschaft ist eigentlich unmöglich, aber irgendwie geht es doch.

In der Theorie wissen fast alle, wie man streiten sollte – Ich-Botschaften verwenden, Verallgemeinerungen vermeiden. Warum fällt es uns in der Praxis so schwer?

Hallet: Es gab ein Paar, das bei uns saß und stumm geworden war miteinander. Wir haben gemutmaßt, dass die Frau nicht mehr in der Lage war, über Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Wir haben sie ermuntert, sich zu äußern. Sie sagte, sie wünsche sich von ihrem Mann, dass er sie einfach mal fragt, wie es ihr geht. Das zu äußern, war für sie ein Erfolgserlebnis.

Kieselbach: Wir denken oft, jeder weiß, dass man Ich-Botschaften und Wünsche und keine Forderungen äußern soll. Das stimmt aber nicht. Es gibt viele, die sich damit noch gar nicht auseinandergesetzt haben und für die es wirklich neu ist, sich Dinge zu wünschen und nicht zu fordern oder einfach bei sich zu bleiben. Wir merken aber, dass man das üben kann.

Hallet: Ich glaube, dass gerade Männer ein hohes Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis haben. Und über Gefühle zu sprechen bedeutet, dass man sich auf unsicheres Terrain begibt, sich mit Unsicherheiten zeigt, die man nicht selbst auflösen kann. Aber in einer Beziehung geht es darum, sich zu öffnen, ohne die Sorge zu haben, dass eine Schwäche oder eine Nachlässigkeit zu einem Vorwurf wird.

Sie empfehlen, sich einmal in der Woche zusammenzusetzen und zu kommunizieren. Eine Viertelstunde sei oft schon ausreichend. Das heißt, Sie erleben Paare, die über organisatorische Absprachen hinaus gar nicht miteinander kommunizieren?

Kieselbach: Ja. Wir erleben viele Paare, die sagen, dass sie bei uns das erste Mal wieder ins Gespräch gekommen sind. Dazu reicht es oft, wenn man sich zehn Minuten oder eine Viertelstunde wirklich Zeit nimmt und über das eigene Innere spricht. Der Partner soll nur zuhören, mitfühlen, ohne direkt Lösungsvorschläge zu präsentieren. Und dann lässt man es 24 Stunden stehen und schaut, was passiert. Da kann wieder große Nähe entstehen, auch nach vielen, vielen Jahren Beziehung.

Affären, Sie nennen sie Außenbeziehungen, sind oft der Auslöser für große Krisen. Viele Menschen sagen: Wenn mein Partner, meine Partnerin einmal fremdgeht, ist es vorbei. Sie haben eine etwas andere Haltung, oder?

Hallet: Es gibt viele Paare, denen das passiert. Und manche sagen, das ist unverzeihlich. Die Paare, die zu uns kommen, haben einen konstruktiveren Ansatz. Sie stellen Fragen: Warum ist das passiert? Können wir das reparieren? Das war ein tiefer Einschnitt. Aber jetzt sind wir hier und gucken, ob es wieder besser werden kann. Es ist ein neues Kapitel, das die beiden aufschlagen möchten. Vorher müssen wir aber über diesen großen Schmerz sprechen, den der oder die Verratene erlebt hat. Es dauert Monate, manchmal Jahre, das zu verarbeiten.

Kieselbach: Das kostet Zeit und Kraft. Aber wir haben schon viele Paare begleitet, die sagen: Wir haben es gut genutzt, um etwas ganz neu zu gestalten in unserer Partnerschaft, was vielleicht sonst gar nicht passiert wäre.

Mein Eindruck nach der Lektüre Ihres Buches ist, dass Sie einerseits Paaren Mut machen wollen, das Gespräch zu suchen, Sie aber andererseits sagen, Trennung ist auch eine Option.

Kieselbach: Ich freue mich, dass Sie das so gelesen haben. Genau das ist es. Wir sind ja selbst lange zusammen. Wir sind Fans von Langzeitbeziehungen, weil sie so viel Schönes mit sich bringen: eine Vertrautheit und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, auch die Sicherheit im Älterwerden. Aber wenn man unglücklich ist oder die ganze Zeit hadert, ist eine Trennung auf jeden Fall eine Option.


Am Dienstag, 24. Februar, um 20 Uhr lädt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu einer unterhaltsamen Buchpräsentation von „Should I Stay or Should I Go?“ ein. Die Autoren Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet, beide erfahrene Paartherapeuten aus Köln, stellen ihr neues Buch vor – einen ehrlichen, praxisnahen und zugleich ermutigenden Wegweiser für alle, die ihre Beziehung besser verstehen und bewusst gestalten möchten.

Es moderiert Anne Burgmer, Kulturchefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Im Anschluss an den Talk gibt es Raum für Fragen und für den Austausch mit den Autoren. Mit Buchverkauf und Signiermöglichkeit. Der Abend findet statt in der Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Freie Platzwahl.

Kostenlose Parkplätze am Veranstaltungsort sind vorhanden, außerdem ist die Workstage gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar (Linie 13/16, Haltestelle Amsterdamer Straße/Gürtel). Tickets für 15 Euro (zzgl. VVK) gibt es hier oder unter rausgegangen.de.