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Die gute Seele“ Iris Braun aus Pulheim gibt  Geflüchteten Deutschunterricht

4 min
Frauen und Männer im Deutschunterricht, im Hintergrund die Lehrerin Iris Braun.

01.04.2026 Pulheim Iris Braun ist in ihrem Element. Seit 2021 gibt sie Geflüchteten Deutschunterricht.

In unserer Serie "Die gute Seele" stellen wir die Pulheimerin Iris Braun vor.

Iris Braun ist in ihrem Element. In einem Raum im Erdgeschoss des Malteser-Hauses an der Hackenbroicher Straße dröselt sie mit ihren Schülerinnen und Schülern einen kurzen Text auf. Sie stellen Fragen zu sprachlichen Besonderheiten, es ist ein munterer, lockerer Austausch. „Es zeigt ihr Interesse unserer Sprache.“

Iris Braun ist Lehrerin aus Leidenschaft. „Es ist meine Berufung“, schwärmt sie. Genau das ist der Grund, warum sich die 69-Jährige seit 2021 bei den Maltesern für Geflüchtete engagiert. An zwei Vormittagen in der Woche bereitet sie sie auf die A1- und die A2-Deutschprüfung (in den Kursen werden Grundkenntnisse der deutschen Sprache vermittelt) vor. Und jeden zweiten Donnerstag gibt es den Deutsch-Treff mit gemeinsamem Spiel, Spaß, die Gruppe plant diverse Projekte – und das alles in deutscher Sprache.

Pulheim: Das Unterrichtet hat Iris Braun gefehlt

2020 war Iris Braun, die seit 1996 am Max-Ernst-Gymnasium Englisch und Französisch unterrichtet hatte, in den Vorruhestand gegangen. Doch schnell stellte sie fest, wie sehr ihr das Unterrichten fehlte. „Ich war nicht ausgelastet“, erzählt sie und lacht. Ihr war sofort klar, wie sie sich engagieren könnte: sie wollte mit Menschen arbeiten, die ihre Heimat verlassen mussten, und ihnen helfen, in Pulheim Fuß zu fassen. In ihrer Schule war sie 2015 schon mit syrischen Geflüchteten in Kontakt gekommen. „Es waren damals ausschließlich Männer, die zu unseren Treffen kamen. Wir haben ihnen geholfen, Anträge und Formulare auszufüllen, aber auch mit ihnen gespielt und viel Deutsch gesprochen.“

Zu einem ihrer Schützlinge, den sie mit der deutschen Sprache vertraut gemacht hat, hat Iris Braun heute noch engen Kontakt. Sie strahlt. „Er hat nach fünf Jahren seine Familie nachgeholt. Die ganze Familie ist voll integriert. Beide Eltern sind berufstätig, die Tochter hat 2025 das Abitur bestanden, jobbt zurzeit, um sich ihren Führerschein zu verdienen und der Sohn besucht die Fachoberschule. Sie sind meine kleine syrische Familie und ich bin sehr stolz auf sie.“

Einige sind nie in der Schule gewesen, können ihre eigene Sprache nicht schreiben
Iris Braun, Lehrerin

Im Team mit ihrem Kollegen, einem ehemaligen Deutschlehrer und drei Frauen, wie sie auch alle Ehrenamtler, unterrichten sie derzeit rund 60 Geflüchtete im Alter von 28 bis 78 Jahren. Vom Vorkurs A1, in dem alphabetisiert wird, bis in den A2.2-Kurs, wo schon sprachliche Besonderheiten besprochen werden, sieht sie, welche Fortschritte die Teilnehmenden machen. „Das erfüllt mich mit Stolz und unendlicher Freude.“

Die meisten Teilnehmenden sind Frauen. „Und fünf Männer haben wir.“ Das Unterrichten dieser kulturell, intellektuell und vom Alter her sehr heterogenen Gruppen sei herausfordernd, gelegentlich auch schwierig, denn sie müsse den unterschiedlichsten Voraussetzungen und Fähigkeiten gerecht werden. „Einige sind nie in der Schule gewesen, können ihre eigene Sprache nicht schreiben, andere haben ein Hochschulstudium absolviert, waren Lehrerin oder Ingenieurin in leitender Position.“

Eine Frau im Gespräch mit einer Schülerin, sie ist allerdings auf dem Foto nicht zu sehen.

Die Lernatmosphäre stimmt, das Unterrichten macht Iris Braun große Freude.

Sie vermittle den Teilnehmenden, dass sie Rücksicht aufeinander nehmen, Schwächen beziehungsweise Stärken des Anderen akzeptieren müssten und sie versuche, sie da abzuholen, wo sie stehen. „Wobei ich alles tue, um ihnen zu helfen, aber ich mache ihnen auch klar, dass sie selbst aktiv werden und regelmäßig mitarbeiten müssen. Mir ist natürlich bewusst, dass ich nicht jeden erreichen kann, aber ich bin froh über jene, bei denen ich es schaffe.“

Manchmal wird der Ton strenger. „Sie müssen verstehen, dass hier kein Parkplatz des Jobcenters ist und dass sie anderen, die lernen wollen den Platz wegnehmen, wenn sie sich nicht einbringen. Sie erhalten Geld dafür, dass sie lernen, müssen keine andere Arbeit aufnehmen – da bin ich nicht bereit zu akzeptieren, wenn sie nichts tun.“

Eine Gruppe vor dem Eingang des Neanderthal-Museums.

Iris Braun macht mit ihren Schützlingen auch Ausflüge. Ein Ziel war das Neanderthal-Museum.

Sehr wichtig ist Iris Braun, dass die Lernatmosphäre stimmt, dass das Lernen Spaß macht und im Unterricht oft gelacht wird. „Viele der Teilnehmendeen sind traumatisiert. Wir reden nicht darüber. Mein Ziel ist, dass sie hier im Unterricht ihr persönliches Schicksal für kurze Zeit vergessen.“ Gelegentlich lädt Iris Braun Gäste ein, beispielsweise Vertreter der Polizei, um den Geflüchteten die Angst vor den Ordnungshütern zu nehmen, zuletzt besuchte sie mit ihren Schützlingen die Pulheimer Feuerwehr. „Das war sehr beeindruckend und sie haben sogar ihre Scheu vor dem Sprechen verloren und viele Fragen gestellt.“

Das Unterrichten erfüllt Iris Braun. „Ich gehe darin auf. Es ist diese Herausforderung Menschen zu helfen, unsere schwierige Sprache zu lernen. Zu sehen, wie glücklich sie sind, wenn sie die ersten Wörter lesen und schreiben können und immer mehr verstehen. Und wie sie sich freuen, wenn sie einen Job oder eine Wohnung bekommen und es schaffen, unabhängig vom Jobcenter zu werden.“

„Natürlich gebe ich viel, aber ich bekomme auch unendlich viel zurück. Sie sind sehr dankbar für jegliche Hilfe. Was sie sich wünsche? „Ich wünsche mir Muttersprachler und Kollegen, die mich ehrenamtlich mit zwei bis vier Stunden wöchentlich unterstützten, damit wir noch mehr und kleinere Kurse anbieten können.“

In der nächsten Folge am Samstag, 18. April, stellen wir Irmgard Karoline Donner vor. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten in der Kerpener Geflüchtetenhilfe - und hat dabei Menschen von der Jugend bis ins Erwachsenenalter begleitet.