Im Interview der Woche sprechen Manfred Blanke und Marcus Mau von der Sektion Gummersbach des DAV über den starken Mitgliederzuwachs.
Klettersport und WandernWarum die Sektion Gummersbach des DAV so viele Mitglieder hat

Über den starken Mitgliederzuwachs vor allem bei Jugendlichen freuen sich Jugendreferent Marcus Mau (l.) ud Vorsitzender Manfred Blanke vor der Kletterwand am Sektionshaus in Gummersbach.
Copyright: Andrea Knitter
Die Sektion Gummersbach des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist mit 2800 Mitgliedern der größte Sportverein im Oberbergischen und wurde vor kurzem vom Kreissportbund für das höchste Wachstum von jugendlichen Mitgliedern ausgezeichnet. 295 Kinder und Jugendliche traten dem DAV Gummersbach bei. Dass der Alpenverein jenseits hoher Berge einiges zu bieten hat, was ihn auch für den Nachwuchs attraktiv macht, darüber sprach Andrea Knitter mit dem Vorsitzenden Manfred Blanke (70) und mit Jugendreferent Marcus Mau (41).
Wie viele Kinder und Jugendliche hat Ihre Sektion?
Manfred Blanke: Das sind über 500.
Wie halten Sie sie bei Laune und gewinnen neue dazu?
Blanke: Vor allem mit Klettern. Wir haben eine Kooperation mit den beiden Kletterhallen 2T in Lindlar und der Kletterwelt Sauerland in Altena. Dazu haben wir sechs Steinbrüche gepachtet, bei denen wir auch für die Pflege verantwortlich sind und die wir als Klettergebiete nutzen. Sie liegen vor allem Richtung Sauerland, da es hier schwierig ist, etwas größere Gelände zu finden, dies mit Blick auf den Naturschutz. Dazu gründen wir demnächst eine zweite Familiengruppe, in der Eltern mit ihren Kindern in unser Angebot reinschnuppern können.
Ist das Interesse der Kinder und Jugendlichen in den vergangenen Jahren an solchen Aktivitäten gewachsen? Eigentlich hört man ja immer Klagen darüber, dass sich Kinder und Jugendliche nicht gerne bewegen.
Marcus Mau: Das sehe ich nicht so. Sie wollen sich bewegen und sie wollen Dinge gezeigt bekommen. Das gilt auch für das Klettern, wenn ich ihnen das Vorstiegsklettern zeige. Das Interesse ist da.
Blanke: Ich will nicht verhehlen, dass es seit Corona einen Boom gibt, denn gerade die Outdoor-Sportarten fanden damals großen Zulauf. Als ich 2008 den Vorsitz übernommen habe, hatten wir 1200 Mitglieder. Wir hatten kleine Klettergruppen, doch erst durch die Kooperation mit der Kletterwelt Sauerland ging es bergauf. Außerdem hat Marcus Mau immer wieder neue Ideen, das Ganze noch interessanter zu machen .
Was meinen Sie damit?
Blanke: Ganz aktuell hat er das Handballklettern erfunden.
Mau: Und wir richten jetzt ganz neu Geburtstagsfeiern aus, wenn es den Kindern gefällt, kommen sie in die Gruppen.
Wie geht Handballklettern?
Mau: Das funktioniert über die Kletterlinien,von denen es mehrere gibt. Dort geht es hoch und runter und mit Geschick werden die Bälle hin und her gepasst. An den äußeren Seiten gibt es Körbe, in die die Bälle wie in ein Tor geworfen werden. In der ersten Halbzeit sind die Kletterer am Zug, die in der zweiten Halbzeit mit den Kletteren tauschen, die zuvor das Sicherungsseil gehalten haben.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang Kooperation?
Blanke: Als Mitglied im DAV hat man ermäßigten Eintritt in den Kletterhallen. Dazu kommt, dass Vereinsmitglieder bis 18 Jahre, die mit einem Erwachsenen im Verein sind, keinen Beitrag bezahlen müssen. Bis 26 Jahre bezahlen die Vereinsmitglieder nur 35 Euro.
Sie trainieren ja nicht nur in der Halle, sondern auch Draußen. Worin liegt der Unterschied?
Mau: In der Halle sind die Griffe alle bunt und gut zu sehen. Am Fels draußen muss man sich Griffe erst ertasten, wie man sich am Felsen hochziehen kann. Dazu kommt auch das richtige Fädeln am Umlenker. Zudem klettern wir ab und zu auch nachts draußen mit Stirnlampen, da muss jeder Griff sitzen. Man muss blind die Knoten binden können. Die Kurse sind auf jeden Fall immer voll. Für bis zu 14 Teilnehmer sind wir zwei Trainer. Und es gibt ja nicht nur das Klettern bei uns, andere Trainer betreuen die Mountainbiker.
