Warum Alkohol im Karneval für Jugendliche riskant ist und wie Eltern mit klaren Regeln, Gesprächen und Vertrauen vorbeugen können.
Zu Karneval Hürther Referentin gibt Eltern Tipps zum Umgang mit Alkohol bei Jugendlichen

Ein typisches Bild im Karneval: Nach dem Zug bleiben leere Flaschen zurück. (Symbolbild)
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Karneval und Alkoholkonsum gehören für viele Menschen zusammen. Auch für junge Leute. Anja Laudowicz-Bodi arbeitet in der Fachstelle für Suchtprävention der Drogenhilfe Köln in Hürth. Im Interview spricht sie über die Verantwortung von Eltern und gibt Tipps für den Umgang mit Alkohol bei Jugendlichen.
Warum ist Karneval für Jugendliche eine riskante Zeit?
Zu keiner anderen Zeit wird, zumindest in den Karnevalshochburgen, so offen Alkohol getrunken – auf der Straße und auch schon am frühen Morgen. Es entsteht der Eindruck, Alkohol gehöre zum Feiern einfach dazu. Und dass man umso mehr Spaß habe, je mehr Alkohol man trinke. Dem wollen wir entgegenwirken: Auch ohne Alkohol macht Karneval feiern Spaß!
Ist Alkohol für junge Menschen besonders gefährlich?
Alkohol ist ein Zellgift, das alle Organe schädigt. Immer und in allen Altersstufen. Aber: Bis Mitte 20 ist das Gehirn eines Menschen noch nicht vollständig entwickelt. Deshalb kann Trinken, vor allem bis zum Vollrausch, die Gehirnentwicklung empfindlich stören. Alkohol kann die Hirnstruktur verändern und die Gedächtnisleistung für mehrere Jahre oder dauerhaft verschlechtern.
Alkohol schmeckt oft erst mal gar nicht. Warum greifen Jugendliche trotzdem wieder zu?
Trinkgewohnheiten von Jugendlichen haben viel mit der Clique zu tun. Man möchte dazugehören. Alkohol zu trinken wird außerdem mit Erwachsensein verbunden – und welcher Jugendliche möchte nicht erwachsen sein? Zur Entwicklung gehört, Neues auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten und eben nicht nur das zu tun, was die Eltern wollen.

Anja Laudowicz-Bodi berät Jugendliche, Eltern und Pädagogen zum Umgang mit Alkohol und anderen Suchtmitteln.
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Alkohol ist also ein Entwicklungshelfer?
Definitiv nicht. Allerdings zeigt er Wirkung, wenn Jugendliche zum Beispiel Unsicherheit überwinden wollen. Nach einem Bier oder Sekt fühlt man sich sofort weniger schüchtern oder gehemmt. Manche Jugendliche wollen mit Alkohol Schulstress und Leistungsdruck vergessen – da läuten bei uns Fachleuten die Alarmglocken, weil das den Weg in eine Abhängigkeit einleiten kann.
Vor allem an Karneval häufen sich Meldungen, dass Jugendliche ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Man spricht vom Rauschtrinken. Was ist das?
Das Trinken großer Alkoholmengen in kurzer Zeit. Häufig führt gerade der Konsum von hochprozentigen Alkoholika bei Jugendlichen zum gefährlichen Vollrausch mit Alkoholvergiftung bis hin zur Bewusstlosigkeit. Sie müssen unbedingt ärztlich behandeln werden.
Auch für Erwachsene gibt es keinen risikofreien Konsum
Alkohol macht auch sorglos und hilflos?
Ja, das ist eine weitere Gefahr. Wer angetrunken ist, tut oft riskante Dinge. Einige Menschen werden aggressiv. Wer angetrunken ist, wird auch schneller Opfer, zum Beispiel von sexuellen Übergriffen.
Was tue ich konkret, damit mein Kind möglichst ohne Rausch durch den Karneval kommt?
Frühzeitig über die Risiken des Alkoholtrinkens sprechen und Regeln aufstellen. Das alles aber bitte nicht erst, wenn das Kind schon geschminkt an der Garderobe steht und auf dem Sprung zum Feiern ist.
Welche Tipps haben Sie?
