An der Ecke Schillerstraße/Im Hederichsfeld plant der Gemeinnützige Bauverein einen Neubau mit 70 Wohnungen. Das geht nicht ohne Abriss.
Umstrittenes ProjektBauverein Opladen reißt Gründerzeitvilla ab

Diese beiden Gründerzeitvillen an der Schillerstraße will der Gemeinnützige Bauverein Opladen im Sommer abreißen.
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Teile von Betten und anderem Hausrat lehnen am Mittwoch vor Ostern an der Backsteinwand der Gründerzeitvilla Schillerstraße 6 in der Opladener Innenstadt. An der Seite des Hauses zum Hederichsfeld hin liegen viele große gelbe, gefüllte Plastiktüten. Die Haustür steht offen. Das früher hier beheimatete Tanzstudio ist ebenso ausgezogen wie die Mieter im Obergeschoss. Nebenan, in der Schillerstraße 4, wo einmal eine private Musikschule ihre Kurse anbot, sind bereits seit Längerem die Haustür und ein davor installiertes Stahlgitter fest verschlossen.
Ein junger Mann steht neben dem Gebäude Schillerstraße 6. Er möchte anonym bleiben, erzählt aber bereitwillig, dass er in dem Haus 25 Jahre lang mit seiner Familie gelebt hat. Bis vor einem Monat, als der 34-Jährige in eine andere Wohnung in Opladen umzog, hatte er noch mit seinem Bruder im ersten Obergeschoss gewohnt. Ihm und seinem Bruder sei von dem Eigentümer, dem Gemeinnützigen Bauverein Opladen (GBO), nicht gekündigt worden, sie seien von sich aus aus dem Mietvertrag ausgestiegen.
Er weist hinter sich: Die GBO habe vor ein bis anderthalb Jahren den bis dahin neben der Villa liegenden Garten, den er und seine Familie mitbenutzen durften, weggerissen. An der Stelle des Gartens hat sie einen provisorischen Parkplatz etabliert. „Wir hatten schon den Eindruck, dass es darum ging, uns das Leben hier ein bisschen ungemütlicher zu machen“, so der ehemalige Hausbewohner.
Wir hatten schon den Eindruck, dass es darum ging, uns das Leben hier ein bisschen ungemütlicher zu machen
Nun stehen die beiden gründerzeitlichen Haushälften komplett leer. Und werden in naher Zukunft abgerissen. Alexander Dederichs, technischer Vorstand der GBO, macht im Gespräch mit dem „Leverkusener Anzeiger“ deutlich, dass die GBO den Abriss für den Sommer plant. Die GBO will auf dem Eckgrundstück Schillerstraße/Im Hederichsfeld einen viergeschossigen Neubau mit ausgebautem Dachgeschoss errichten. 70 neue Wohnungen sollen in dem Gebäuderiegel entstehen, dazu eine Tiefgarage mit 25 Stellplätzen, zu etwa 70 Prozent soll es sich um öffentlich geförderten Wohnungsbau handeln, bei einem Investitionsvolumen von 17,5 Millionen Euro. Dederichs: „Wenn die Gründerzeitvillen stehen bleiben, würden 25 bis 30 Wohnungen weniger als geplant gebaut werden können. Die Frage ist doch, welchen Mehrwert bieten diese Gebäude der Opladener Bevölkerung. Sie sind hübsch anzugucken. Und das war’s.“

Auf dem Baugelände an der Ecke Schillerstraße/Im Hederichsfeld will der GBO 70 Wohnungen errichten.
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Vor ziemlich genau fünf Jahren, als die Baupläne der GBO für das Areal schon einmal auf dem Tisch lagen, erkannte die Bezirksvertretung II allerdings in diesen beiden Häusern einen so erheblichen Mehrwert, dass sie in ihrer Sitzung Anfang Februar 2021 fast einstimmig eine gemeinsame Erklärung zu Protokoll gaben, derzufolge ein Abriss der Villen nicht in Frage komme. Die Gründerzeitgebäude, die wegen etlicher Umbauten nie zu offiziellen Baudenkmalen wurden, seien unglaublich schön, befand damals Opladen Plus. Schützenswert und erhaltungswürdig fanden sie auch viele andere Mitglieder der Bezirksvertretung. Zugleich stimmten sie aber dem neuen Bebauungsplan für den Bereich zwischen Bahnhofstraße, Bahnallee, Uhlandstraße und Kölner Straße zu, der eine Bebauung mit Wohn- und Geschäftshäusern mit bis zu fünf Stockwerken vorsieht.
