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Seelische Nachsorge nach EinsätzenAuch die Helfer im Kreis Euskirchen benötigen mal Hilfe

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Das Bild zeigt die Feuerwehr aus Blankenheim in der Flutnacht. Das Wasser ist so stark gestiegen, dass die Straße nicht mehr passierbar ist.

Nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 stiegen die Fallzahlen des PSNV-E-Teams sprunghaft an.

Im Kreis Euskirchen sorgt das PSNV-E-Team seit 25 Jahren für die seelische Nachsorge von Einsatzkräften – Hilfe nach belastenden Einsätzen.

Wenn andere den Einsatzort verlassen, beginnt für sie die Arbeit. „Wir sind so etwas wie die seelische Nachsorge“, erklärt Rainer Brück, Kopf des PSNV-E-Teams im Kreis Euskirchen: „Unser Ziel ist, dass Einsatzkräfte nach belastenden Erlebnissen wieder in ihre Balance kommen – ohne Schuld, ohne Scham, ohne zu verdrängen.“ Die Abkürzung steht für Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte – ein Angebot, das es im Kreis Euskirchen schon seit ziemlich genau 25 Jahren gibt, aber das erst durch die Flutkatastrophe 2021 wirklich sichtbar wurde.

Früher sei die Arbeit maximal im Hintergrund verlaufen. „Da hieß es oft: Wir sind hart, wir stecken das schon weg. Da war die Nachsorge ein Schnaps mit den Kollegen, und dann ging es weiter“, sagt Kreisbrandmeister Peter Jonas: „Aber jeder hat seine Grenzen. Die PSNV-E sorgt dafür, dass niemand damit allein bleibt.“ Vor der Flut waren es laut Brück meist drei bis vier Einsätze im Jahr. „Das war überschaubar“, erinnert sich Brück: „Dann kam die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 – und plötzlich war alles anders.“

Nach der Flut wurden rund 700 Einsatzkräfte betreut

Allein in den ersten drei Wochen nach der Flut wurden rund 700 Einsatzkräfte betreut – Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Malteser, DLRG. Hilfe kam aus ganz Deutschland. „Wir mussten völlig neu denken“, sagt Brück: „Es gab nicht nur Erschöpfung oder Trauer. Viele fühlten sich ohnmächtig – sie hatten geholfen, aber das Ausmaß war zu groß. Manche haben erst Wochen später gemerkt, wie tief das sitzt.“

Seitdem hat sich das Team rund um die PSNV-E weiter professionalisiert. Das Team wurde ausgebaut, Strukturen geschaffen, Abläufe festgelegt. Heute gehören 26 Mitglieder dazu – aus allen Hilfsorganisationen. Fünf Mitglieder sind keine aktiven Einsatzkräfte, aber durch ihre Qualifikationen aus dem Team sind sie nicht wegzudenken. „Jede und jeder von uns ist selbst Einsatzkraft“, sagt Brück: „Das ist wichtig. Wer weiß, wie sich das Blaulichtleben anfühlt, kann auch auf Augenhöhe begleiten.“

Die Einsätze des Teams sind so unterschiedlich wie die Menschen

Die Einsätze des Teams sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie begleiten. Mal geht es um einen tragischen Verkehrsunfall, mal um den Todesfall eines Kindes, mal um scheinbar „kleine“ Dinge: ein Mann, der beim Hochwasser im Mechernicher Stadtgebiet im Jahr 2016 auch seine Fotoalben verliert – die letzten Erinnerungen an seine wenige Wochen zuvor gestorbene Ehefrau.

„Das war einer meiner prägendsten Einsätze“, sagt Nadja Züll, Feuerwehrfrau aus Mechernich und stellvertretende Leiterin des PSNV-E-Teams. „Der Mann stand weinend an der Kellertreppe. Nicht, weil das Wasser so hoch war, sondern weil seine Erinnerungen weg waren. Da habe ich ihm einfach gesagt: Setzen Sie Kaffee auf, wir fangen oben an. Das hat geholfen. Manchmal ist Tun die beste Medizin.“

Das Bild zeigt ein Fahrzeug des Rettungsdienstes, der Feuerwehr und der Polizei an einer Einsatzstelle im Kreis Euskirchen.

