Die Kreisjägerschaft Euskirchen beginnt mit einem eigenen Wolfsmonitoring. Mehr Daten sollen ein besseres Bild über die tasächliche Wolfspopulation in der Eifel geben.
WildtierrisseSpürsinn der Detektive im grünen Loden soll Eifeler Wölfe entlarven

Konzentriert lauschten die Jäger bei der Schulung in Dahlem den Hinweisen des Wolfsexperten zur Vorgehensweise bei Funden von Wildtierrissen. Bei dieser Tätigkeit sind eine scharfe Beobachtungsgabe, Spürsinn und große Sorgfalt gefordert.
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Kriminologen hätten an den Ausführungen des Diplom-Biologen Manfred Trinzen ihre wahre Freude gehabt. Ein Polizeibeamter, der sich in seiner Eigenschaft als Waidmann im Haus der Kreisjägerschaft in Dahlem darin fortbilden ließ, wie der Fundort eines mutmaßlich von Wölfen gerissenen Wildkadavers zu begutachten und zu sichern ist, zog den treffenden Vergleich: „Das ist ja wie an unseren Tatorten.“
In der Tat sprach der Luchs- und Wolfsexperte Manfred Trinzen, den die Kreisjägerschaft für ihre Schulung gewonnen hatte, von einem „Tatort“, den es akribisch zu dokumentieren und zu sichern gelte. Denn schon ein (Hunde)-Haar an der falschen Stelle könne die forensische Arbeit und damit die Beweissicherung ruinieren.

Wie viele Wölfe es mittlerweile in der Eifel gibt, darüber gehen die Meinungen auseinander.
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Den Anlass der für Jäger eher ungewöhnlichen Schulung bot die Vereinbarung, die zwischen dem NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (Lanuk) und der Kreisjägerschaft getroffen worden ist. Mit Hilfe der lodengrünen Detektive wollen das Land, der Kreis, die Landwirte und auch die Jägerschaft selbst ein genaueres Bild gewinnen, wie es um die Wolfspopulation in der Eifel bestellt ist.
Wildtierrisse wurden bisher nicht begutachtet
Bislang beschränkte sich das Wolfsmonitoring im Land auf die Begutachtung von Nutztierrissen. Das hat nicht nur in der Region für heftige Kritik gesorgt. So etwa von Landwirten, die die offiziellen Bestandszahlen anzweifeln. Der so erbrachte und gesicherte genetische Nachweis einzelner Wolfs-Individuen spiegele keineswegs die reale Zahl der Wölfe in der Eifel wider. Denn das Gros der Beutegreifer halte sich an den Plan, nämlich die für sie vorgesehenen Nahrungsquellen in der Natur zu nutzen. Etwa das Rotwild. Somit gelangten diese Tiere nicht ins Monitoring.
Wir wissen nicht, wohin wie schnell die Reise geht.
Um einen genaueren Überblick zu erhalten, sollen künftig auch Wildtierrisse begutachtet werden, wenn der Verdacht besteht, dass ein Wolf am Werk war. Das funktioniert aber schon aus Personalknappheit nur mit Hilfe der Jäger. Die haben ihrerseits ein starkes Interesse daran, dass die tatsächliche Wolfspopulation realistisch dargestellt wird. Denn da, wo es standorttreue Wölfe oder gar ein Rudel gibt, ändert sich dramatisch auch das Verhalten der anderen Wildtiere.
Daher hat jeder der elf nach Kommunen sortierten Hegeringe im Kreis Euskirchen zwei „Ansprechpartner Wolf“ ernannt. Die sollen künftig von Bürgern und Jägern gemeldete Wildtierrisse in Feld und Flur vorab dahingehend begutachten, ob sie von einem Wolf stammen können. Ermitteln sie dafür konkrete Anhaltspunkte, sichern sie den Fund für die zeitnahe Beprobung, die in der Regel durch die vom Lanuk beauftragten Fachleute vorgenommen werden soll. Denn nur der genetische Nachweis im Labor kann gesicherte Erkenntnisse über einzelne Wolfs-Individuen geben.
