Wer Freundschaften hat, ist glücklicher, gesünder und lebt länger. Immer mehr Menschen fehlen echte Verbindungen. Wie gelingen erfüllende Freundschaften?
Weniger einsam„Ohne Zugang zum eigenen Leben bleiben Freundschaften langweilig“

Einfacher als viele denken: Auf andere zuzugehen ist der erste Schritt zu einem gesünderen und glücklicheren Leben. RND
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Seit ein paar Jahren sieht Wolfgang Krüger es zunehmend häufiger in seiner Psychotherapie-Praxis in Berlin-Charlottenburg: Menschen, die wegen Schlafstörungen, Unsicherheit oder akuten Lebenskrisen Hilfe bei ihm suchen, haben immer seltener ein stabiles, soziales Netz. „Die wenigen Freundschaften, die Menschen haben, sind zu wenig verlässlich“, sagt Krüger, der seit 40 Jahren als Psychotherapeut praktiziert. „Und viele schaffen es immer seltener, ihren Freundeskreis zu erweitern und neue Freundschaften zu schließen.“
Das Problem, das Krüger in seiner Praxis sieht und über das er das Buch „Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten“ geschrieben hat, ist ein gesamtgesellschaftliches. Jeder sechste Mensch weltweit ist laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Einsamkeit betroffen, bei den jungen Menschen ist es sogar jeder vierte. Soziale Isolation erhöht das Risiko von Herzinfarkten, Diabetes, Depression, Angst und Suizid – und trägt laut WHO so zu mehr als 871.000 Todesfällen jedes Jahr bei.
Wer erfüllende soziale Kontakte hat, kann damit dagegen sogar das Leben verlängern. Elterliche Wärme in der Kindheit, Freundschaften oder gesellschaftliches Engagement kann laut einer US-Studie die biologischen Alterungsprozesse verlangsamen. Die sozialen Vorteile scheinen sogar die „epigenetische Uhr“ zurückzudrehen, also sie verjüngen das biologische Alter einer Person, so die Forschenden.
Krisenstimmung – nicht nur gesellschaftlich
Wieso fällt es so schwer, ein soziales Netz aufzubauen? Krüger sieht in der gesellschaftlichen Stimmung eine zentrale Ursache. „Wir leben in einer verunsichernden Zeit und sind weit davon entfernt, die Probleme unserer Zeit –Klimawandel, Kriege, Armut – zu lösen“, sagt er. „Diese resignative Stimmung wirkt sich insgesamt dämpfend auf unser Leben aus. Es gibt einen Trend, Freundschaften weniger wichtig zu nehmen, und sich zurückzuziehen.“
Vor einigen Jahrzehnten sei das anders gewesen. „Man hat unbekümmerter Kontakt hergestellt und ausprobiert“, sagt Krüger. „Es dauerte oft nicht lang, da saß man zusammen bei Schmalzstullen und Lambrusco.“ Was der Psychotherapeut beschreibt, ist auch historisch zu verstehen: Die Unbekümmertheit der Siebzigerjahre als Befreiung von einer vorsichtigen Stimmung der Nachkriegszeit. „Der Leitspruch meiner Eltern war: Was sagen die Nachbarn?“, sagt Krüger. „Aktuell fallen wir in diese alten Zeiten von Vorsicht, den anderen als möglichen Feind erlebend, zurück. Das beunruhigt mich zutiefst, denn wir können unsere Probleme nur gemeinsam lösen.“
Welche Wege führen raus aus der Isolation? Den Menschen, die zu ihm kommen, rät Krüger, gezielt ihre Selbstachtung zu stärken. Etwa indem sie drei positive Eigenschaften von sich aufschreiben oder andere fragen, warum sie gemocht werden. „Wenn man das Gefühl hätte, das man für den anderen eine Bereicherung ist, würde man öfter Kontakt herstellen“, sagt er. „Die meisten glauben aber, dass sie ein Störfaktor sind.“ Auch sei es wichtig, eigene Erfahrungen zu reflektieren, um sich selbst und andere besser zu verstehen. „Wenn die Bindungserfahrungen in der Kindheit bedrückend waren, bin ich auch heute noch anderen gegenüber immer etwas reservierter.“
Auf den Punkt
Digital ist es leichter für Ängstliche
Haben sich Freundschaften im digitalen Zeitalter verändert? Nach Einschätzung von Anna Schneider nein. Die Professorin für Wirtschaftspsychologie forscht an der Hochschule Trier. „Vertrauen und das Gefühl, füreinander da zu sein, sind weiterhin zentral für Freundschaften“, sagt Schneider. Verändert habe sich die Art zu kommunizieren. „Durch digitale Medien können wir auch über große Entfernungen Kontakte aufrechterhalten und Menschen mit ähnlichen Interessen finden“, sagt Schneider.
