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GeschichteAls Adenauer Kürten besuchte

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Dieses Foto entstand bei der Kundgebung in Wipperfürth, Bundeskanzler Konrad Adenauer (rechts) mit dem Bundestagsabgeordneten Paul Lücke

Dieses Foto entstand bei der Kundgebung in Wipperfürth, Bundeskanzler Konrad Adenauer (rechts) mit dem Bundestagsabgeordneten Paul Lücke

Am 1. Mai 1958 besuchte Bundeskanzler Konrad Adenauer das Amt Kürten - ein historisches Ereignis.

Für den Moselwein, den die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr im Rathaus bereithielten, blieb keine Zeit mehr. Der Kanzler hatte es eilig an diesem Tag und schaffte es nur bis auf den Vorplatz des Kürtener Rathauses. Kaum war er aus seinem Wagen ausgestiegen, musste er schon wieder weiter. Statt Moselwein gab es einen Strauß frischer Nelken.

Kommt er? Kommt er nicht? Am Morgen des 1. Mai 1958, dem Tag der Arbeit, ist ganz Kürten in heller Aufregung. Bundeskanzler Konrad Adenauer, nach dem triumphalen Wahlsieg im Jahr zuvor im Zenit seiner Amtszeit, rollt mit seiner Dienstlimousine an, auf dem Weg zu einer Großkundgebung der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) in Wipperfürth.

Popstar der Bundesrepublik

Adenauer, das ist 1958 der Popstar der Bundesrepublik. Am Königsforst hat ihn der rheinisch-bergische Bundestagsabgeordnete Paul Lücke abgeholt und mit dem Dienstwagen 02 in Richtung Bergisches Land chauffieren lassen. Rund zehn Kilometer vor Wipperfürth soll der Kanzler stoppen und den Kürtenern etwas Nettes sagen.

Wenn der Kanzler schon in Kürten ist, dann wäre doch ein Halt in Kürten am neuen, am schicken Rathaus passend (heute das „Nebengebäude“): So hatten es sich Amtsbürgermeister Klein und Amtsdirektor Opgenoorth überlegt. Das Rathaus, das erste moderne für die Amtsgemeinde, war nämlich erst ein Jahr zuvor errichtet worden und der ganze Stolz der Kürtenerinnen und Kürtener. Inoffiziell gibt es diese Theorie der Ereignisse: Eigentlich ist gar kein Halten in Kürten geplant gewesen.

Platz am Rathaus voller Menschen

Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr winken die Kanzler-Limousine dennoch in Richtung Marktfeld und Rathaus. „Jung und Alt drängten sich über die Pfade, hin zum Hauptportal“, berichtet die „Bergische Landeszeitung“ über den Tag in Kürten. Schon vor 9 Uhr sei der Platz vor dem Rathaus voller Menschen gewesen, ist anderentags in der Zeitung zu lesen.

Dass tatsächlich der Kanzler kommen könnte am Maifeiertag, ist in den Tagen zuvor das einzige Ortsgespräch in der Gemeinde gewesen. Es wurde ein Tag, der in die Kürtener Geschichte eingeht. Fast 1000 Kürtener strömen früh am Morgen zum Platz am Marktfeld, es ist auf Jahrzehnte die größte Kundgebung in der Gemeinde. Aus allen Ortsteilen pilgern die Menschen zum Empfang. Kürten ist damals noch ein überschaubar großes Dorf, mit einem Bruchteil der heutigen Einwohner.

Rathaus ist beflaggt

Und im engen Tal ist die Bebauung noch sehr zurückhaltend, auch die Schulgebäude stehen noch nicht. Hier, recht abgelegen im Bergischen, ist der Kanzlerbesuch das Thema des Tages, der Woche, des Jahres. Kinder in der Menge rufen „Adenauer Äppelklauer“, weil sich das reimt, erinnern sich Zeitzeugen. Der Amtsdirektor hat alles generalstabsmäßig durchgeplant.

Der Platz am Rathaus ist beflaggt, es gibt einen Lautsprecherwagen, der Musikverein Kürten ist bestellt, und den „guten Tropfen“ für den Ehrengast „bewacht“ die Feuerwehr. Als sich die Wagenkolonne dem Ort nähert, wohl aus Richtung Eichhof, (der genaue Fahrtweg vom Königsforst nach Kürten ist nicht bekannt), wollen alle die Ereignisse mit ihren Kameras festhalten. 40 Fotoapparate seien hochgeschnellt, um Adenauer zu fotografieren, berichtet der Reporter.

Frische Nelken überreicht

Einen Strauß frischer Nelken überreicht eine Gruppe junger Mädchen, Fotografien zeigen Adenauer im Gespräch mit den Gemeindevertretern, das Mikro in der Hand. Drumherum eine große Menschenmenge. Berührungsängste hat der Kanzler nicht, das Bad in der Menge ist bei solchen Anlässen obligatorisch.

Deutlich vor den anvisierten 10 Uhr hatte der Konvoi das Rathaus erreicht. Amtsbürgermeister Klein ist es dann, der im Namen des gesamten Amtes Kürten den Kanzler begrüßt. Die Feuerwehrleute bilden ein Spalier und geleiten den Besucher zum provisorischen Podium. Es soll Feuerwehrkamerad Addi Ries gewesen sein, der dem Kanzler dann das Mikro überreicht.

Die Kameraden der Feuerwehr, so schildert es der Kürtener Autor Thomas Migenda in seinem Erinnerungsbuch „Hotel Tritz“, hätten an diesem Tag auch den Schutz des Bundeskanzlers übernommen. In der Gemeinde habe es nämlich nur einen Dorfpolizisten gegeben, zu wenig für den Kanzlerbesuch. Auf einem der Fotos zu erkennen ist auch der junge Feuerwehrmann Heinz Tritz, später Hotelier im Ortsteil Waldmühle.

Charme der Region

Als Adenauer das Wort ergreift und in das Mikrofon spricht, erinnert er an den Charme der ländlichen Region. „Ich bin sehr zufrieden darüber, dass das Bergische Land trotz der großen Neubauprogramme seinen ureigenen Charakter gewahrt hat.“ Der Kanzler spricht auch über die Treue der Menschen zu seiner Politik und die im Amt Kürten aufgenommene rege Bautätigkeit; darüber hatte er schon während der Anfahrt mit Paul Lücke gesprochen, dem Bundesbauminister.

Dann eine weitere Grußadresse und Dankesworte zum „spontanen Empfang“ und den „freudigen Gesichtern“. Wenig später steigen Adenauer und Lücke wieder in ihre Limousine und rollen weiter nach Wipperfürth. Währenddessen spielt der Musikverein den „Hohenfriedberger Marsch“, einen der bekanntesten Militärmärsche überhaupt, 1745 beim Sieg der Preußen im Zweiten Schlesischen Krieg gegen Österreich und Sachsen angestimmt. Ob sich Adenauer dieser Geschichte erinnert am 1. Mai 1958, ist nicht bekannt. In Wipperfürth, dem Ziel des Tages, warten da schon 15.000 Menschen auf den Bundeskanzler.

Der 1. Mai 1958 bleibt auch den Wipperfürthern in allerbester Erinnerung. Auf der Kundgebung spricht „der Alte“ (damals war er 82 Jahre alt) über die atomare Abrüstung. Und auf der Rückfahrt stoppte der Kanzler auch noch in Wipperfeld, damals zum Amt Kürten zählend. Weil dort alle Ratsvertreter der CDU angehören, sollte sich der Besucher unbedingt das Dorf anschauen. Und so geschah es.