Aber die Frage bleibt, wie sind Sie zu 295 neuen jugendlichen Mitgliedern gekommen?
Blanke: Viel über Mundpropaganda der Kinder und Jugendlichen selber. Das ist die beste Werbung. Wenn es ihnen bei uns gefällt, dann erzählen sie es in der Schule weiter.
Mau: Das beginnt in der Familien-Gruppe bei Matthias König mit seinen Angeboten für die Kinder, mit denen er verschiedene Aktionen unternimmt. Bei den Jugendlichen, die im Abitur sind, gibt es eine kleine Delle, ehe sie nach dem Abschluss der Schule gerne wieder zurückkommen.
Blanke: Außerdem kann man bei uns die Ausrüstung leihen, die man beispielsweise für einen Klettersteig in der Eifel braucht und muss sie nicht teuer kaufen.
Aber was unterscheidet Ihr Angebot denn konkret von anderen?
Blanke: Unterm Strich ist es die Bewegung. Für die Kinder und Jugendlichen muss es etwas mit Action zu tun haben. Mit dem Sport wird Stress abgebaut. Beim Klettern geht man immer mit einem Erfolgserlebnis nach Hause, physisch und psychisch. Man schafft Dinge, die man sich vorher nicht zugetraut hat.
Mau: Es ist in der Gruppe anders, als wenn man beispielsweise mit den Eltern zum Klettern geht.Die Eltern lassen früher ihre Kinder herab, was nicht immer förderlich ist, während man sich in der Gruppe antreibt und sich am Ende über das besondere Erfolgserlebnis freut. Das gilt auch für mich als Trainer. Wenn einer meiner Schützlinge nach einer schweren Route oben angekommen ist und seine Freude darüber rausschreit, das macht mich stolz und zufrieden.
Blanke: Unser Lohn ist, dass wir Leute über ihre Grenzen bringen und es dabei mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun haben.
Es ist aber nicht nur das Klettern, dass durch Corona einen Boom erlebt hat, oder?
Blanke: Nein, auch beim Wandern hat sich vieles verändert. Früher waren es Menschen ab 50 plus, die man auf den Hütten traf, heute sind die meisten zwischen 25 und 30 Jahre alt. Viele von ihnen unterschätzen die Strecken, sind aber auch schlecht ausgerüstet. So hat die Zahl der Unfälle im vergangenen Jahr um 80 Prozent zugenommen.
Wie sind Sie selber zum DAV gekommen?
Mau: In der fünften Klasse durch die Kletter AG an der Gesamtschule Kierspe. Es hat mir Spaß gemacht, die Bewegung und das gemeinsame Ausprobieren. Klettern ist ein Sport, bei dem man sich vertrauen muss. Mein Lehrer hat mir dann ein zweites Klettertraining angeboten, anschließend bin ich oft danach noch laufen gegangen. Ich habe aber auch Canyoning in Italien lieben gelernt. Heute macht mir die Arbeit mit den Kinder und Jugendlichen sehr viel Spaß. Sie kommen mit Fragen zu mir, ich kann ihnen dann weiterhelfen.
Blanke: Bei mir war es meine Frau, die den Wunsch äußerte, in die Berge fahren zu wollen. Dabei wollte ich eigentlich weiter am Strand liegen, stand dann aber vor dem Berg mit dem Wunsch, da hoch zu kommen. Ich wurde Planer und Tourenleiter. Dazu muss ich alle drei Jahre eine Überprüfung ablegen. Ich habe zwar heute vielleicht nicht mehr so viel Kondition wie ein Mitzwanziger, dafür profitiert die Gruppe aber von meiner Erfahrung. So leite ich unteranderem jedes Jahr drei große Touren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.
Wie ist bei solchen Wanderungen die Zusammensetzung der Gruppe?
Blanke: Es nehmen immer mehr Frauen als Männer teil. Während sich die Männer beispielsweise beim Golf entspannen, suchen die Frauen die Herausforderung.
Glauben Sie, dass Ihre Sektion auch weiter wachsen wird?
Blanke: Ja, das hält an. Wir haben bisher schon in 2026 weitere 109 neue Mitglieder. Wir bleiben attraktiv und bieten neue Sachen an, wie jetzt in den Ferien einen Boulder-Kurs in Belgien oder im Sommer einen Lehrgang gegen Höhenangst. Man muss einfach Glück und die richtigen Leute haben, und damit meine ich, dass wir im DAV das richtige Trainerteam haben.


