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Digitale GewaltEuskirchener Frauenberatungsstelle sieht dringenden Handlungsbedarf

7 min
Demonstranten halten Plakate hoch, auf denen unter anderem steht "Danke Collien" oder "Konsequenzen jetzt".

Auch in Köln gingen viele Menschen auf die Straße als Reaktion auf den Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen.

Cyberstalking, Deepfake-Pornografie und Fake-Profile - in der Einrichtung des Vereins Frauen helfen Frauen gehören sie zum Beratungsalltag.

„Diesen Jahresbericht widmen wir dem Thema ,Digitale Gewalt’ – einer Form der Gewalt, die kontinuierlich zunimmt und neue Herausforderungen an Beratung, Schutz und Unterstützung stellt“, heißt es im Vorwort der jährlichen Rückschau der Frauenberatungsstelle in Euskirchen.

Was die Mitarbeiterinnen noch nicht wussten, als sie den Bericht in den Druck gaben: Nur kurze Zeit später war der Begriff der digitalen Gewalt plötzlich in aller Munde und tauchte in sämtlichen Zeitungen, Zeitschriften und Talkrunden im Land auf. Den Anlass dazu hatte Schauspielerin Collien Fernandes geliefert, die schon lange öffentlich gegen sexualisierte Gewalt im Internet kämpft. Sie machte Vorwürfe gegen ihren Exmann Christian Ulmen öffentlich, wonach dieser im Internet Fake-Profile von Fernandes erstellt und pornografische Darstellungen verbreitet haben soll.

Digitale sexuelle Gewalt ist für Schüler keine Seltenheit

Für Elena Fastabend und Johanna Nientiedt gehört digitale Gewalt in all ihren Auswüchsen zum Berufsalltag. Die beiden Sozialarbeiterinnen gehören zum Team der Frauenberatungsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen.

Gemeinsam machen sie auch Präventionsarbeit in Schulen, und bereits hier zeige sich, dass digitale sexuelle Gewalt keine Seltenheit ist. Zum einen gibt es Grooming-Strategien, bei denen Erwachsene über das Internet Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen aufbauen – zur Vorbereitung von sexuellem Missbrauch. „Wir fragen in den Klassen anonym ab, wer sowas kennt. Und da gibt es schon einen sehr hohen Anteil“, so Elena Fastabend.

Dreiviertel der Jugendlichen einer Klasse haben schon Dickpics erhalten

Kollegin Johanna Nientiedt erklärt, wie genau eine solche anonyme Abfrage in achten oder neunten Klassen aussehen kann: „Die Schülerinnen und Schüler stehen im Kreis, mit dem Rücken nach außen. Sie können dann auf die Fragen mit einem Daumen hoch oder runter hinter dem Rücken zustimmen oder verneinen. Wir zählen die Antworten und teilen das Ergebnis mit, so dass die Schülerinnen und Schüler eine Idee davon kriegen, nicht allein zu sein mit solchen Erfahrungen.“

Auf die Frage, wer schon mal ein Dickpick (Penisbild) erhalten habe, obwohl man das nicht wollte, würden meist dreiviertel der Klasse mit Ja stimmen. Die Mehrheit davon seien Mädchen. Erschreckend hierbei sei, dass viele der Jugendlichen eher gelassen reagieren. So, als ob es ganz normal sei, als ob es einfach dazu gehöre, wenn man im Internet unterwegs ist.

Sexualisierte Profile auf Dating-Plattformen erstellt

Die Möglichkeiten, im Netz anonym digitale Gewalt in vielfältigen Facetten auszuüben, erleichtern Grenzverletzungen aller Art. Digitale Schutzmechanismen sind unzureichend, manchmal gar nicht vorhanden. Sehr einfach ist es beispielsweise, Fake-Accounts auf Social-Media-Plattformen zu erstellen und so Identitätsdiebstahl zu begehen.

