Was bleibt vom Menschen, wenn seine Umstände längst über ihn entschieden haben? „Theaterlise“ nähert sich Büchners „Woyzeck“ als offenes Versuchsfeld.
„Über Schädelnerven“Wiesdorfer Schüler inszenieren „Woyzeck“ als Abhängigen

Lise-Meitner-Schule bringt Büchners „Woyzeck“ als offenes Fragment auf die Bühne.
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Diese Inszenierung interessiert sich weniger für das „Was passiert?“ als für das „Warum überhaupt?“. Woyzeck erscheint nicht als tragischer Einzelfall, sondern als jemand, der von außen geprägt wird – durch Hierarchien, Abhängigkeiten und Erwartungen. Vieles wirkt weniger wie eine bewusste Entscheidung als wie etwas, das sich zwangsläufig ergibt.
Gleich zu Beginn wird das spürbar: In schummrigem, bläulichem Licht bewegen sich die Jugendlichen durch den Raum, gehen durch die Reihen, sprechen leise in die Dunkelheit. Das ist ein starker Einstieg, weil er sofort das Publikum mit hineinzieht. Unheimlich – und die Neugierde anfachend.
Auch die Frage nach Schuld wird von der Oberstufe nicht einfach beantwortet. Statt klarer Zuordnungen entsteht eher der Eindruck, dass alles miteinander zusammenhängt. Dass Woyzeck häufig in der dritten Person angesprochen wird, verstärkt das noch: Er wirkt weniger wie jemand, der selbst handelt, sondern wie jemand, über den verfügt wird.
„Woyzeck“-Inszenierung in Leverkusen: Der Mensch als Produkt seiner Umstände
Ein zentrales Element des Abends ist die offene Form. Vier größere Szenenblöcke werden nicht fest gespielt, sondern jedes Mal neu angeordnet – entschieden durch ein Glücksrad, das ins Publikum geschoben wird. Ein Erzähler begleitet das und führt durch die Wechsel.
Das wirkt zunächst spielerisch, hat aber eine klare Wirkung: Die Blitzlichter zerfallen in Teile, die sich immer wieder anders zusammensetzen. Zusammenhänge sind nicht eindeutig, Entwicklungen nicht linear. Dadurch wird spürbar, dass es hier weniger um eine klare Handlung geht als um verschiedene Perspektiven auf dieselben Figuren und Situationen. Manche Übergänge bleiben dabei etwas lose, nicht alles fügt sich sofort zusammen.
„Woyzeck“ als Schultheater: Viel Einsatz, klare Ideen
Dass diese Inszenierung in einer Schulaula entsteht, bedeutet leider: Die Mittel sind begrenzt. Gleichzeitig merkt man deutlich, wie viel Einsatz und Gedanke in der Arbeit steckt. Auffällig ist vor allem die körperliche Spielweise. Es gibt viele Momente mit Nähe, mit direktem Kontakt, auch mit Bildern, die bewusst irritieren – etwa wenn Woyzeck tatsächlich Erbsen isst oder körperlich untersucht wird.
Besonders positiv fällt ein Videoeinspieler auf, der videografisch gut gemacht ist und nahtlos in das Bühnengeschehen übergeht. Solche Momente zeigen, wie gut einzelne Ideen funktionieren können, wenn sie klar umgesetzt sind. „Über Schädelnerven“ ist ein Abend, der etwas ausprobieren möchte und dabei viele interessante Ansätze findet – ja, eine ernste Auseinandersetzung mit einem großen Stoff.

