Wer die neu eröffnete Saatgutbibliothek in Euskirchen nutzt, bringt im Idealfall im Herbst Samen aus eigener Produktion zurück.
„Vielfalt ernten“Stadtbibliothek Euskirchen verleiht jetzt auch Saatgut

Michaela Hürtgen betreut die Saatgutbibliothek, die die Stadtbibliothek Euskirchen eröffnet hat.
Copyright: Johannes Bühl
Auf einem Tisch in der Stadtbibliothek steht der Frühe Heinrich neben der Hirschzunge, das Gartenglück neben der Hellgrünen aus Bielefeld. Die Rede ist von Gemüsesorten, deren Saatgut die Bibliothek im Kulturhof in der Wilhelmstraße neuerdings wie Bücher und andere Medien im Angebot hat.
„Saatgut leihen, Vielfalt ernten“ heißt der Slogan der Aktion, bei der die Euskirchener den Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) an ihrer Seite haben. Seit Dienstag kann man sich ein Tütchen mit Samen mitnehmen, um ihn daheim im Garten oder im Hochbeet in die Erde zu bringen.
Nach der Ernte zuhause soll man Samen sammeln und trocknen
Im Idealfall ernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spätestens im Herbst die Früchte, sammeln und trocknen die Samen und bringen einen Teil davon in die Bibliothek. Diese erhält damit frisches Saatgut für die Ausleihe im nächsten Jahr.
Die Euskirchener Stadtbibliothek ist eine von etwa 120 ihrer Art in Deutschland, die sich mit dem VEN zusammengetan haben. Sie setzen sich zum Ziel, „die regionale Sortenvielfalt zu erhalten, Wissen um die Saatgutgewinnung wieder im Gartenalltag zu verankern und die Freude am Beobachten zu fördern“, wie es in der Projektbeschreibung heißt.
Gartenmelde verwendet man wie Spinat.
Zur Ausleihe steht Saatgut von fünf Gemüsesorten bereit: Erbsen („Prinz Albert“, „Früher Heinrich“), Bohnen (darunter „Gartenglück“), Kopfsalat (zum Beispiel „Hirschzunge“), Gartenmelde („Hellgrüne aus Bielefeld“) und Tomaten. „Gartenmelde verwendet man wie Spinat“, sagt Michaela Hürtgen, die die Euskirchener Saatgutbibliothek betreut, über die alte Kulturpflanze, die nicht so bekannt ist wie viele andere. Informationen wie diese und viele andere findet man auf Begleitzetteln, Faltblättern und auf jeder der Samentüten, von denen die Stadtbibliothek zum Start 100 Stück beim VEN bestellt hat.
Mitmachen kann auch, wer nicht Kunde der Bibliothek ist. „Wir freuen uns aber natürlich, wenn über die Saatgutbibliothek neue Kundinnen und Kunden zu uns finden“, ergänzt Hürtgen. Wer sich beteiligt, erhält regelmäßig per E-Mail einen Newsletter mit Tipps zum Anbau seiner Pflanzen. „Wir hoffen, dass am Ende geerntet werden kann. Wenn jemand aber keinen neuen Samen zurückbringt, ist das überhaupt nicht schlimm“, so Michaela Hürtgen.
Auch eine Kooperation mit Schulen und Kitas in Euskirchen ist denkbar
Sie kann sich gut vorstellen, dass die Bibliothek im nächsten Jahr mit Schulen und Kitas zusammenarbeitet, um auch Kinder fürs Gärtnern zu begeistern. Schon zwei Quadratmeter Platz reichen, versichert der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt. Und weiter: „Die Pflege Ihrer entliehenen Schätze braucht anfangs täglich, später weniger Zeit.“ Michaela Hürtgen fügt hinzu, dass man Sorten ausgesucht habe, die leicht zu handhaben seien: „Auch Einsteiger sollten damit Erfolg haben.“
Der Verein schreibt, dass Kulturpflanzen, anders als die meisten Wildpflanzen, ohne menschliches Zutun nicht überleben. Doch nur wenige wüssten, „wie unsere Lebensgrundlage gepflegt und vermehrt wird“. Viele Sorten Saatgut würden zwar in Genbanken als Notreserve aufbewahrt, dort seien sie jedoch „lebendig begraben“. Nur der regelmäßige Anbau lasse eine Sorte wirklich weiterleben und ermögliche die Anpassung an verschiedene Orte und den Klimawandel.
Die Stadtbibliothek hofft, dass viele Menschen das Vorhaben unterstützen. Leiterin Lena Wöhl verweist auf die große Auswahl an Büchern zum Thema, die als Ergänzung am Saatgut-Tisch platziert worden sind: „Da sind tolle Titel für die Ausleihe dabei.“