Fastabend erinnert sich an eine Frau, die davon berichtete, dass jemand immer neue, sehr sexualisierte Profile von ihr auf Dating-Plattformen erstellt habe, mit echten Fotografien von ihr. Schnell gehe so etwas in der Schule, im Familien- oder Kollegenkreis herum. Für die Betroffenen eine sehr belastende Angelegenheit.

Auch Cyberstalking spielt immer wieder eine Rolle

„Was wir natürlich hier auch kennen, ist Cyberstalking“, sagt Elena Fastabend. Oft wüssten die Betroffenen nicht sicher, wer dahintersteckt. Die Vermutung, dass es Ex-Partner seien, liege jedoch auf der Hand. Beweisen lasse sich das aber nur selten.

Cyberstalking steht für die andauernde digitale Verfolgung, für Kontrolle, Belästigung und Einschüchterung von Betroffenen. Dazu gehören das Ausspähen von Accounts, das Mitlesen von Nachrichten, das Überwachen über Kameras im häuslichen Umfeld. Auch Spy-Software auf digitalen Geräten, die Standortverfolgung über das Handy oder mit Bluetooth-Trackern, kaum größer als eine Münze und deshalb nur schwer zu entdecken, kämen zum Einsatz.

Das ist wirklich unglaublich belastend, auch weil das Digitale so ungefiltert überall hinkommt – bis nach Hause, bis ins eigene Bett.
Johanna Nientiedt von der Frauenberatungsstelle

Cyberstalking führe bei den Opfern oft dazu, dass sie den absoluten Kontrollverlust verspüren, so Johanna Nientiedt: „Das ist wirklich unglaublich belastend, auch weil das Digitale so ungefiltert überall hinkommt – bis nach Hause, bis ins eigene Bett. Da ist einfach kein sicherer Ort mehr. Das Digitale löst das einfach auf.“ Fachlich spreche man in solchen Fällen von „bleibender Betroffenheit“, denn die Bilder oder Fake-Informationen können immer wieder im Internet aufploppen.

„Jederzeit kann jemand auf dich zukommen und sagen: Ich habe Bilder oder den Porno von dir gesehen. Das ist niemals weg, sondern es bleibt“, erklärt Elena Fastabend. Fakt ist: Was einmal im Internet ist, lässt sich oftmals nicht mehr vollständig löschen.

Die beiden Sozialarbeiterinnen sitzen an Schreibtischen vor den PCs.

Haben häufiger mit Fällen digitaler Gewalt zu tun: Elena Fastabend (hinten) und Johanna Nientiedt von der Frauenberatungsstelle.

Die psychischen und sozialen Folgen für Betroffene sind drastisch. Angst, Scham und das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben, führen zu Ohnmachtsgefühlen. Rückzug, Vermeidung, Schlaf- und Konzentrationsprobleme bis hin zu Depressionen sind nur einige der möglichen Auswirkungen. „Entscheidend ist ein früher Zugang zu Beratung, Unterstützung und sicheren Räumen, die Stabilisierung ermöglichen und Betroffenen helfen, ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen“, heißt es im Jahresbericht der Frauenberatungsstelle.

Schließlich geht es auch um die Frage, ob die Polizei eingeschaltet und Anzeige erstattet wird. Johanna Nientiedt: „Das wollen aber nur wenige. Die Betroffenen wollen einfach nur, dass es aufhört. Oder sie haben Sorge, dass die Anzeige dem Stalking noch mehr Aufwind gibt.“ Nicht verschweigen darf man, dass viele polizeiliche Ermittlungen im Sande verlaufen, denn herauszubekommen, wer hinter einem Fake-Profil steckt oder wer Urheber eines Deep-Fake-Pornos ist, bleibt schwierig.

Manchmal wird ein Näherungs- und Kontaktverbot verhängt

Doch was genau geschieht, wenn sich eine Frau hilfesuchend an die Beratungsstelle wendet? „Wir empfehlen, nicht auf die Nachrichten einzugehen, was vielen Betroffenen sehr, sehr schwerfällt. Jede Reaktion ist für den Täter ein Erfolg“, sagt Johanna Nientiedt. Dafür aber sollte alles dokumentiert werden.

