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Visionen vom Ende der WeltLouis Spohrs selten gespieltes Oratorium im Forum Leverkusen

3 min
Rund 100 Mitwirkende auf der Bühne: Der Bachchor Leverkusen und das Bachorchester Leverkusen unter der Leitung von Michael Porr bringen Louis Spohrs selten gespieltes Oratorium zum Klingen.

Rund 100 Mitwirkende auf der Bühne: Der Bachchor Leverkusen und das Bachorchester Leverkusen unter der Leitung von Michael Porr bringen Louis Spohrs selten gespieltes Oratorium zum Klingen.

„Die letzten Dinge“ – das sind apokalyptische Bilder, leuchtende Chorklänge und ein Werk, das einst zu den großen Erfolgen der europäischen Musik zählte.

Mit „Die letzten Dinge“ lässt Louis Spohr die Visionen der Apokalypse musikalisch aufleuchten – feierlich, dramatisch und von einem überraschend tröstlichen Grundton getragen. Schon die Ouvertüre öffnet einen weiten Klangraum.

Spohrs Oratorium „Die letzten Dinge“, 1826 nach Texten der Offenbarung des Johannes uraufgeführt, gehört zu jenen Werken, die fast vollständig aus dem Konzertleben verschwunden sind. Dabei verbindet die Partitur auf faszinierende Weise zwei musikalische Welten: opernhafte Dramatik und geistliche Kontemplation. Die Musik entfaltet ein Panorama biblischer Visionen. Blitze und Donner, himmlische Lobgesänge, Gerichtsszenen und Erlösungsbilder ziehen wie große Klanggemälde vorbei.

Besonders eindrucksvoll wirkt dabei Spohrs Sinn für dramatische Kontraste. Der Chor „Gefallen ist Babylon“ steigert sich zu einer düsteren Klangballung, während wenig später „Selig sind die Toten“ eine ruhige, fast entrückte Atmosphäre entfaltet. In solchen Momenten wird hörbar, warum Zeitgenossen das Werk mit großer Bewunderung aufnahmen. Dass ein solches Oratorium heute nur selten erklingt, verleiht dem Abend einen besonderen Charakter.

Ein romantisches Endzeitpanorama in Leverkusen

Gleichzeitig bleibt eine gewisse Diskrepanz spürbar: Rund 100 Mitwirkende füllen die Bühne, während im Zuschauerraum kaum deutlich mehr Menschen sitzen. Ein Werk von solcher Dimension scheint fast etwas intimer zu wirken, als es seine musikalische Anlage vermuten lässt. Im Zentrum des Abends steht Michael Porr, der den Bachchor mit durch die gut achtzig Minuten dauernde Partitur führt. Porr hat das Werk bewusst ausgewählt, weil es abseits der bekannten romantischen Oratorien liegt und dennoch eine eigenständige musikalische Handschrift besitzt.

Der Chor zeigt sich dabei als tragende Kraft des Abends. In den großen Lobgesängen entfaltet sich ein warmer, kraftvoller Gesamtklang, der den Raum mit einer feierlichen Aura erfüllt. Besonders in den homogenen Chorsätzen gelingt es dem Ensemble, die spirituelle Dimension der Musik hörbar zu machen. Die Stimmen verbinden sich zu einem dichten Klanggewebe, das zwischen Pathos und innerer Sammlung balanciert. Das etwas dünne Bachorchester begleitet diesen großen Chorbogen mit konzentrierter Präsenz. Dennoch bleibt die orchestrale Wirkung stellenweise etwas schlank. Die Partitur deutet eine romantische Klangfülle an, die in dieser Besetzung eher angedeutet als vollständig ausgeschöpft wird. Man spürt die Größe der musikalischen Architektur – zugleich entgleiten manche Klangschichten im Raum, als würden sie sanft davonfließen.

Forum Leverkusen: Stimmen zwischen Vision und Trost

Die Solisten treten in diesem Oratorium weniger als virtuose Einzelstars auf, sondern als Teil eines größeren musikalischen Gefüges. Gerade diese Anlage entspricht Spohrs dramaturgischer Idee, die Solostimmen immer wieder mit dem Chor zu verschränken. Dorothea Brandt gestaltet ihre Partien mit klarer Strahlkraft und einer leuchtenden Höhe, die besonders in den lyrischen Passagen aufblüht. Rena Kleifeld setzt einen warmen, farbenreichen Mezzo dagegen, der den ruhigeren Momenten eine innere Tiefe verleiht.

Tenor Martin Koch trägt die erzählenden Rezitative mit präziser Diktion und musikalischer Präsenz, während Marek Reichert mit seinem sonoren Bassbariton dem Werk eine würdige Grundierung gibt. Gerade im Zusammenspiel mit dem Chor entstehen eindrucksvolle Ensemblepassagen, die das Oratorium als gemeinschaftliches Klangdrama erscheinen lassen. Am Ende erklingt ein strahlendes „Halleluja“, getragen von Chor und Orchester.