Immer wieder sind Einsätze auch für die Helfer belastend. Dann greifen die internen Strukturen besser denn je.

Doch auch die Helfer selbst tragen Bilder mit sich. „Wir sind Menschen mit Gefühlen“, sagt Brück: „Wenn ein Einsatz zu nah geht, reden wir im Team. Wir haben Psychologen an Bord, Supervision und gegenseitigen Rückhalt. Auch wir brauchen das. Manchmal brauchen auch die Helfer der Helfer Hilfe.“

Dass heute offener über psychische Belastungen gesprochen wird, ist auch Ergebnis jahrelanger Aufklärung. „Wir gehen in die Feuerwehren, in Rettungswachen, bieten Seminare an“, erläutert Nadja Züll: „Es geht nicht nur um Einsätze mit Toten. Oft ist die eigentliche Belastung ganz woanders – etwa, wenn man den Nachbarn reanimiert oder Kinder im Einsatz sieht, die an die eigenen erinnern.“

Wir wollen erreichen, dass Einsatzkräfte früh erkennen, wann sie Unterstützung brauchen. Lieber einmal zu viel reden als einmal zu wenig.
Peter Jonas, Kreisbrandmeister

Im vergangenen Jahr hat das Team mehr als 20 Fortbildungen mit 336 Teilnehmenden durchgeführt, in diesem Jahr laufen davon bereits mehr als die Hälfte alleine bis März. Die Themen reichen von „Umgang mit Tod und Trauma“ über „Gewalt gegen Einsatzkräfte“ bis zu „Stammtischparolen und Teamkultur“. „Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt Kreisbrandmeister Peter Jonas: „Wir wollen erreichen, dass Einsatzkräfte früh erkennen, wann sie Unterstützung brauchen. Lieber einmal zu viel reden als einmal zu wenig.“

Im Idealfall findet laut Brück, der in seinem Leben im Rettungsdienst im Kreis Euskirchen zu rund 38.000 Einsätzen alarmiert worden ist, ein Nachsorgegespräch zwei Tage nach dem Einsatz statt. „Direkt danach sind die meisten noch im Funktionsmodus“, erklärt der PSNV-E-Chef: „Da kommt das Adrenalin erst runter. Nach zwei Tagen sind Kopf und Herz bereit, zu reden.“ Es gebe aber auch den Akutbedarf unmittelbar nach dem Einsatz. Deshalb sind die internen Strukturen erweitert worden. Nicht selten rückt ein PSNV-E-Erkunder mit aus, um mögliche Bedarfe schon an der Einsatzstelle zu eruieren.

Was dann folgt, kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal ist es ein Gruppengespräch, manchmal ein Einzeltermin. Wichtig ist: freiwillig. „Wenn dann auch noch die kommen, die meinen, sie sind unzerstörbar – und dann der erfahrene Kollege plötzlich sagt: Jungs, das war auch für mich heftig. Das ist der Moment, wo die Anspannung fällt. Wenn einer das ausspricht, trauen sich andere auch“, sagt Nadja Züll, die sich mit Stephanie Mandl die stellvertretende Teamleitung teilt.

Doch warum macht die 38-Jährige beim PSNV-E mit? „Weil Kameradschaft niemals an der Tür zum Gerätehaus endet. Kollegen nach einem belastenden Einsatz zu unterstützen, ist mir unheimlich wichtig“, so Züll: „Mittlerweile machen wir auch viel Prävention, damit im Idealfall gar keine Nachsorge nötig ist.“

Und manchmal reicht ein einziger Satz, um Druck zu nehmen. „Das, was du jetzt spürst, ist eine normale Reaktion eines gesunden Menschen auf ein unnormales Ereignis“, zitiert Brück: „Wenn du das sagst, siehst du oft, wie jemand durchatmet. Weil er merkt: Ich bin nicht kaputt, ich bin einfach nur Mensch.“

PSNV-E-Team wird über die Leitstelle alarmiert

Das Team wird meist über die Kreisleitstelle oder über direkte Anforderung alarmiert. In besonderen Fällen entscheidet Brück gemeinsam mit Züll, wer passt: Mann oder Frau, Feuerwehr oder Rettungsdienst, bekannt oder neutral. „Manchmal ist Nähe wichtig, manchmal Abstand“, sagt er. Auch die Führungskräfte nehmen das Angebot zunehmend in Anspruch – von Löschgruppen über Rettungswachen bis hin zur Verwaltung.