Nummern und E-Mail-Adressen des Absenders sollte man blockieren, so dass möglichst wenig bei Betroffenen ankommen kann. „Und falls es doch eine Nachricht schafft durchzukommen, diese nicht zu lesen.“ Ist der Absender bekannt und sind die Inhalte bedrohlich, lässt sich über das Amtsgericht ein Näherungs- und Kontaktverbot erwirken.

„Generell empfehlen wir, das Stalking offenzumachen gegenüber dem sozialen Umfeld. Also der Familie, dem Freundkreis oder Kollegen zu erzählen, dass man gestalkt wird. Und es für den eigenen Schutz wichtig ist, keine Informationen herauszugeben“, so Nientiedt. In manchen Fällen, müsse man überlegen, ob Schlösser ausgetauscht, ein neues Handy angeschafft und eine neue Nummer beantragt werden sollte. „Die Betroffene muss erst einmal sehr viel leisten und aushalten, was sehr herausfordernd ist.“

„Dazu kommt, dass wir einfach keine gute Gesetzesgrundlage für digitale Gewalt haben“, meint Elena Fastabend. Erst jetzt justiere die Politik nach. Da müsse noch viel geschehen, sind sich die beiden Sozialarbeiterinnen einig.

Andere EU-Länder sind schon besser aufgestellt

Andere EU-Länder seien da weiter: In Spanien etwa gebe es Gerichte, die auf Gewalt gegen Frauen spezialisiert sind. „Es besteht dringender politischer Handlungsbedarf“, so der Jahresbericht der Beratungsstelle. Bestehende Angebote müssten gestärkt werden, auch um Kooperationen zwischen Beratungsstellen und IT-Dienstleistern zu ermöglichen. Immerhin: Die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung scheint geweckt. Dank Collien Fernandes.


Betroffene stärken und wieder  handlungsfähig machen

Digitale Gewalt ist ein gravierendes, aber statistisch schwer erfassbares Problem, das laut Bundeskriminalamt zu fast Zweidritteln Mädchen und Frauen betrifft. Vor allem im Bereich partnerschaftlicher Beziehungen, hier sind 88 Prozent der Betroffenen weiblich. Digitale Gewalt sei kein Randphänomen, sondern „Teil gesamtgesellschaftlicher Gewalt gegen Frauen“, heißt es im Jahresbericht der Frauenberatungsstelle Euskirchen. Sie erfordere mehr politische, rechtliche und präventive Maßnahmen.

Auch im Beratungsalltag der Euskirchener Einrichtung nimmt das Thema immer mehr Raum ein. Mädchen und Frauen, die digitale Gewalt erleben, finden hier Unterstützung und Rat. „Wir bieten entlastende Gespräche und Orientierung in einer oft überwältigenden Situation“, heißt es im Jahresbericht.

Gemeinsam mit den Betroffenen würden individuelle Strategien erarbeitet werden. Dazu gehören das Sichern von Beweisen sowie das Blockieren von Nutzern, das Anpassen von Privatsphäreneinstellungen und das Melden von Accounts. Auch werden die rechtlichen Möglichkeiten ausgelotet und gegebenenfalls an Polizei oder Anwältinnen weitervermittelt.

2025 gab es 933 Einzelberatungen, davon 101 zu sexualisierter Gewalt

„Unsere Arbeit umfasst auch Präventionsarbeit, wir machen Workshops an Schulen oder in Einrichtungen zum Thema sexualisierte digitale Gewalt“, heißt es im Jahresbericht. Ziel hierbei sei es, „Betroffene zu stärken, ihre Sicherheit zu erhöhen und ihnen das Gefühl zurückzugeben, nicht allein zu sein und handlungsfähig zu bleiben“.

Vergangenes Jahr fanden in der Beratungsstelle von Frauen helfen Frauen 933 Einzelberatungen statt: 101 davon zu sexualisierter Gewalt, 127 zu häuslicher Gewalt, 19 zu Stalking und 153 zu Trennung/Beziehungsproblemen, die übrigen zu anderen Themen.