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Mediziner im Interview„Wasserfasten ist der schnellste und günstigste Gesundheitsbooster“

6 min
Eine Tasse Kräutertee steht auf einem Tisch.

Wasser und Kräutertee sind während der Fastenphase erlaubt.

Prof. Dr. Peter Schwarz erklärt in seinem neuen Buch, warum es keinen schnelleren Weg gibt, Leberfett loszuwerden und entzündliche Krankheiten zu besiegen.

Prof. Dr. Peter Schwarz hat gerade das Buch „Wasserfasten. Diabetes und andere entzündliche Krankheiten in nur 14 Tagen besiegen“ (DuMont Buchverlag) veröffentlicht. Peter Schwarz ist Leiter der Abteilung Prävention am Dresdner Universitätsklinikum. Als Präsident des Internationalen Diabetes-Verbandes vertritt er 256 Diabetes-Gesellschaften weltweit und mehr als 600 Millionen Menschen mit Diabetes. Seit Jahren sucht er nach Methoden, um chronische Krankheiten zu heilen. Ein Zufall brachte ihn zum Fasten: Seitdem schwört er auf die heilende Wirkung davon, zwei Wochen lang nur Wasser und Tee zu trinken. Ein Interview.

Sie standen als Arzt dem Wasserfasten lange sehr skeptisch gegenüber – bis Sie einen ganz besonderen Patienten kennenlernten.

Genauso war das. Ich habe das Fasten einfach ignoriert, das war für mich die naturheilkundliche Schmuddelecke. Aber ich bin Wissenschaftler und immer offen für Neues: Dann kam dieser Patient: Er war adipös und hatte vor sechs Monaten noch massiv Leberfett, das plötzlich weg war. Ich dachte, das MRT-Gerät sei kaputt, rief den Techniker an, aber der sagte: „Haben Sie den Patienten gefragt, ob er gefastet hat?“ Hatte er tatsächlich. Ich blieb skeptisch, fragte andere Studienzentren, und alle hatten ähnliche Fälle. Aber keiner sprach darüber.

Weil Fasten in der Schulmedizin keine Rolle spielt?

Richtig. Das Erstaunliche ist: Fasten war vor 130, 150 Jahren in Deutschland noch selbstverständlich. Nach dem Dritten Reich kam dann die pharmazeutische Fortschrittsgläubigkeit: Für alles gibt es eine Pille. Dazu kommt: Mit Fasten verdient niemand Geld. Wir Mediziner haben das auch nie gelernt – es war nicht im Curriculum. Ich habe mich dem Fasten dann sehr ausführlich gewidmet und verstanden: Wasserfasten ist die einzige Methode, Leberfett zu beseitigen. Das ist für evidenzbasierte Medizin.

Warum ist Leberfett so gefährlich?

Leberfett ist die Hauptursache vieler chronischer Erkrankungen. Wenn man Leberfett ansammelt, lagert sich auch Fett in der Bauchspeicheldrüse ab. Beide zusammen verändern den Stoffwechsel so, dass das, was man isst, direkt ins Fett wandert, statt in Energie. Dreißig Jahre, bevor jemand Diabetes bekommt, beginnt diese Fettansammlung – im Gehirn, im Herzen, überall. Das ist wie eine stille Entzündung. Daraus entstehen Krankheiten wie Rheuma, Depression, Demenz, Diabetes, Bluthochdruck. Dazu kommt: Selbst, wenn man Sport treibt oder sich gesund ernährt, reagiert der Körper oft gar nicht mehr.

Peter Schwarz

Professor Peter Schwarz sagt, dass zwei Wochen Wasserfasten Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck heilen können.

Warum?

Weil das Leberfett den Stoffwechsel blockiert. Das Bauchfett kriegen Sie nur durch Bewegung weg, aber wenn gleichzeitig Leberfett da ist, funktioniert das nicht mehr. Sie stecken im Teufelskreis, den keine Spritze durchbricht – nur das Wasserfasten.