„Es gibt auch Belastung in Leitstellen oder Krisenstäben“, erklärt Kreisbrandmeister Jonas: „Wenn jemand Entscheidungen treffen muss, die Leben betreffen, bleibt das nicht spurlos. Auch diese Menschen brauchen Ansprechpartner.“ Oder es wird den Disponenten der Leitstelle Hilfe angeboten. „Sie bekommen mitunter viel Leid am Telefon mit. Das belastet – auch sie brauchen mitunter Unterstützung“, sagt Martin Fehrmann, Leiter der Gefahrenabwehr im Kreis Euskirchen.

Vor allem die Stunde, in der ich nicht wusste, ob es alle geschafft haben, war schlimm.
Jonah Kehren, über den Einsatz in der Flutnacht

Viele im Team sind durch eigene Erfahrungen zur PSNV-E gekommen. So wie Jonah Kehren, der als DLRG-Helfer bei der Flut im Dauereinsatz war und vor allem in Schweinheim einen Einsatz am eigenen Leib erlebte, der prägend war – so prägend, dass er ihm nach eigenen Angaben nicht mehr täglich nachhängt. „Aber wenn ich um Schweinheim einen Bogen machen kann, dann mache ich das auch“, sagt der Zülpicher, der damals versuchte, Feuerwehrmänner aus den Fluten zu retten.

„Vor allem die Stunde, in der ich nicht wusste, ob es alle geschafft haben, war schlimm“, so Kehren. Es haben alle geschafft. Und Kehren weiß, wie wichtig seelische Nachsorge sein kann. „Ich habe damals am Tag nach der Flut einfach weitergearbeitet, als wäre nichts gewesen“, erzählt er: „Aber innerlich war da Chaos. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Reden hilft – und wollte das auch anderen ermöglichen.“

Rund 80 Stunden Ausbildung für die Helfer der Helfer

Nadja Züll ist Teil einer großen Feuerwehrfamilie. „Bei uns waren alle in der Wehr, das gehörte einfach dazu. Aber dass jemand auch nach dem Einsatz noch Hilfe braucht, darüber hat früher keiner gesprochen. Heute ist das anders – zum Glück.“

Die Mitglieder durchlaufen eine umfangreiche Ausbildung – rund 80 Stunden, verteilt auf mehrere Wochenenden. Sie lernen psychologische Grundlagen, Gesprächsführung, Stressbewältigung und Krisenintervention. „Das Konzept stammt ursprünglich aus den USA, aus dem Vietnamkrieg“, erklärt Brück: „Man hat erkannt, dass Leistung und psychische Stabilität zusammenhängen – und dass Gespräche helfen, Einsatzfähigkeit zu erhalten.“

Langfristig soll das Team weiterwachsen und noch stärker mit anderen Kreisen vernetzt werden. Auch ein überörtliches, ein landesweites Konzept gibt es mittlerweile; es sorgt für gemeinsame Standards. Aber auch innerhalb der Rettungsstrukturen im Kreis Euskirchen gibt es immer wieder Anpassungen.

So unterstützt das PSNV-E-Team mittlerweile auch Menschen, die im System „Corhelper„ aktiv sind. Durch die smartphonebasierte Ersthelfer-Alarmierung können im Ernstfall wichtige Minuten gewonnen werden. „Aber die Helfer müssen oft in der Nachbarschaft helfen. Das ist noch mal belastender“, so Brück.


Gewalt gegen Einsatzkräfte

Das Team der Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte betreut auch Menschen, die Opfer von Gewalt während eines Einsatzes geworden sind. Nach Angaben von Martin Fehrmann, Leiter der Gefahrenabwehr im Kreis Euskirchen, seien die Zahlen und Vorfälle zwar gestiegen, aber nicht mit denen aus Ballungsgebieten wie Köln oder Berlin zu vergleichen. Einsatzkräfte gingen aber auch mit dieser Belastung sensibler um als noch vor einigen Jahren. Auch das trage zu einem Anstieg der Zahlen bei.