Wolfsrudel durchstreifen enorm große Gebiete
Von einer flächendeckenden Verbreitung in der Eifel, so die Einschätzung des Biologen Manfred Trinzen, könne man noch nicht reden, eher von einer alternierenden Nutzung von Räumen. Schon weil die Wölfe „unglaublich mobil“ seien, sei die tatsächliche Population erheblich schwerer einzuschätzen als etwa die des Rotwilds. Nicht nur Einzeltiere, sondern auch standorttreue Rudel wie die im Nationalpark Eifel oder in Belgien durchstreiften enorm große Gebiete.
Hinzu komme, dass Erkenntnisse zu einer Population immer nur eine Momentaufnahme darstellten. Sie ermöglichten keine Voraussagen zur weiteren Entwicklung. Nachweise durch Risse seien ebenso wie Aufnahmen der Wildkameras lediglich Puzzlesteine, die man zusammensetzen könne. Doch die Situation besitze eine hohe Dynamik. Trinzen: „Wir wissen nicht, wohin wie schnell die Reise geht.“

Auch die Stadtkyllerin Tina Mommer (vorne) nahm an der Schulung teil. Sie soll künftig als Schaltstelle zwischen der Jägerschaft und dem Lanuk die Meldungen und Funde der Waidmänner digital ans Lanuk weiterleiten.
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Viele derartige Puzzlesteine könnte und soll künftig die Detektivarbeit der Jägerschaft liefern, die auf Kreisebene auch selbst eine digitale Wolfskarte einrichten will. Das könnte die Datengrundlage fürs Wolfsmonitoring deutlich verbessern. Die geschulten Jäger können dem Lanuk Wildtierrissfunde melden, bei denen sich eine Beprobung lohnt. Und mit Auftrag des Lanuk, dessen Manpower begrenzt ist, könnten sie auch selbst fachgerecht Proben nehmen.
Wie der Tatort einer Mordkommission der Polizei
Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn die Jäger stehen bei der ersten Begutachtung und Spurensicherung eines „Tatorts“ vor ähnlichen Problemen wie eine Mordkommission der Polizei bei Gewaltverbrechen. Ihre Beobachtungen und Feststellungen sollen den Anfangsverdacht liefern, dass überhaupt ein Wolf am Werk war. Und nicht etwa ein wildernder Hund. Oder das tote Wildtier von einem Auto angefahren wurde und sich anschließend andere Fleischfresser daran gütlich taten.
Schon aus sicherer Distanz, etwa mit einem Fernglas, können Spuren auf das Jagdverhalten eines Wolfes, das völlig anders ist als etwa das eines Hundes, schließen lassen.
Typische Hinweise auf einen Wolfsriss
„Man ist schon schockiert, wenn man zum ersten Mal einen Wolfsriss sieht“, warnte Manfred Trinzen vor. Ein hungriger Wolf könne mal eben fünf Kilogramm Fleisch fressen.
Der Fundort (Trinzen: „Wölfe jagen Rotwild gerne auf offenem Terrain“), typische Kampfspuren im Gelände, der berühmte Kehlbiss, die Öffnung des Bauchraums, der abseits gelegene Pansen, die massiven Verletzungen, zerbissene Knochen und das Fehlen größerer Fleischmengen – all das seien Indikatoren für einen Wolfsriss.
Jedes Detail kann wertvolle Hinweise geben
„Machen Sie Fotos, Fotos, Fotos – und eine Skizze“, erklärte Trinzen. Wie bei der Arbeit der Polizei könnten bei Einhaltung forensischer Regeln auch kleine und zunächst unscheinbare Details wertvolle Hinweise liefern. „War es ein Wolf? Waren es vielleicht mehrere?“
Und dann gelte es, den Tatort und den Kadaver im Hinblick auf eine Probenentnahme abzusichern, etwa durch das Abdecken mit geeigneten Folien.
Man ist schon schockiert, wenn man zum ersten Mal einen Wolfsriss sieht.