Die GBO brachte daraufhin das Gebäude Schillerstraße 6 auf den Immobilienmarkt und teilte das auch schriftlich mit: „Der Bauverein Opladen wird einem Erhalt der Gründerzeitvilla in der Schillerstraße 4–6 nicht im Wege stehen und stellt seinen Anteil an der Doppelhaushälfte zum Verkauf.“ Allein: Es fand sich niemand, der ein ernsthaftes Interesse an dem Backsteingebäude gehabt hätte. Dederichs: „Wir hatten keine Anfrage dazu.“ Zwar äußerte Jan Morgenstern, der Betreiber der Musikschule, damals Eigentümer des Gebäudes Schillerstraße 4, dieser Zeitung gegenüber ein grundsätzliches Kaufinteresse. Doch konkretisierte sich das offenbar nicht. Im Gegenteil: Morgenstern verkaufte nach Auskunft von Dederichs im Februar 2025 seine Immobilie an die GBO, schloss seine Musikschule und verzog in Richtung Bodensee.
Zu einem Verkauf des Hauses Schillerstraße 6 hatten wir keine Anfrage
Nun also ein neuer Anlauf für die Bebauung des Geländes. Und kaum, dass er in der Welt ist, regt sich Widerstand. Eine Petition im Internet gegen den Abriss hat nach einem Tag mehr als 150 Unterschriften. Der Initiator Benjamin Kopp arbeitet aus Sicht des GBO allerdings mit Aussagen, die nicht den Tatsachen entsprechen. Kopp schreibt zum Beispiel, der GBO plane den Abriss „entgegen früherer Zusagen“ und habe versprochen, „auf Abrisse zu verzichten“. Dazu Dederichs: „Eine Zusicherung, dass wir das Gebäude dauerhaft erhalten, hat es seinerzeit nicht gegeben.“ Er finde es „wichtig, dass man in dem Zusammenhang keine Dinge erfinde“, so der GBO-Vorstand.
Der Immobilienfachmann verweist außerdem darauf, dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt in der Stadt im Vergleich zur Lage vor fünf Jahren verschärft habe. Das sieht offensichtlich auch Oberbürgermeister Stefan Hebbel so. Hebbel kommt in einem neuen Image-Video des Bauvereins ausführlich zu Wort. „Die Wohnraumsituation ist sehr stark angespannt“, sagt Hebbel in dem Video. Und weiter: „Wir können nicht sagen: Wir brauchen Wohnraum, aber wir wagen nirgendwo neue Schritte. Ich weiß, dass das nicht einfach ist, aber den Weg müssen wir gehen.“
Wir können nicht sagen: Wir brauchen Wohnraum, aber wir wagen nirgendwo neue Schritte. Ich weiß, dass das nicht einfach ist, aber den Weg müssen wir gehen
Was er damit zum Beispiel meint, wird ein paar Sekunden später deutlich. Im Video schließt sich an Hebbels Stellungnahme die Aussage des Leverkusener Architekten Bernd Wirtz an, der sich gegen Bauen auf der grünen Wiese wendet und darauf verweist, dass es in der Stadt „Reststücke“ gibt, die „ohne großen Umweltschaden“ bebaubar wären. Während er spricht, verschwindet in der Animation, die Opladen aus der Vogelperspektive zeigt, die Gründerzeitvilla an der Schillerstraße und an ihrer Stelle wächst auf dem Eckgrundstück ein mehrgeschossiges Wohnhaus in die Höhe.
So weit ist die GBO freilich noch nicht. Dederichs schätzt, dass der Bebauungsplan für das Areal nach der Sommerpause in die Offenlage geht. Man warte dann auf Willensäußerungen aus der Politik. Einen möglichen Baubeginn, vorausgesetzt, die Politik stimmt dem Bauvorhaben dieses Mal zu, sieht Dederichs „in zwei Jahren, wenn es gut läuft“.
Aus der Stadtverwaltung ist zu dem Projekt zu hören, dass bisher noch keine Abrissanzeige für die Gebäude an der Schillerstraße vorliege. Zum Verfahren insgesamt verweist die Pressestelle auf die Novellierung des Baugesetzbuches und das Stichwort „Bauturbo“, die demnächst im Ausschuss für Bürgereingaben und Umwelt als erstes behandelt werden. Denn das weitere Verfahren für das GBO-Bauvorhaben an der Schillerstraße/Im Hederichsfeld wird auch davon abhängen, ob und wie die städtische Politik den Bauturbo anwendet.