Interesse an den Plänen des Kindes zeigen. Wissen, mit wem das Kind unterwegs ist und wohin die Clique gehen möchte. Besprechen, wie in der Clique aufeinander aufgepasst wird und dass niemand allein unterwegs sein sollte. Im Vorfeld klären, wie das Kind sicher nach Hause kommt. Darauf bestehen, dass das Handy geladen ist. Zwischendurch kurze Kontakte herstellen. Eine Uhrzeit vereinbaren, wann das Kind sich melden und wann es zu Hause sein soll. Und über das Jugendschutzgesetz sprechen.
Und wenn Regeln nicht eingehalten werden?
Regeln und Konsequenzen im Vorfeld miteinander zu vereinbaren, erhöht die Akzeptanz deutlich. Konsequenzen sollten aber auch umgesetzt werden können.
Häufig behaupten Kinder: Meine Freunde dürfen viel mehr trinken als ich ...
Ob das so ist, können Sie klären, wenn Sie die Freunde oder deren Eltern fragen. Meistens trinken viel weniger junge Leute einer Gruppe oder Schulklasse Alkohol, als es scheint. Wer trinkt, erzählt davon bloß meistens besonders laut.
Was tun, wenn das Kind doch betrunken nach Hause kommt?
Lassen Sie es nicht allein. Sorgen Sie dafür, dass es sich sicher schlafen legt, ohne dass es zum Beispiel an Erbrochenem ersticken kann. Wenn der Zustand lebensbedrohlich scheint, rufen sie einen Notarzt unter 112.
Und wenn es „nur“ einen kräftigen Schwips hat?
Sprechen Sie das an und verabreden Sie ein Gespräch für den nächsten Tag. Sie können Ihre Sorge oder Ihren Ärger aussprechen, bleiben Sie dabei möglichst unemotional. Fragen Sie, wie es dem Kind geht, wie es dazu gekommen ist und wie es das selbst findet. Wichtig ist, dass Sie das Verhalten kritisieren, nicht das Kind. Zeigen Sie Wertschätzung, wenn das Kind offen antwortet. Treffen Sie eine Vereinbarung für das nächste Ausgehen. Sie können sich natürlich auch Unterstützung bei einer Beratungsstelle holen.
Informationen und Mahnungen werden oft genervt weggewunken. Bleibt da gar nichts hängen?
Doch. Selbst wenn Jugendliche sich von ihren Eltern abnabeln, sind die Eltern weiterhin ihr innerer Kompass. Bei Menschen, die in eine Suchterkrankung rutschen, haben meist Grenzen gefehlt; viele hätten sie sich gewünscht.
Wie kann ich erreichen, dass mein Kind möglichst spät beginnt, Alkohol zu trinken?
Unter 16 sollte kein Kind Alkohol trinken. Seien Sie bei Feiern schnell erreichbar. Sprechen Sie über die Gefahren von Trinkspielen und vom sogenannten Vorglühen, also wenn günstig gekaufter Alkohol getrunken wird, ehe man zum Beispiel in einen Club oder eine Kneipe geht. Wenn Sie einem älteren Kind Vorglühen zu Hause erlauben, fordern Sie, dass nur wenig Alkohol getrunken wird und nichts Hochprozentiges, auch nicht als Mischgetränk.
Sollten sich Erwachsene das Glas Wein beim Familienfest oder das Bier vor dem Fernseher verkneifen?
Auch für Erwachsene gibt es keinen risikofreien Konsum. Pro Woche gelten ein viertel Liter Wein oder zwei kleine Flaschen Bier als risikoarm. Die Vorbildfunktion der Erwachsenen ist nicht zu unterschätzen. Eine deutsche Studie ergab, dass Jugendliche der siebten Klasse, deren Eltern regelmäßig Alkohol tranken, als junge Erwachsene viel mehr tranken als Gleichaltrige mit wenig konsumierenden Eltern. Wenn bei Ihnen Alkohol nur zu besonderen Anlässen getrunken wird, wird es dem Kind wahrscheinlich leichter fallen, einen bewussten Umgang damit zu finden.
Hier gibt es Hilfe zur Suchtprävention
Anja Laudowicz-Bodi ist Fachreferentin für Suchtprävention in Hürth und Projektkoordinatorin des bundesweiten Präventionsprojekts HaLT – Hart am Limit der Drogenhilfe Köln. HaLT möchte Kinder und Jugendliche vor riskantem und die Gesundheit gefährdendem Alkoholkonsum schützen. Es gibt Infomaterial, Workshops für Jugendliche, Elternabende und Angebote für Schulen und Jugendeinrichtungen. Die Drogenhilfe Köln bietet Veranstaltungen zu weiteren Themen an.