Mit der Mär, dass eine Probenentnahme nur im Zeitraum bis 24 Stunden nach dem Riss möglich sei, räumte Trinzen auf. „Das ist nicht haltbar. Es kommt ganz darauf an. An einem heißen Sommertag ist das so, im Winter kann der Kadaver auch eine Woche gelegen haben. Es gibt auch keine schlechte DNA, sagen die Laborleute. Sondern nur: Man hat eine, oder man hat keine.“
Das Problem bei einer DNA-Analyse ist in der Regel eine Verunreinigung. Und hier spielt der Hund, etwa die Kontamination durch Hundehaare, die Hauptrolle. Trinzen: „Der Hund ist die einzige Art, die die Genetik verfälschen kann. Den Fuchs kriegt man raus. Der Hund ist absolutes No-Go!“
Jäger, die einen Riss begutachten, sollen sich schon aus dem Grund gegen den Wind annähern, damit nicht etwa ein Haar ihres Jagdhunds von ihrer Kleidung auf den Kadaver geweht wird. Ein Rissfund in der Nähe eines von Spaziergängern gern genutzten Spazierwegs biete leider eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Kadaver durch schnüffelnde Hunde kontaminiert wurde.
Der Hund ist die einzige Art, die die Genetik verfälschen kann. Den Fuchs kriegt man raus. Der Hund ist absolutes No-Go!
Die Möglichkeit, einen gerissenen Wildkadaver liegen zu lassen und in der Nähe einen Pfahl mit einer Wildkamera zu installieren in der Hoffnung, dass der Wolf zu seiner Beute zurückkehren könnte, machte Trinzen zunichte: „Wölfe reagieren extrem empfindlich darauf, wenn der Tatort verändert wurde.“ Mit einer Kamera an Rissen sei der Wolf so gut wie nie zu kriegen.
Der letzte Wolf in der Eifel wurde 1878 im Prümer Land erlegt
Bei ihrer waidmännischen Ausbildung beschäftigen sich Jungjäger mit vielen Wildtieren. Der Wolf spielte dabei bisher so gut wie keine Rolle, da er in der Region nicht vorkam. Der letzte Eifeler Wolf wurde nach der gnadenlosen Vernichtungsaktion in der preußischen Zeit 1878 im Prümer Land erlegt.
Das, so Angela Schmitz von der Kreisjägerschaft, werde sich mit der Rückkehr der Wölfe in die Eifel natürlich ändern. Deshalb, weil es auch Auswirkungen auf das Verhalten anderer Wildtiere habe. Und um im Hinblick auf die mögliche Aufnahme von Wölfen ins Jagdrecht zum wiederholten Mal darauf hinzuweisen: „Uns Jägern geht es nicht darum, Wölfe zu entnehmen!“ (Anm.d. Redaktion: zu schießen)

Die elf Hegeringe im Kreis Euskirchen haben jeweils zwei „Ansprechpartner Wolf“ benannt, die ausgebildet wurden, Kadaver von Wildtieren daraufhin zu begutachten, ob sie von einem Wolf gerissen worden sein könnten.
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Bürger, die einen Wolf gesehen, Spuren entdeckt oder einen möglichen Wildtierriss gefunden haben, können dies dem Sichtungsteam der Kreisjägerschaft melden. Dieses bewertet die Meldungen, stellt eventuelle Rückfragen und meldet alle realen Sichtungen, Risse und Losungsfunde an das Lanuk weiter. Zudem werden die Meldungen in einer digitalen Karte erfasst.
Haus- und Nutztierrisse sind weiterhin direkt beim Lanuk, Tel. 02361-3053322, ab 16 Uhr, am Wochenende oder an Feiertagen unter 0201-714488 oder per E-Mail an wolf_nrw@lanuk.nrw.de zu melden.
Die „Ansprechpartner Wolf“ der Kreisjägerschaft Euskirchen
Die „Ansprechpartner Wolf“ der Kreisjägerschaft Euskirchen in den Hegeringen des Kreises Euskirchen sind unter folgenden Telefonnummern zu erreichen:
- Bad Münstereifel: 01 55-65 87 13 13
- Blankenheim: 01 55-65 87 13 12
- Dahlem: 01 55-65 87 13 18
- Euskirchen: 01 55-65 87 13
- Hellenthal: 01 55-65 87 17
- Kall: 01 55-65 87 22
- Mechernich: 01 55-65 87 14
- Nettersheim: 01 55-65 87 20
- Schleiden: 01 55-65 87 16
- Weilerswist: 01 55-65 87 19
- Zülpich: 01 55-65 87 21
Per E-Mail können die „Ansprechpartner Wolf“ der Kreisjägerschaft unter wolfsmonitoring@kjs-euskirchen.de erreicht werden. Aktuelle Infos finden sich auch auf der Homepage.

