Abo

KonzertBayrischer Rundfunk nimmt Podcast „Klassik für Klugscheißer“ live in Leverkusen auf

3 min
Ein Orchester spielt auf einer Bühne

L’arte del mondo unter Werner Ehrhardt spielte im Forum für den Podcast Klassik für Klugscheißer.

Ein Konzertabend, der erklärt, warum wir heute still sitzen. Und einer, der zeigt, dass Musikgeschichte plötzlich sehr unterhaltsam sein kann.

Uli Knapp und Laury Reichart vom BR-Podcast „Klassik für Klugscheißer“ sitzen am Sonntagabend nicht allein im Tonstudio, sondern neben dem Orchester L’Arte del Mondo unter Werner Ehrhardt vor Publikum im Forum. So beginnt ihre neueste Sendung, verfügbar bei ARD Sounds: „Das war nicht als der Hauptact gedacht, sondern das war Festmusik“, heißt es über die barocken Anfänge, während Salamone Rossis „Ruggiero“-Sonate erklingt.

Mit viel Humor erklären die beiden die „Evolution“ der Konzerte und man erlebt sie mit dem Orchester auf der Bühne zum Greifen nah mit. „Trio-Sonate bedeutet zwei Oberstimmen und drunter der Generalbass, der das Ganze zusammenhält“, so Knapp. Hier spricht niemand von oben herab. Hier wird Wissen geteilt, als würde man es am Tisch erzählen.

Raketen, Rüdiger und der Moment, in dem Musik wichtig wird in Leverkusen

Mit Arcangelo Corelli und Georg Philipp Telemann verschiebt sich die Rolle der Musik langsam. Der Solist tritt hervor, das Orchester antwortet, Klang wird zur Handlung. Doch erst in Mannheim wird daraus eine bewusste Schule. Christian Cannabich und seine Zeitgenossen bringen Effekte ins Spiel, die heute fast beiläufig wirken, damals aber neu sind. „Walze, Rakete, Seufzer und Schleifer“, zählt Reichart auf und plötzlich klingt Musik wie ein Werkzeugkasten. Besonders die „Mannheimer Rakete“ bleibt hängen: eine schnelle aufsteigende Tonfolge, die immer lauter wird. Kennt man.

Zwischendurch öffnen sich immer wieder kleine Wissensschätzchen: Wenn über historische Instrumente gesprochen wird, über Darmsaiten, flachere Stege und Bögen, die mehrere Saiten gleichzeitig greifen, wird deutlich, wie sehr Klang von Material abhängt. Oder wenn der Dirigent thematisiert wird – und beiläufig fällt, dass man ihn früher gar nicht brauchte. Musik wirkt plötzlich weniger selbstverständlich, eher wie ein System, das sich über Jahrhunderte gebaut hat.

Mit Joseph Martin Kraus kippt die Stimmung im Forum

Die bis dahin oft helle, funktionale Musik wird dichter, dunkler, emotionaler. „Diese Stücke waren die ganze Zeit in c-Moll“, fällt fast nebenbei, doch im Saal verändert sich die Wahrnehmung. Die Musik verlangt Aufmerksamkeit. Sturm und Drang wird nicht als Begriff erklärt, sondern als Gefühl beschrieben. Musik beginnt, innere Zustände abzubilden. Sie wird persönlicher, unmittelbarer, intensiver.

Die Podcast-Hosts Uli Knapp und Laury Reichart auf der Bühne des Forums

Die Podcast-Hosts Uli Knapp und Laury Reichart auf der Bühne des Forums

„Das hat Herzrasen verursacht“, heißt es von Knapp über die Wirkung, „da sind Frauen in Ohnmacht gefallen, als das neu war.“ Johann Baptist Vanhal führt diesen Weg weiter. Ein freier Künstler, der sich keiner Hofstelle unterordnet, der in Moll schreibt – „Toll“ scherzt Knapp – wo andere in Dur bleiben. Musik als Ausdruck individueller Freiheit – ein Gedanke, der sich bis heute zieht.

BR-Live-Podcast: Beethoven und das Ritual des Zuhörens

Mit Ludwig van Beethoven erreicht der Abend seinen logischen Endpunkt. Die erste Sinfonie. Die beiden formulieren es zugespitzt: „Spätestens jetzt labert auch keiner mehr rein und alle sitzen ruhig.“ Ein Satz, der Lachen auslöst und gleichzeitig eine ganze Epoche erklärt.

Aus der Hintergrundmusik ist ein Ereignis geworden. Aus dem Nebengeräusch ein Fokus auf einer Bühne. Auch der klassische Konzertablauf, der heute allgemein selbstverständlich wirkt, erscheint plötzlich als Ergebnis dieser Entwicklung. Solokonzert vor der Pause, Sinfonie danach, Stille im Saal. Ein Ritual, das sich seit über 200 Jahren erstaunlich stabil hält.