Was heißt das genau: Der Körper reagiert nicht mehr auf Sport?

Schon 100 Gramm Leberfett machen Sie zum sogenannten Non-Responder für Bewegung: 10.000 Schritte wirken dann nur noch wie 2.000.

Adipöse Menschen haben sehr häufig größere Mengen Leberfett – wie sieht das bei schlanken Menschen aus?

Die kann es genauso treffen. Alkohol, Eistee, Energy-Drinks, Zucker, Pommes Frites und andere hochverarbeitete Lebensmittel essen und trinken auch schon sehr junge, schlanke Menschen. Das alle fördert Leberfett.

Viele wissen gar nichts über den Zustand ihrer Leber oder ob sie Leberfett haben. Die Leber schmerzt ja nicht. Sollte jeder seine Leber untersuchen lassen, um herauszufinden, ob für ihn Wasserfasten sinnvoll ist?

Nein. Es gibt Stand heute nur die MRT-Spektroskopie – die ist teuer und selten. Auch kein Bluttest kann das bisher zeigen. Aber epidemiologische Daten sagen: Über 70 Prozent der Erwachsenen haben verfettete Lebern; mit Bluthochdruck sind es 90 Prozent. Das betrifft uns also fast alle. Jeder über 30 kann Wasserfasten machen, um vorzubeugen. Selbst, wer kein Leberfett hat, profitiert vom Wasserfasten.

Wieso?

Weil dabei Autophagie, eine Selbstreinigung der Zellen. Das ist wie ein Reset für den Stoffwechsel und das Mikrobiom. Wir haben festgestellt, dass 37 Prozent aller Supermarktprodukte gesundheitsschädlich sind, beispielweise weil sie Zuckerersatzstoffe enthalten. Viele glauben, sie essen gesund, dabei verfetten sie die Leber. Das Problem wird größer durch verarbeitete Lebensmittel: Besonders in Fett frittierte Kohlenhydrate – Pommes, Schnitzel, Streetfood – verursachen Verbindungen, die der Körper kaum abbauen kann. Kocht man dieselben Lebensmittel oder bereitet sie im Airfryer fettfrei zu, sind sie viel gesünder.

Was genau passiert beim Wasserfasten?

Wasserfasten ist der schnellste und günstigste Gesundheitsbooster, weil das Leber- und Pankreasfett verschwindet. Ab Tag vier oder fünf baut der Körper täglich 15 bis 25 Gramm Leberfett ab. Am Ende ist es simpel: Nicht essen lässt die Ursachen vieler Entzündungen verschwinden.

Viele haben davor Angst, zwei Wochen nichts zu essen, nur Tee und Wasser zu trinken. Sie selbst haben schon 17-mal gefastet. Wie überzeugen Sie Ihre Patienten?

Ein Patient fragte mich: „Was muss ich tun, um meinen Diabetes loszuwerden?“ Ich antwortete: Drei Jahre gesund essen, zwei Jahre täglich 10.000 Schritte machen – oder zwei Wochen Wasserfasten. Er wählte das Fasten, und der Diabetes war weg. Ist das nicht absolut wert, es auszuprobieren – möglichst, bevor man einen Diabetes entwickelt? Für viele ist entscheidend, dass das Fasten so schnell geht. Andere freuen sich, dass sie währenddessen keine Medikamente nehmen müssen.

Hat das Fasten weitere Vorteile?

Sie ziehen das durch, der Erfolg ist ihrer, nicht der des Arztes. Sie merken: Ich kann das für mich erreichen. Das ist viel wert – und der Einstieg in einen gesunden Lebensstil. Und viele sagen danach: „Ich schmecke alles viel intensiver.“ Feinschmecker berichten, das sei die beste Erfahrung überhaupt. Zwei Wochen nichts zu essen ist einfacher als zwei Jahre Ernährungsumstellung.

Was ist die häufigste Frage, die Sie gestellt bekommen, wenn Sie sagen, dass Sie zweiwöchiges Wasserfasten empfehlen?

