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Odyssee eines KunstwerksWie das Kreuzigungsfenster des Klosters Altenberg nach London kam

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Die biblische Kreuzugungsszene auf einem Glasfenster.

Das Kreuzigungsfenster aus Altenberg, das sich heute im Victoria & Albert-Museum London befindet, ähnelte dem in der Antoniterkirche Köln.

1803 wurde das Kloster Altenberg aufgelöst und seiner Kunstschätze beraubt. Auch ein Fenster der Marienkapelle verschwand.

„Alles muss raus“ – so ähnlich kann man sich wohl die Stimmung vorstellen, nachdem das traditionsreiche Zisterzienserkloster Altenberg am 12. September 1803 aufgelöst worden war. Die Säkularisierung, die Auflösung kirchlicher Territorien und Klöster und ihre Verweltlichung, verschonte auch Altenberg nicht.

Wie überall im Land mussten auch hier die Mönche ihre Gemeinschaft verlassen, brach das Klosterleben komplett zusammen. Grundbesitz und Gebäude wechselten die Besitzer und gingen in weltliche Hände über, die über Jahrhunderte angesammelten Kunstschätze wurden Ziel von Plünderung, Zerstörung und Verkauf.

Das Kloster Altenberg wurde seiner Kunstschätze beraubt

Auch in Altenberg „begann sogleich der Ausverkauf des künstlerischen Inventars, das beschlagnahmt und versteigert wurde“, so die Kunsthistorikerin Brigitte Wolff-Wintrich in der jüngsten Ausgabe der Cistercienser Chronik. „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde verramscht“, sagt auch Zisterzienserexperte Dr. Norbert Orthen über diese Zeit. Die Verluste für Altenberg waren enorm, vieles ging unwiederbringlich verloren, manches findet sich nach langer Odyssee heute in fernen Museen, vieles tauchte in England oder Amerika wieder auf.

Ein alter Kupferstich, darauf eine kleine Kapelle in einem Klosterkomplex.

Zur Marienkapelle an der Klosterpforte hatten auch Fremde Zutritt. Das Westfenster aus der Fassade befindet sich heute in London.

So wie das Kreuzigungsfenster aus Altenberg. Mit den Fehlstellen muss Altenberg leben - und doch gibt es Spuren. Wer sich dem Dom über den historischen Weg von Blecher hinunter nähert, der sieht – den Felsenkeller im Rücken, die Dhünn vor sich - unmittelbar vor dem barocken Torbogen, der früher den Eingang zum inneren Klosterbezirk darstellte, im Mauerwerk der heutigen „Torschänke“ ganz zart die Andeutung eines zugemauerten Bogens.

Ein bescheidenes Spiegelbild des Westfensters im Altenberger Dom

„Hier hat sich einmal das Kreuzigungsfenster befunden“, erklärt Orthen und hat bildlich vor Augen, was andere hier seit mehr als zwei Jahrhunderten real nicht mehr sehen können: Ein Glasfenster, das in großer Farbigkeit den gekreuzigten Jesus zeigt, ihm zur Seite seine trauernde Mutter. Direkt am Kreuz aber, das Holz fest umklammernd und schön wie die Sünde: Maria Magdalena in rotem, opulenten Gewand. Die biblische Szene spielt sich vor der Silhouette einer imaginären Stadt ab.

Ein Mann steht vor einem Bruchsteingebäude und zeigt auf ein Fenster.

Nur wer - wie Dr. Norbert Orthen - die Geschichte kennt, erahnt im Mauerwerk noch den Bogen des Fensters der Kapelle.

Das kunstvolle Fenster, um 1520 gefertigt, als sich die Zisterzienser längst von ihrer ursprünglichen kargen Lebensweise verabschiedet hatten, gehörte zur Marienkapelle, die sich unmittelbar an der Klosterpforte befand, erklärt Orthen. Es war beinahe ein kleines, bescheidenes Spiegelbild des großen, imposanten Westfensters im Altenberger Dom. Vermutlich wegen ihrer fast externen Lage an der Pforte hatten zur Marienkapelle auch Fremde, so auch auch Frauen Zutritt.

1810 wurde das Fenster versteigert, dann war es verschollen

Nach 1803 ging das wertvolle Fenster der Kreuzigungsszene wohl ebenso wie die Glasscheiben des Kreuzgangs in den Besitz des Käufers der Klosteranlagen Heinrich Pleunissen über, vermutet Brigitte Wolff-Wintrich. Dessen Erben ließen die Stücke 1810 versteigern. „Danach verliert sich jede Spur der 'Altenberger Kreuzigung'“.

Erst 100 Jahre später, im Jahr 1909, taucht das Fenster wieder aus der Versenkung auf und wird als Leihgabe im Victoria & Albert Museum in London aufgeführt. Schließlich sei das Kreuzigungsfenster an den englischen König verkauft worden, der es 1919 dem Victoria & Albert Museum schenkte. In dessen Besitz befindet es sich auch heute noch.

In der Antoniterkirche in Köln existiert eine ganz ähnliche Darstellung

Wer nicht gleich nach London reisen möchte, um das Fenster aus dem Kloster Altenberg zu bewundern, der kann einen kurzen Abstecher an den Rhein machen. „Eine fast identische Darstellung der Kreuzigungsszene befindet sich heute in der Antoniterkirche in Köln“, verrät Wolff-Wintrich und auch in der Kirche St. Matthias in Trier findet sich eine sehr ähnliche Version.

„Offenbar hat man damals schon in Serie gearbeitet“, sagt Orthen, denn die Nachfrage war groß. Die Kunsthandwerker mussten sich effektive Arbeitsmethoden einfallen lassen, um den Bedarf zu decken. „So ein bisschen wie am Fließband“, meint Orthen lächelnd. Auch wenn das noch lange nicht erfunden war.