Soziale Netzwerke hätten sowohl positive als auch negative Effekte. „Die Erfolgsmodelle von Freundschaften, die bei Instagram und Co. präsentiert werden, können auch die Angst zu scheitern, schüren“, sagt Schneider. Wenn man einsam sei, könne man zudem leicht einen negativen Wahrnehmungsstil entwickeln und sei empfindlicher für Anzeichen von Ablehnung.
Wer durch den Feed scrollt und das Leben anderer bloß passiv konsumiere, steigere damit sein Einsamkeitsgefühl noch. „Wenn man aber hier aktiv kommuniziert, verringert es das Gefühl der Isolation“, sagt die Wirtschaftspsychologin. Auch böten digitale Kommunikationskanäle sozial ängstlicheren Menschen die Möglichkeit, sich erst mal auszuprobieren – ohne die Angst, vor aller Augen zu scheitern. „Das kann dazu führen, dass man auch im analogen Leben mutiger wird.“
Freundschaften brauchen Ausdauer
Auf andere zuzugehen, ist einfacher als viele denken, findet Krüger. „Zu sagen ‚Das Wetter ist besser geworden, als man heute früh dachte‘ reicht oft schon“, sagt er. Es brauche keine Riesenprogramme, nur eine gewisse „Ausdauer und Unbekümmertheit“. Denn wirklich enge Freundschaften bräuchten etwa 20 Versuche. „Wir suchen jemanden, der einen ähnlichen Humor hat, ähnliche Werte, Themen und ähnlich Nähe gestaltet – in Herzensfreundschaften sind wir sogar anspruchsvoller als in der Partnerschaft.“
Wie eng der Kontakt dann wird, entscheide sich bei den ersten Treffen. „Man bietet dem anderen Spielmaterial, erzählt Dinge, die persönlich sind, aber nicht so richtig“, sagt Krüger. „Dass man spät ist mit der Steuererklärung etwa – und dann schaut man, wie der andere reagiert.“ So ergebe sich ganz natürlich Gemeinsames und Trennendes. „Wenn der andere eher schwermütig ist, während man selbst heiter aufs Leben blickt, stuft man den anderen subtil herab“, sagt der Psychotherapeut.
Enge Freundschaften habe man aber eh nicht mehr als drei. „Für Herzensfreundschaften gilt, dass man über nahezu alles reden kann, sich auf den anderen absolut verlassen kann und man sich verstanden fühlt“, sagt Krüger. Die „Alltagsfreundschaften” erkenne man etwa auch daran, dass man auf die Frage „Wie geht‘s?“ sofort mit „gut“ antworte.
Risikobereitschaft stärken
Wie aber gestaltet man Freundschaften so, dass sie erfüllend sind? „Das Geheimnis von Freundschaften ist ein großes Interesse daran, wie es dem anderen geht“, sagt Krüger. Dafür müsse man sich selbst besser verstehen. „Was sind meine Hoffnungen, was sind meine Ängste? Das zu wissen, ist der Resonanzboden dafür, wie interessant meine Fragen sind“, sagt Krüger. „Wenn man keinen Zugang zum eigenen Leben hat, werden Freundschaften immer langweilig bleiben.“ Dann rede nur über Oberflächlichkeiten – Wetter, Geld, Reisen –, aber nicht über die entscheidenden Lebensfragen.
Die größte Gefahr sei aber, dass Freundschaften nebensächlich werden. „Freundschaften sind manchmal nicht so spektakulär oder drängend wie Partnerschaften“ , sagt Krüger. Gerade wenn die Kinder klein seien oder die Karriere wichtig, würden Freundschaften hinten runterfallen. Anfang 20 habe man so die meisten Freundschaften, im mittleren Alter weniger – bis dann ab 45 Jahren Freundschaften wieder wichtiger werden.
Später verändere sich der Blick auf Freundschaften aber oft wieder. „Je älter man wird und je krisenhafter die Zeit, desto mehr steigt das Sicherheitsbedürfnis“, sagt Krüger. Wer auf Sicherheit setzt, bricht aber auch schneller Kontakte ab. Es sei wichtig, sich selbst immer wieder daran zu erinnern, nicht zu kritisch auf Freundschaften zu schauen – besonders in Krisenzeiten wie jetzt.