Häufig höre ich diese Reaktion: „Oh Gott, das geht doch gar nicht. Zwei Wochen nichts essen? Da sterbe ich doch.“ Unser Gehirn spielt uns sofort einen Streich und sagt: Das ist unmöglich. Dabei ist es kein Problem für den Körper. Verhungern tut man keinesfalls.

Sie haben schon Tausende Menschen beim Wasserfasten begleitet. Wie viele halten es durch?

Die meisten. Wenn sie die ersten drei, vier Tage überstanden haben, schaffen es fast alle. Abbrüche gibt es unter fünf Prozent. Je übergewichtiger jemand ist, desto besser funktioniert es. Warum, wissen wir nicht genau – aber es klappt.

Aber hat man nicht Mordshunger?

Nein. Am ersten Tag nehmen Sie Glaubersalz zu sich. Nach dem Abführen bewegt sich der Darm nicht mehr, die Hungerhormone werden nicht ausgeschüttet. Man hat keinen Appetit. Viele kochen für die Familie, riechen das Essen und sagen: „Ich weiß, es riecht gut, aber ich kann das in zehn Tagen wieder essen.“

Sollte man ohne ärztliche Begleitung fasten?

Wenn man gesund ist, sehe ich kein Problem. Mein Buch soll Mut machen, es selbst zu versuchen. Wer Medikamente nimmt, sollte das mit einem Arzt absprechen. Besonders bei Diabetes- oder Blutdruckmitteln: Leider gibt es kaum erfahrene Ärzte dafür. Deswegen bauen wir gerade ein Ärztenetzwerk auf. Erfreulicherweise wächst die Resonanz: Nach meinen Vorträgen kommen Ärzte zu mir und sagen: „Ich traue mich noch nicht, das Patienten zu empfehlen – aber ich habe es selbst gemacht.“ Im nächsten Jahr erscheint eine internationale Leitlinie zum Fasten bei Diabetes. Dann wird es verbindlich. Dann werden wir Ärzte darin ausbilden.

Kann man auch mit 75 noch fasten?

Klar. Wer fit ist, profitiert auch im Alter davon.

Was muss man beim Fasten beachten?

Wichtig ist Bewegung, damit keine Muskeln verloren gehen. 10.000 Schritte jeden Tag in den zwei Wochen: Das ist meine Bedingung.

Sollte man fürs Fasten Urlaub nehmen?

Nein, das geht auch im Beruf. Vielleicht sollte es nicht gerade die stressigste Phase sein.

Im Buch räumen Sie aber ein, dass Ihre Frau während Ihrer Fastenphasen lieber in Urlaub fährt – weil Ihre Laune nicht die allerbeste ist.

Fasten ist anstrengend, das will ich gar nicht beschönigen. Das ist wie ein Aufstieg auf den Kilimandscharo – körperlich herausfordernd. Man ist langsamer, vielleicht etwas mürrischer. Aber das nehme ich für meine Gesundheit gerne in Kauf.


Peter Schwarz live in Köln im Medizin-Talk

Die Kölner Buchpremiere findet am 16. März um 19.30 Uhr in der Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger statt. Peter Schwarz wird an dem Abend ausführlich erklären, warum unser Körper aus evolutionärer Sicht regelmäßige Hungerphasen braucht, welche tiefgreifenden Veränderungen während des Fastens stattfinden und weshalb Intervallfasten und andere verkürzte Methoden das Leberfett nur unzureichend abbauen. Schwarz erläutert außerdem, worauf Frauen besonders achten sollten und wie man die zwei Wochen erfolgreich durchhält, um die innere Reset-Taste des Stoffwechsels zu aktivieren.

Nach Vortrag und Gespräch besteht für das Publikum die Möglichkeit, Fragen an den Experten zu stellen. Außerdem kann das Buch vor Ort gekauft werden. Moderiert wird die Veranstaltung von Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadt Anzeiger“. Die Tickets kosten 14 Euro (zggl. VVK) und können bei rausgegangen.de gekauft werden. Freie Platzwahl.